Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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>9. Lahrgang. Nr. 22. V Öt^4 Berlin. 31. Mai l89b. 'MeiL'ctge zur „Allgemeinen Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. B. Berlin, 27. Mai. In der Repräsentantensitzung am 20. d. M. gab nach Erledigung einiger geschäftlicher Mittheilungen der?rste Vorsitzende, Herr Hermann Landsberger, der Versammlung Kenntniß von einer Schenkung des Herrn Julius Bleichroeder im Betrage von 10,000 Mark für bedürftige Zöglinge der Präparanden-Anstalt. Die Schenkung wird seitens des Repräsentantenkollegiums angenommen. 2^ie der Vorstand mittheilt, sind für die ausgeschriebene Stellung eines Ochsten Rabbiners 32 Bewerbungen eingelaufen. Um die Prüfung derselben vorzunehmen, wird eine gemischte Kommission eingesetzt, in welche durch Stimmzettel von den Repräsentanten die Herren Justizrath Dr. Tiktin, Leonhard Sachs, M. Simon und R. Mosse gewählt wurden. Herr Leichtentritt erstattet alsdann Bericht über den Kassenabschluß der diesjährigen Mazzothvertheilung. Bon der zu diesem Behufe ausgesetzten Summe von 8000 Mark sind ION Mark erspart geblieben. Fm Ganzen wurden 323 Centner vertheilt und gegen das Vorjahr 185 Personen mehr bedacht Die Versammlung bewilligt alsdann auf Referate des Herrn Fränkel 3300 Mark für Pflasterarbeiten auf dem Friedhöfe zu Weißensee, und 15000 Mark für die Renovirung des Hauses Kaiserstraße 29. Der Vorstand verlang! sodann die Summe von 500 Mark zum Zwecke der Entsendung von Zöglingen des Reichenheimschen Waisenhauses in Ferienkolonien. Namens des Finanzausschusses bemängelt Herr Louis Sachs, daß die Gemeinde nur den Zöglingen des Waisenhauses diese Wohlthat zuwenden wolle und beantragt, die 500 Mark der Waisenkommission ganz allgemein zur Beringung zu stellen, damit auch diejenigen Waisenkinder, welche nicht in einer Anstalt untergebracht, der Wohlthat eines Landaufenthaltes theilbastig werden könnten. Es schließt sich hieran eine längere Debatte, welche damit endet, daß schließlich die geforderten 500 Mark bewilligt und außerdem Zaus Antrag der Herren San.-Rath Blumenthal und Ruß fernere 500 Mark der Waisen-Kommission zu gleichem Zweck zur Verfügung gestellt werden. — Für ein Kinderhospital in Königsdorf-Jastrzemb wurden 50 Mark Subvention bewilligt. — Zur Berathung gelangte ein dringlicher Antrag des Vorstandes, au den kommenden hohen Feiertagen den Gottesdienst in den Kellerschen Festsälen, Koppenstraße, nach dem Ritus der Synagoge Kaiserstraße stattfinden zu lassen. In diesem Sinne hat auch, wie mitgetheilt wird, der Centratverein für die Interessen der jüdischen Gemeinde petirionirt, während eine Eingabe des liberalen Vereins um die Einführung des in der Liudenstraßen-Synagoge üblichen Gottesdienstes ersucht. Die Versammlung beschließt fast einstimmig nach dem Anträge des Vorstandes den Ritus der Kaiserstraßen-Synagoge. Gleichfalls in Folge eines dringlichen Antrages werden 2000 Mark bewilligt zur Anfertigung von Skizzen für den Bau einer Synagoge im Westen. Zum Schluß erledigt die Versammlung eine Reihe von Aenderungen des Statuts, welche vom Polizeipräsidenten an dem früher eingereichteu Entwurf vorgenommen waren. Soweit diese Aenderungen formaler Natur waren, hatte sich der Vorstand den Forderungen der Behörde gefügt, und die Reprase ' g genehmigt dieselbe ebenfalls. Von materieller Bedeutung ist jedoch die Abänderung der Behörde, nach welcher die Stellvertreter des Vorstandes wie der Repräsentanten entgegen den: bisherigen Statut auf o Jahre gewählt sein sollen. Die Versammlung schließt sich in diesem Punkt dem abweichenden Votum des Vorstandes an, welcher nöthigenfolls die Frage im weiteren Instanzenweg zur Erledigung bringen will. Ebenfalls von Bedeutung ist die von der Behörde geforderte Aenderung des § 51), nach welcher auch die nicht Steuer - zahlenden wahlberechtigt sein sollen. Ter Referent plaidirt im Sinne dieser Abänderung, während der Vorstand dafür eintritt, daß es bei dem bisherigen Modus bleiben solle. Nach längerer Debatte entscheidet sich die Versammlung mit 12 gegen 5 Stimmen im letzteren Ieilung des IuöenkHums". . Sinne. Tie noch schärfere Fassung des Entwurfes ist hiermit beseitigt, j Es folgt eine geheime Sitzung. | z. Berlin, 28. Mai. Gestern Abend 8 Uhr fand in Dräsels Fest-! säten eine Versammlung des „Liberalen Vereins für die An-; gelegenheiten der jüdischen Gemeinde" statt. Der Vorsitzende j des Lokal-Komitees für das Centrum Berlins, Herr Maurermeister! S. Weile, eröffnete die Sitzung und ertheilte, nach einigen an die z ahlreich! erschienenen Gemeinde-Mitglieder gerichteten Begrüßungsworten, Herrn! Rechtsanwalt Dr. Hermau Veit Simon das Wort zu einem Vortrage I über „die Organisation der jüdischen Gemeinde in Berlin". Mit bej redten Worten schilderte der Vortragende die Entwickelungsgeschichte der! Berliner jüdischen Gemeinde, welche aus kleinen Anfängen zu der gegenwärtig größten Gemeinde in Deutschland emporgeblüht ist. Der Vortragende berichtete, wie dieOrgane der Gemeinde, Vorstand, Repräseutanten- Kollegium, Gemeindekommissionen nach dem Gesetz von 1847 und dem Gemeindestatut zusammengesetzt sind, gewählt werden und funktioniren. Daß die Zahl der Vorstandsmitglieder nicht mehr ausreiche, haben auch die Gemeindebehörden in dem bisher noch nicht genehmigten Entwurf eines neuen Statuts anerkannt; doch läßt sich schwer auf dem Boden des Gesetzes von 1847 Abhilfe schaffen, da die Gemeinde schon die gesetzliche Maximalzahl von 7 Vorstandsmitgliedern habe. Es sei zu hoffen, daß der vom Vorstand vorgeschlagene Ausweg seitens der Behörden genehmigt werde, danach sollen die stellvertretenden Mitglieder des Vorstandes zu Vorsitzenden der Verwaltungskommissionen ernannt werden können und in den ihre Kommissionen betreffenden Angelegenheiten das Referat im Vorstand zu halten befugt sein, wenn ihnen auch das Stimmrecht versagt bleiben muß. Mit besonderen Schwierigkeiten habe die Steuerverwaltung zu kämpfen, da die Behörden namentlich in den Vororten, nicht immer die verlangte Auskunft ertheilen wollen und daher die Feststellung, wer Mitglied der jüdischen Gemeinde sei, vielfach nur auf privatem Wege erfolgen kann. Redner kam alsdann auf den Religionsunterricht zu sprechen und erwähnte dabei, daß schon in der Mitte der vierziger Jahre der Versuch gemacht sei, den jüdischen Religionsunterricht in den ordentlichen Unterricht auszunehmen. Damals wurde das Gesuch durch das Kultusministerium abgelehnt und dahin entschieden, daß jüdischer Religionsunterricht jedenfalls nur außerhalb der Schulzeit ertheilt werden dürfe. Erst hiernach sei 1856 die erste Religionsschule errichtet worden. In den letzten Jahrzehnten sei daun seitens der Gemeinde, abgesehen von der Vermehrung der Religionsschulen, auch insofern viel für die Verbesserung der Verhältnisse geschehen, als auf die Einführnng des Religionsunterrichtes an den öffentlichen und privaten Unterrichtsanstalten energisch hingewirkt worden sei. Zum Schluß kam der Redner auf die Wohlthätigkeits-Jnstitutionen und die verschiedenen! Verwaltungskommissionen zu sprechen und bedauerte, daß noch keine! Kommission für die Förderung der Wissenschaft des Jndenthums vorj Händen sei. „Obwohl der Vorstand erheblich gewirkt, — lauteten die Schlußworte — so wollen wir doch nicht bei dem Errungenen stehen bleiben. „Rast' ich so rost' ich". Wir wollen auch auf diesem Gebiet fortschreiteu und im Sinne unseres Programms wirken zürn Heile unserer Religion. An der hierauf folgenden Diskussion betheiligteu sich die Herren Rechtsanwalt Makower, Frank, Hermann Hirsch, Kalischer, Dr. Simon, Dr. Schäfer, A. Lewin u v. 91., deren Ausführungen hier wiederzugeben der Raum uns nicht gestattet. Nach einigen anregenden Worten des Dr. Maretzki, derartige Bersannnlungen im Interesse des liberalen Vereins öfters abzuhalten, schloß der Vorsitzende des Lokal- Komitees die Versammlung.; — Berlin, 28. Mai Die Baruch Auerbachschen Waisen-! Erziehungsanstalten, die, im Jahre 1833 mit vier Zöglingen er- > öffnet, zu einer der segensreichsten Stiftungen Berlins gediehen sind, sollen demnächst aus ihrem auch für den gegenwärtigen Bestand von 76 Zöglingen nicht mehr genügenden Heim in der Oranienburger Straße verlegt und wesentlich erweitert werden. Der Wohlthüterausschuß hat der Erwerbung eines das bisherige nahezu viermal an Größe übertreffen- 31963