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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-31 · Heft 22 (31.5.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 (ßcltrrrririi - Ungarn* Q Wien, 27. Mai. In .Khuner's Restaurant fand Samstag Abends eine von mehreren hundert israelitischen Wählern besuchte Versammlung statt, welche darüber Berathung pflog, wie in erfolgreicher Weise gegen die jüngsten Kcmzelreden des Pfarrers Deckert Stellung genommen werden könnte. Die Versammlung, vom „Politischen Volksverein" ernberufen, nahm einen sehr bewegten Verlauf. Drei Resolutionen lagen vor. Die eine verlangte Absendung einer Deputation an den Erzbischof Dr. Gruscha, die zweite eine Deputation an den Kaiser, und die dritte Resolution verlangt, daß die Liberalen in energischer Weise von der Regierung Garantien für die Durchführung der Staatsgrundgesetze fordern, eventuell bei Berathung der Budgetdebatte in die Opposition gehen. Es wurde der Beschluß gefaßt, an den Kardinal Dr. Gruscha eine Beschwerdeschrift gegen Dr. Deckert zu richten. - Bei den Bezirksausschußwahlen in der innern Stadt wurden sämmtliche liberale Kandidaten, darunter auch der bekannte Advokat und Vorkämpfer gegen die! Antisemiten Dr. Oskar Hein gewählt. — In Brünn beginnt neuerdings anläßlich der durch den Tod des mährischen Reichsrathsabgeordneten Dr. August Weeber nothwendig gewordenen Reichsraths-Ersatzwahl die ''Agitation. Die „Morawska Orlice" bringt einen Leitartikel, worin sie die im Bezirke des verstorbenen Dr. August Weeber wohnhaften Israeliten auffordert, unter Hinweis auf den Antisemitismus der Deutschen, besonders in Wien, durch Wahlenthaltung dem czechischen Kandidaten zum Siege zu verhelfen. Sie werden die Neutralität niemals zu bereuen haben. Schon einmal haben die Juden anläßlich der Laudtagswahl die Wirkung des Spruches „Yuj k svenm“ gefühlt, und wahrlich zu ihrem wirthschastlichen Vortheil. — Unter großer Betheiligung der Aristokratie, der Gelehrten- und Schriftstellerwelt und der Jndustriellen- und Haute tinunee-Kreise, geleitet von Deputationen vieler humanitärer Vereine, die der Verblichene bei Lebzeiten thatkräftigst unterstützt hat, wurde am 19. d. M. Wilhelm Ritter von Gutmann zu Grabe getragen. Am Grabe sprachen Rabbiner Dr. Schmiedl, Professor Sueß? Namens des philantropischen Vereins, Rektor Dr. Schwarz für die jüdisch-theologische Lehranstalt und Rabbiner Dr. I. Wolf. Außer den sofort zur Vertheilung an Arme gelangten 10,000 fl., welche in den letztwilligen Bestimnumgen.Wilhelm v. Gutmann's ausgeworfen waren, ist testamentarisch ferner verfügt worden: Die Errichtung einer Stiftung von etwa 200,000 fl. mit der Bestimmung, daß jährlich 8000 fl. an verarmte Gewerbsleute in Wien, und zwar je zur Hälfte jüdischer und christlicher Konfession zur Vertheilung gelangen. Herr Max v. Gntmann errichtet, den Intentionen seines vereinigten Vaters folgend, eine Stiftung von 900,000 fl., deren Zinsen zur Unterstützung von Waisen nach Berg- und Hüttenarbeitern verwendet werden, die bei den Montan- Unternehmungen der Firma im Ostrau-Karwiner Revier bedienstet waren. Ferner widmete Frau Jda v. Gutmann, um das Andenken ihres verewigten Gemahls zu ehren, den Betrag von 4000 fl. für das israelitische Mädchen-Waisenhaus in Döbling, 2000 fl. für die israelitische Kinderbewahranstalt in der Großen Schiffamtsgasse in Wien, 1000 fl. den Ferienkolonien, 500 fl. dem Maria - Theresien - Hospital, 500 fl. dem Kinderasyl in Zwillingsdorf, 1000 fl. der freiwilligen Rettuugsgesellfchaft, 500 fl. für das Asyl armer Wöchnerinnen in Gersthof und 500 fl. für das Siechenhaus in Braunkirchen bei Krems. Endlich wurde noch der Betrag von 60,000 fl. für verschiedene Wohlthätigkeitsinstitute gespendet. — Am 29 d. M. fand aus dem israelitischen Friedhofe die Beerdigung des Reichsrathsabgeordneten für Graz, Josef Neuwirth, unter zahlreicher Betheiligung beider Häuser des Reichsrathes statt. — Samstag den 25. d. M. verschied in Währing der Verwalter des Rothschild-Spitals, kaiserlicher Rath Dr. Bernhard Wölfl er. Mit ihm ist einer der tüchtigsten Aerzte der allen Schule, ein Arzt im idealsten Sinne, ein Menschenfreund und wahrer Vater der Firmen aus dem Leben geschieden. Dr. Wölfler hat das israelitische Spital in Währing, die Heilanstalt in Kierling und zahlreiche humanitäre Institute ins Leben gerufen. Der Verstorbene war auch Ritter des Franz Josefs-Ordens. Frankreich. * Paris, 22. Mai. Der Großrabbiner Frankreichs, Zadoe-Kahn, hat den ihm unterstellten Rabbinern den Plan einer Uebersetzung der Bibel mitgetheilt und sie aufgefordert, an derselben mitzuwirken. „Es ist in religiöser und sittlicher Hinsicht von der höchsten Wichtigkeit, dcch wir unfern Gläubigen eine französische Bibel in die Hand geben, weid e durch ihren niedrigen Preis auch den Aermsten zugänglich, dabei in klare , einfacher, schöner Sprache abgefaßt sei. Eine solche Bibel kann nur dos gemeinsame Werk der französischen Rabbiner sein", schreibt er. Dos Unternehmen ist insofern wichtig, als es der fortschreitenden Französirm g der^Juden in Frankreich entspricht. Das Rundschreiben des Großrabbine s erinnert, daß S. Cahen, der Gründerder „Archives israelites“, eine v cu - ständige Bibelübersetzung herausgegeben hat. Aber diese ist mit ein c Unmasse Bemerkungen und Erklärungen versehen, umfaßt deshalb zwo f Bände und kostet über hundert Franken, während die neue Bibel as Volksbuch natürlich sehr billig sein wird. Kon Nah und Fern. Auch die Petitionskommission des Herrenhauses hat dur^ den Berichterstatter v. Schöning (konservativ) beantragt, über die Petitionen wegen Uebersetzung des Talmud und Schulchau Aruch zur Tages ordnung überzugehen. — In den Landes-Eisenbahnrath wurde von Seiten der Regierung der Kommerzienrath E. Arnhold hie: von Seiten der Bezirks-Eisenbahnräthe aus den Kreisen der Industrie Stadtrath Dr. M. Weigert hier und Fabrikdirektor N. Kantorowu, in Posen, aus den Kreisen des Handelsstandes Kaufmann Mugdan l Breslau gewählt. — Im israelitischen Waisenhause zu Kassel ist de §k naben handfertigkeitsunterricht eingeführt worden. Der neu Leiter der Anstalt hat 511 wiederholten Malen die Kurse der Lehrer bildungsanstalt für Knabenhandarbeit in Leipzig durchgemacht. — Au Gießen wird berichtet: Zur Ehrung des ehemaligen Reichstags abgeordneten Dr. Ludwig Bamberger, welcher von 1842-1843 dre Semester an der hessischen Landes-Universität studirte und am 24. Jun 1845 bei der juristischen Fakultät promovirte, hat die Fakultät dm Doktor-Diplom erneuert und mit einer Tabula gratuloria an 'den Jubila nach Berlin übersandt. — Die israelitische Kinderheilstätte Dad Nau heim, die jetzt das vierte Jahr ihres Bestehens beginnt, hat ihr. Saison mit der ersten Gruppe von zehn Knaben eröffnet. Wie wi hören, soll noch in diesem Jahre mit dem Bau eines eigener. Hospitals begonnen werden. Das Kuratorium der Anstalt ist in Frankfurt a. M., den ärztlichen Dienst hat Dr. Hirsch hier über nommen. — In der letzter: Sitzung der Kannner der Abgeordneter in Stuttgart wurde der Beitrag der Staatskasse zur israelitischer Centralkirchenkasse mit 32,400 Mark ohne Debatte genehmigt. —! Ter Nnterrichtsausschuß des ungarischen Abgeordnetenhauses nahm auf Antrag des Kultusministers Wlassics den Gesetzentwurf über di. Rezeption der jüdischen Religion gemäß den Abänderungen des Mag natenhauses an. Ferner beschloß der Ausschuß nach einem weiterer Arllrage des Kultusministers, die vom Magnatenhause gestrichenen Paragraphen des dritten Hauptstückes des Gesetzentwurfes über die freu Religionsübung ausrecht zu erhalten und durch eine stilistische Aenderuna den aus dem ersten Gesetze gestrichenen Artikel in diesem Gesetze wieder herzustellen. Der Justizausschuß des Abgeordnetenhauses nahm ein stimmig die Vereinbarung des Unterrichtsausschusses an. — In Len: berg wurde auf Initiative des Reichsrathsabgeordneten Dr. Byk eim Versammlung achtbarer Gemeindemitglieder abgehalten, um den in de: Stadt Komarno am 15. d. durch ein verheerendes Feuer.in Noth unk Elend gerathenen Einwohnern dieser Stadt (1200 jüdische Familien er litten hierbei einen Schaden von fl. 600,000 und viele früher vermögende Handelsleute sind zu Bettlern geworden) momentaneHilse leisten zu können. — In Paris ist der zweite Rabbiner der portugiesisch-jüdischen Gemeinde, Dr. Morse Jacques Montefiore, im Alter von 38 Jahren gestorben. Der Verstorbene war in Italien geboren, wo er schon seit langer Zeit rabbi nische Aemter bekleidete. — Der französische Antisemit Drumont mad)? es Stöcker nach Wie der 8. Band des soeben erschienenen „Journal des Goncourt" mittheilt, behauptet der Führer der französischen Antisemiten, die Juden hätten ihn in einer Volksversammlung durch vergiftetes Zuckerwasser aus der Welt schaffen wollen!! „Ist es auch Wahnsinn, hat es gleich Methode." Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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