Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-31 · Heft 22 (31.5.1895) · p. Seite 262

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
Seite 262 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228094-3228117--51831-3272596
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

262 kannte wattirte Jacke, die auf dem Nücke» sich fallet, glänzt, nicht etwa weil der Stoff so werthvoll, sondern weil sie schon so alt ist; sie schleicht durch die Gasse mit kleinen, hastigen und doch surchtsauieu, schüchternen Schritten. — Sie scheint ewig über etwas besorgt, ja säst betäubt oder verdummt zu sein, und ihre schwarzen Augen belvegen sich fortwährend sehr rasch i» den, gelben, verwelkten Gesicht und blinzeln oft sehr lebhaft. Dieses Blinzeln verrüth ein stetes rastloses Suchen und Schauen und manchesmal auch ein ruirnhiges Wachen, ein leidenschaftliches Begehre». — Es kommt auch vor, daß die Augen Zipa's einen boshaften Ausdruck annehinen und daun vortresflich mit der niedrigen Stirn harmonircu, ivelche von den dichten Augenbrauen bis zum Naude des Scheitels mit unzähligen kleine» Runzeln bedeckt ist. Spottet aber nicht übec die kleine einfache Jüdin mit dem schlichten und unästhetischen Aussehen. — Sie hat eine sehr wichtige Sache durchgeführt, sie hat in der Praxis eine schwere soziale Frage gelöst, welche die ganze Welt als ein überaus schwieriges Problem bis jetzt vergeblich zu lösen gesucht hat. Sie hat nämlich die Frage der Berleihung gleicher Rechte au die Frauen im Erlverbsberufe praktisch gelöst. Zipa hat die Lösung der Frage bis zum Ziel geführt, weil sie seit zwölf Jahren ihren Mann und ihre fünf Kinder erhält, und weil die ganze Stütze, die sie zu allen diesen Viel entsprechenden Unteruehinungen hat, das erwähnte Kapital von dreißig Rubeln ist! Mit diesen die Grundlage ihrer Familienexistenz repräsentirenden dreißig Rubel» hat sich Zipa einen kleinen Kolonialladcn mit Hilfe eines ebenso großen Kredits errichtet, den mau ihr in dem Laden, wo sie früher die Funktionen der Gazelle versah, zugesagt hat. Die wichtigste Aufgabe für jedes Unternehmen, dessen Ziel der Verdienst ist, bleibt immer das Finden der Kunden. Zipa fing schon vom ersten Tage an, an welchem sie ihr Geschäft begründet, ihre Kunden zu suchen und sticht sie noch bis zum heutigen Tage, nicht deshalb weil sie sie nicht finden kann, nur weil sie sie gleich verliert und dann genöthigt ist, wieder neue zu suchen. Das Berlicren der Kunden rührt aus verschiedenen Ursachen her, unter denen nicht die kleinste Schuld der geheimnißvolle» Thütigkeit zusällt, welche Zipa jeden Abend nach Schluß des Geschäftes, in einem kleinen Winkel des Ladens zwischen dem Schreibtisch und der Wand vorninimt. Da hört man aus dem Winkel verschiedene Geräusche, etwa wie ein Auskleben und Zukleben, ninschütten und uingießen. Obwohl diese Operationen, welchen sich Zipa zu einer gewissen Nachtzeit widmet, bei dem Hellen Lichte der kleinen auf dem Schreibtische brennenden Lampe sehr geheimnißvoll ausseheu, so wäre es doch übertrieben, ihnen irgend eine tragische Bedeutung beizumessen. Zipa gehört zu keinem Judeu-Komplott, welches den Schaden oder gar die Vernichtung unschuldiger Christenkinder bezweckt. Sie fertigt nichts Verderbliches und Schlechtes für ihre Kunden in ihrem Gehcimuiß und ihrer Heimlichkeit an, die etwa Christen sind; ich bürge diesen dafür, daß sie nie in ihrem Leben gehört und gewußt hat von einem derartigen Komplott. Sie operirt vielmehr auf ihre eigene Hand, ohne irgend eine Solidarität nrit dem Rest ihres zerstreuten Volkes. Ihr einziger Gegner ist das gesammte Wesen, welches sich das kaufende Publikum nennt. Die mächtigen Ursachen, die sie dazu bringen, um aus guten Waaren mittlere und aus mittleren schlechte zu machen, sind: ein gelehrter Mann und fünf Kinder und dreißig Rubel, die als Grundkapital zu allen Unternehmungen dienen müssen. — Das Publikum besitzt aber einen vortrefflichen Geschmack und Geruch, iveil es, kaum daß es von Zipa ihre Waaren bezogen, alsbald zu kaufen aufhört, nachdem man ihr viele Vorivürfe gemacht, gelärmt und geschrieen hat, was leider oft nur zu berechtigt war. Das Aussuchen neuer Kunden bleibt für Zipa des Ziel unaufhörlicher Bemühungen und emsigen Strebens. Sie bemüht sich, di: Gunst ihrer Kunden auf jede mögliche Weise, durch klagende Bitter Hände küffen und durch Erweisung aller gewünschten Dienstleistuuge zu erringen. Um noch von Zeit zu Zeit einen Groschen mehr verdienen und ihren Kunden gefällig zu sein, wird sie Alles nach einander: Dienstmann, Bricfbote, Vermittlerin, Vermittlerin zwische Solchen, die borgen und den Ausborgenden. Dann sitzt sie ir Laden nur zeitweilig; cs vertritt sie die Mutter, die Schwester ode eine Nachbarin. Sie läuft den ganzen Tag von einem Hause i< das andere, trügt unter dem Arm schwere Packete, auf dem Rücken ganze Stöße von alten Kleider», bleibt demüthig an der Schwell stehen mit einem vollen Korb voll Thre und Wein in der einen und Leckerbissen in der andern Hand. Sie zankt mit den Köchimm und Portiers, die sie zu ihren Wohlthätern nicht herein lasten wollen sie besticht die Strengen mit ein paar Feigen oder einer Hand bol Nüssen, manches Mal wird sie auch ungeduldig und sängt eiltet solchen Lärm mit andern Frauen an, die ihr eine schwere Konkurre» machen, daß der Wachtmeister sich nähert und sie zwingt, das Fell des Kampfes zu räumen. Einmal sogar blieb in den Händen dieses rohen Nepräsentanten der Staatsidce ein großes Stück eines Sammelkragens zurück, der Zipa's wattirte Jacke verzierte. Zipa »veinte bitterlich über de» schmerzlicken Verlust des Prachtstückes ihrer Kleidung. Dieser Augenblick der Rührung war bei ihr aber nur vorübergehend; im Allgemeinen beklagt sie sich über nichts, und iveiui Jemand ihren traurigen Blick bemerkte und sie mit größerer oder geringerer Theilnahme fragte: „Nun, Zipa, geht es Jhncn sehr schlecht?" so beantwortete sie diese Frage nie bejahend, sondern sie sagt: „Wie Gott will, so ist cs." Es giebt auch Menschen, die die häuslichen Verhältnisse Zipa's kennen, und wenn sie ihr dunkles, verrunzeltes Gesicht sehen, welches oft feucht von Müdigkeit und Schweiß ist, und von Zeit zu Zeit von einem nervöse» Zugen durchzogen ist, so fragen sie: „Und was macht denn Dein Mann sein ganzes Leben lang, warum hilft er Dir nicht?" Daun verschwindet von dem Gesicht Zipa's der Ausdruck der Qual und schweren Sorge und etwas wie Zorn spricht durch ihre Augen: „Er hat seine Arbeit," antwortet sie verdroffen, „er kann mir im Handel nicht helfen!" — „Du bist aber doch sehr unglücklich, Zipa, wenn Du einen solch unbeholfenen Menschen zum Manne hast?" — „Wenn ich zehn Töchter hätte, würde ich den lieben Gott bitten, er soll ihnen Alken so ein Glück geben, wie er es mir gegeben hat!" Bei diesen Worten strahlen und lachen ihre Augen, ein rührendes Lächeln spielt um ihre verwelkten Lippen, und ein Erröthen der Rührung oder der Scham bedeckt ihre verrunzelte Stirn bis zu dem Rande der schwarzen, alten Perrücke. Wahrlich, der würde ein großes Künststück vollführeu, der Schwiele befähigen möchte, daß er seiner Zipa behilflich werden könnte. In de» ersten Jahren ihrer Berheirathung kannte Zipa noch nicht einmal die ganze Höhe, welche die Gelehrsamkeit ihres Mannes erreicht hat, und sie ließ ihn hin und wieder im Lade» stehen, um zu verkaufen, und während ihrer Abwesenheit die Waaren zu beaussichtigen. Zu beaufsichtigen! Ja, er beaufsichtigte den Laden und dazu »och sehr gewissenhaft; er saß hinter dein Schreibtisch unbeweglich wie ein Stein, den Kopf hielt er zwischen den Händen und sann darüber »ach. wie mau wohl zwei in der Mischna sich befindende entgegengesetzte Behauptungen des Rabbi Gamaliel und des Rabbi Elieser ausgleichen könnte, oder auch, was für Folgerungen aus der Aussage des Rabbi Papa zu ziehen sein würden. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.