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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-06-07 · Heft 23 (7.6.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 23 (7.6.1895)
Date
1895-06-07
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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59. Jahrgang. Nr. 23. Allgemeine Berlin» 7. Inni 1895 eitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, P oft oder di rekt von der Erpedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philippson-Sonn. Verlags-Crpedition: Berlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fi'tr Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Zudenthums". Berlin SW., Zerusalemec Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. I Leitartikel: Selbstvertheidigung. — Die Woche. — Erinnerungen! an Wilhelm von Gutmann. Bon Emanuel Baum garten. — Die Speise-! aesetze. Bon Dr. K. Köhler. — Ans dem Leben König Karls von Rumänien. III.! Bon Theodor Braun. — Ans M. Veits Nachlaß. Von Prof. Dr. Ludwig! Geiger. — lieberA. Bernstein. V. Von Karl Emil Franzos. — Feuilleton:? Der starke Simson. Erzählung von Elise Orszeszko (Forts.). — Sprechsaal.! Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Pankow. Königsberg i. Pr.. Bromberg. Frankfurt a. £)., Glatz. Hannover. Bornheim. Brühl. Homburg, Soden. Neustadt a. d. H.. Wien. Warschau. Brest-Litewsk, Mastricht. New-Bork. — Von Nah und Fern. — Miseetten. Selbstvertheidigung. Berlin, 5. Juni. n den schweren Kämpfen, die uns ein ebenso hämischer wie hartnäckiger Feind seit zwanzig Jahren aufgezwungen, haben wir es nach vielen Priisungen und Erfahrungen gelernt, daß die Selbstvertheidigung das einzige Mittel sei, um den Antisemitismus wirksam zu bekämpfen. Es giebt keine anderen Mittel als Entschlossenheit, Muth und Festigkeit. Man soll nicht um Mitleid betteln, wenn man sich seines Rechtes und seiner Pflicht bewußt ist. So ist es die Art des freien Mannes, der gleich fern ist von dem Mangel an Energie wie von jener peinlichen Bedächtigkeit, die überall ängstliche Besorgniß zeigt. Wir haben unser Selbstgefühl erlangt und aus diesem Bewußtsein heraus haben wir ohne Erhebung über Andere, ohne Anmaßung, ohne die Meinung, etwas Besonderes zu sein oder zu besitzen, gehandelt und so die Würde des Mannes, des Bürgers, des Juden zu erfüllen gesucht. Es ist thöricht zu fragen, was wir dadurch erreicht haben. Der Erfolg geistiger Kämpfe läßt sich statistisch nicht feststellen. Wir habe» uns nicht ungestraft angreifen lassen, wir haben auf jeden Angriff geantwortet, und wir haben es nicht verschmäht, den Feind im eigenen Lager anszusuche». Dabei sind denn gar oft auf einen Schelmen nicht blos anderthalb, sondern mehr als ein Dutzend im Lager der Gegner gekommen. Und hätten wir auch gar nichts Positives erreicht, — wir haben uns gewehrt und dadurch unsere Ehre gewahrt. Das genügt in den Augen aller vorurtheilslos Denkenden. Der Schwache mag zittern und verzagen, nicht aber, wer etwas vermag und sich seines Rechtes voll bewußt ist. Wir wünschten sehnlichst, daß die Kraft des Willens, aus der die Kraft zu handeln folgt, sich jetzt auch bei unseren Glaubensbrüdern in Oesterreich bewähren möge. Es war nicht nöthig, daß diese dieselben Erfahrungen machten wie wir. In dem Reiche, das nach dem Urtheil eines seiner besten Söhne immer um eine Idee und um eine Armee zu spät kommt, hat die judenfeindliche Bewegung gleichfalls viel später begonnen als in Deutschland. Wir haben erst vor Kurzem den Brief eines der hervorragendsten Männer Oesterreichs gelesen, den derselbe 1882 an einen hiesigen jüdischen Arzt, der sich in der Zeit der schlimmsten Hetze von ihm Rath und Trost erbat, geschrieben hat. Dort heißt es: „Was bei Ihnen möglich, das ist bei uns undenkbar. Oesterreich ist nicht Deutschland, Berlin ist nicht Wien, unser Volk ist nicht wie Ihr Volk!" Diese Zuversicht hat sich hart bestraft; härter vielleicht, als sie es verdient hat. In Wien ist jetzt das volle Chaos hereingebrochen. Es ist nun an den Inden Oesterreichs, zu zeigen, daß sie Männer sind und Bürger zugleich, die ihr Recht zu wahren wissen. Sie sind ja dabei schon durch ihre Zahl in einer besseren Lage wie die deutschen Juden. In Galizien, Wien, Böhmen und Mähren haben sie ein entscheidendes Wort bei den politischen Wahlen mitzusprechen. Mögen sie des Psalmenwortes eingedenk bleiben: „Vertrauet nicht auf die Großen und nicht auf Menschensöhne, bei denen keine Hilfe zu finden ist." Selbstvertheidigung und Selbsthilfe ist das Einzige, was sie aus diesem Chaos widerstreitender Gewalten retten kann. Die Inden in Mähren, die durch Intelligenz und Thatkraft jederzeit in Oesterreich eine hervorragende Stellung eingenommen haben, sind bereits mit gutem Beispiel vorangegangen. Mögen die Andern ihnen bald Nachfolgen, ehe es zu spät wird. Das erste und nothwendigste Erfordernis; ist hierbei die Sammlung aller Kräfte, denn nur in der Einigkeit liegt die Kraft. Es darf nicht Jeder für sich und auf eigene Faust in die Arena trete». Nur in geschlossenen Reihen müssen die Juden Oesterreichs Vorgehen und das Recht sich zu wahren suchen, welches ihnen die Berfaffnng des Staates schon vor Jahrzehnten geivührt hat. Die zweite Bedingung für einen Erfolg ist Eintracht im Innern. Die religiösen Gegensätze, die in dem großen Nachbarreiche noch grell gepaart sind, müssen gegenüber den Angriffen von Außen schweigen. Es ist keine Ueberhebnng, wen» >vir hierbei auf das Beispiel der deutschen Juden Hinweisen. , Die dritte und wesentlichste Bedingung aber ist Mlith. Wenn der Mann nicht der Gefahr ins Gesicht sehen kann, ohne zu erschrecken, wenn er nicht freiwillig in den Kampf tritt, wo die Sache seines Glaubens ihn ruft, dann ist er dieses Namens nicht werth. Muth giebt Kraft, und Kraft ist Alles. Mit Muth und Kraft, die nur aus innigem Gottvertrauen hervorgehen, köiinen wir überall den Kampf gegen den Feind, der uns Ehre und Leben streitig machen will, anfnehmen. Wir müffen uns immer nur die Mahnung des größten Dichters und Menschenkenners vor Augen halten: Feiger Gedanken — bängliches Schwanken, — weibisches Zagen, — ängstliches Klagen — wendet kein Elend, — macht Dich nicht frei. — Allen Gewalten — zum Trotz sich erhalten, — nimmer sich beugen, — kräftig sich zeigen, — rufet die Arme — des Himmels herbei."

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