Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- Seite 264 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Sprechfaul. Mm Sprechsaal der Nr. 20 der „Allg. Zeitrmg des Judenthnms'" macht nur Herr Tr. Lyon den Vorwurf, daß ich seine in der „Zeitschrift für den deutschen Unterricht" gemachte methodische Bemerkung in Bezug auf das Rückertffche Gedicht „Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt" aus dem Zusammenhang herausgerissen und in eine ganz falsche Beleuchtung gerückt habe. Wenn Herr Dr. Lyon damit den lokalen Zusammenhang meint, so hat er allerdings recht, da ich natürlich nicht den ganzen Aufsatz abschreiben konnte, sondern an einer passenden Stelle abbrechen mußte. Keineswegs aber habe ich die Stelle aus dem logischen Zusammenhang gerissen, so daß dadurch der Sinn des Ganzen entstellt oder in eine Beleuchtung gerückt wurde, in der sie sich nicht schon befunden. Für nach und die Leser „der Allgemeinen Zeitung des Judenthnms" handelte es sich nicht darum, daß Herr Dr. Lyon - vor die Wahl einer geschmacklosen Verstümmelung oder gänzlichen Beseitigung des Gedichtes gestellt — sich für die letztere entschied, sondern darum, daß er die Beibehaltung des „Juden" in einer'Weise motivirt, gegen die wir protestiren müssen und die, milde gesagt, etwas sehr eigeuthümlich aussieht. Oder vielleicht nichts Man urtheile! Die betreffende Stelle nennt Herr Dr. Lyon eine „prächtige Schilderung", in welcher die Geldgier in gestaltungskräftiger Weise verkörpert sei, trotzdem verletzt nach seiner Meinung sie die jüdischen Schüler gar nicht; „höchstens geht beim erstmaligen Lesen ein Zucken wie ein leises, inneres Auflachen mit Seitenblicken auf die jüdischen Mitschüler durch die Klasse". Diese Bemerkungen waren für mich der Kern des Ganzen, gegen die ich meine Meinung sagen wollte, nicht der Umstand, daß Herr Dr. Lyon vollständige Weglassung des ganzen Gedichtes fordert. Ob ich letzteres geschrieben oder nicht, dadurch wird der eigentliche Sinn seiner motivirenden Bemerkungen nicht tangirt. Bon einem Verschweigen des Kerns der Ausführungen kann also gar nicht die Rede sein, umsoweniger, als Herr Dr. Lyon der Weglassung des Gedichtes lange nicht so begeistert das Wort redet als der Beibehaltung des „Juden". Herr Dr. Lyon meint dann, jeder Anstoß könne bei der betreffenden Stelle vermieden werden, wenn der Lehrer die Kinder von vornherein anhalte, poetische Gestalten nicht zu verallgemeinern. Aber redet nicht gerade sein Artikel dieser Verallgemeinerung das Wort, wenn er in dem „Juden" die Geldgier in gestaltungskräftiger Weise verkörpert sieht? Heißt nicht eben das den „Juden" als verkörperte Geldgier verallgemeinernd Und wenn der „Jude" nicht typisch sein soll, warum den Ausdruck so warm vertheidigen? Um diese Ecke kommt Herr Dr. Lyon nicht herum. Daß er übrigens aus politischen Gründen für Beibehaltung des Ausdrucks eingetreten sei, habe ich nicht behauptet, eine Verwahrung gegen eine derartige Unterstellung ist also überflüssig (ebenso wenig habe ich auch nur mit einer einzigen Silbe erwähnt, Herr Dr. Lyon habe das von ihm besprochene Lesebuch verurtheilr; es ist mir unerklärlich, wie Herr Dr. Lyon dazu kommt.) Dagegen muß allerdings ich Verwahrung einlegen, daß die jüdischen Schüler, die sich durch die betreffende Stelle — selbst taktvolle Behandlung vorausgesetzt — verletzt fühlen, „an Ueberempfindlichkeit und krankhafter Ueberreizung" leiden. Was würden denn christliche Binder thun, wenn der Fall ein umgekehrter wäre? Es ist eben die alte Praxis. Man hat uns von jeher überempfindlich gescholten, wenn wir nicht Alles ruhig einstecken wollten und bei unfern Prügeln etwa einmal die Nase rümpften. Hier bei dieser krankhaften Ueberreizung vermag die wahre Erziehungskunst heilend zu wirken, meint Herr Dr. Lyon. Ja, wenn nur diese wahre Erziehungskunst in unserem Sinne wirken würde! Wenn sie nur etwa sagen wollte: der Ausdruck „Jude" ist nicht am Platz; er verallgemeinert ungerechterweise, denn es waren ja sehr viele Juden früher Hausierer, aber gestohlen, haben sie nicht. Also streichen wir den Ausdruck und ersetzen ihn durch „Räuber". Würde die Jugend in dieser Weise zu einer richtigen Auffassung des Lebens geführt, dann kön. ckn auch wir uns mit dem Rückerttschen „Juden" befreunden. Statt dessen aber findet man die Schilderung prächtig, gestaltungskräftig, die Geldgier verkörpernd, man fürchtet, einer Volksvorstellung zu nahe zu treten, statt daß man bestrebt sein sollte, falsche Volksvorstellungen, die gar keine Berechtigung mehr haben, zu korrigiren. Nach dieser Seite sollten einmal unsere Dichter und Pädagogen wirken. In Wirklichkeit aber lassen sich selbst liberale Schriftsteller in dieser Hinsicht bedauernswerthe Einseitigkeiten zu schulden kommen. Eine gewisse Gleichberechtigung auf diesem Gebiete wenigstens möge uns doch Herr Dr. Lyon gestalten! Im klebrigen lag mir ein persönlicher Eingriff gegenden verdienten Schulmann vollständig fern. Gerade aber, weil die be treffenden Aeußerungen aus so beachtenswerthem Munde kamen, durfte! sie nicht unwidersprochen bleiben. Nürnberg, im Mai. Jakob Seifensieder X der Erwiederung des Herrn Dr. Otto Lyon in Dresden in de. vorigen Nummer dieser Zeitung kann ich nicht umhin, einige noth wendige Bemerkungen zu machen. Vor allen Dingen habe ich mit Freude davon Kenntniß genommen daß der geschätzte und rühmlich bekannte Herr Kollege nicht aus politische! Gründen für Beibehaltung des „Juden" in dem bekannten Rückertschei Gedichte „Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt", eingetretei ist, und daß er überhaupt dem politischen Parteigetriebe vollkommen fern stehe. Ich bin auch ganz seiner Meinung, daß das Gedicht entweder in der philologisch genauen Fassung des Originals zu geben oder aus dem Lesebuch wegzulassen ist. Aber ich will mich nicht auf die Geschicklichkeit des Lehrers verlassen, sondern sage mit Herrn Seifensieder: „Hinweg mit derartigen Stücken ans unseren Schulen!" Vor etlichen dreißig Jahren hat das Gedicht bei mir und meinen Mitschülern keinen besonders unangenehmen Eindruck gemacht; denn damals verallgemeinerte man noch nicht wie heute. 'Aber der Gegensatz zwischen Jüdisch und Deutsch wird von vielen Seiten immer mehr dahin zugespitzt, daß alles Deutsche unbedingt gut und alles Jüdische, ja sogar alle Juden unbedingt schlecht seien. Heer Tr. Lyon ist hierüber jedenfalls hinlänglich unterrichtet. Wenn also, wie Herr Dr. Feßler berichtet, sein Söhnchen bei dem Worte „Jude" stockt und dann es nur mit Beklemmung lieft, so weiß es leider schon aus Erfahrung, daß dieses Wort ein arges Schimpfwort ist. Nun sagt Herr Dr. Lyon, „ein geschickter Lehrer kann hier sehr viel dazu beitragen, daß jeder Anstoß vermieden wird, wenn er die Kinder von vornherein dazu Inhalt, poetische Gestalten nicht verallgemeinern". Ja, sind denn aber alle Lehrer geschickt? Und glauben nicht gerade manche recht „national" zu wirken, wenn sie schon den Kindern beibringen, daß der Jude „das Prototyp der Habgier", der „rücksichts- und gewissenlosen Erwerbsgier" u. dgl sei? Von den Rassenantisemiten wird das übrigens geradezu verlangt, und die „Deutschbundbrüder" unter den Lehrern werden die Forderung des Herrn Dr. Lyon, poetische Gestalten, auch wo es sich um Juden handelt, nicht zu verallgemeinern, schwerlich erfüllen. Es kommt aber noch etwas hinzu Mag auch von bösen Stiefmüttern die Rede sein: wer eine gute hat, wird sie nicht hassen; mag man behäbige Kleriker noch so oft als genußsüchtige Feinschmecker zeichnen, ihrem Stande schadet das nicht; mag man noch so alberne Witze über Offiziere machen, ihre Stellung bleibt trotzdem und mit Recht eine geachtete. Aber das Ansehen der Juden ist noch zu gering, als daß sie ähnliche Angriffe vertragen könnten; nur zu gut wissen wir, daß bei ihnen sofort verallgemeinert wird, und jetzt mehr als je. Es ist also keine „Ueberempsindlichkeit", wenn schon Kinder stutzig werden. Was jüdische Zöglinge in öffentlichen Schulen ohnehin hören müssen, ist uns Allen genugsam bekannt; soll das durch ein gedrucktes Wort (und vielleicht ein Lächeln oder gar eine zustinunende Bemerkung des Lehrers) vollends gutgeheißen werdend Von Lessings Nathan ist eine Verunglimpfung der Juden nicht zu befürchten; was jedoch Shakespeare und G. Freytag anlangt, so sollen und dürfen sie sicherlich nicht aus der Schule verbannt werden; aber deswegen braucht man doch nicht gerade dm Kaufmann von Venedig oder gar den umfangreichen Roman „Soll und haben" mit den Schülern zu lesen. Ich wüßte auch nicht, wo das geschieht. Wenn ich somit theoretisch Herrn Dr. Lyon beitrete (daß man solche Gedichte unverändert oder gar nicht aufnimmt, und daß man poetische Gestalten nicht verallgemeinern soll), so muß ich im Hinblick auf die thatsüchliehen Verhältnisse doch den Herren Seifensieder und Dr. Feßler zustimmen, daß Schulbücher von solchen Gedichten frei bleiben. Dann wird auch leichter erreicht werden, was Herr Dr. Lyon und jeder von uns mit ihm erstrebt: „die Jugend zu einer reineren und unbefangeneren Ansfassung des Lebens hinzusühren". Frankfurt a. M. Dr. Knttner, Oberlehrer. Track und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mov Bauchwitz in Berlin.