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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-31 · Heft 22 (31.5.1895) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
Seite 261 (sequence 11)
Language
German
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261 urft; nach wenigen Zeilen weiß Jeder, daß an den christlichen iefer glattweg nicht gedacht ist. Das erweist schon die S p r a ch e. Natürlich ist dabei vor Allein ne erste Fassung im Kalender zu prüfen, weil sie allein die »rprünglichen Absichten des Dichters verkörpert. Diese Sprache ist >ür Christen ganz unverständlich, aber auch unter den Inden nur Jenen voll verständlich, die neben dem Jargon auch das Hebräische grundlichst beherrsche»; eine oberflächliche Kenntnis; beider reicht nicht ans. ((Schluß folgt.) CL- I i iiWMILMu 1ü -1 W 1-* I 1 FEUILLETON 8 p ...}? ‘Vznmiimimn, — --- 1 I — 1 I- '9, L, Ver starke Kimssn. Eine Erzählung von Elise Orszeszko. (Fortsetzung.) Zis die Geburt anbetrifft, so kann ich Ihnen nicht genau sagen, wer und was der Vater von Schimele war. Wasserfnhrmann oder Holzhacker! Einige meinten das Erste, die Andern das Zweite, aber Alle stimmten in der Behauptung überein, daß er sehr arm gewesen sein mußte, wenn sein Sohn seine wissenschaftliche Erziehung in der Talmud-Thora, das ist, in einer unentgeltlichen Schule, empfangen hat. Daß er eine gewisse Stufe der Hierarchie erlangt hat, tonnen wir aus den Worten schließen, die er zu seiner Frau gesagt: „Sieh, was ist ans mir geworden!" Ein Mensch, der diese Worte mit Stolz und Zufriedenheit ausspr'icht, muß etwas Großes und Wichtiges im Leben erreicht haben. Schimele hat nun in der That die Position inne, welche wir alle gewöhnt sind als eine hohe zu betrachten, und welche bei der Allgemeinheit eine solche Achtung, ja eine gewisse Art von Dankbarkeit erweckt, denn er ist, ich werde den verehrten Lesern eine große Ueberraschung bereiten, wenn ich sage, daß Schimele ein Gelehrter ist. Diese Mittheilnng wird Glicht im geringsten Widerspruch zu meiner früheren Behauptung stehen, daß der Kreis der Dinge und Erscheinungen dieser Welt, die Schimele bekannt sind, ein sehr enger ist, wenn Ihr nur von Eurer Imagination und Euren Gedanken in diesem Augenblicke alle berühmten Akademien, Universitäten und Hochschulen allsschließen wollet, welche ihren Schillern prachtvoll ansgestattcte Diplome allsstellen, als Gelehrte in allen Zweigen der Wissenschaft, die den Meisten kaum dein Namen nach bekannt sind. Die wissenschaftlichen Anstalten, alls welchen Schimele seine Gelehrsamkeit geschöpft hat, nennen sich: Talmud-Thora, JZchiba lind Bet-ha-Midrasch. Sie repräsentiren drei pädagogische Stufen: die Elementarschule, das Gymnasium und die Akademie. Glicht alle Juden erklimmen diese drei Stufen. — Es giebt Biele, die alls Mangel an Fähigkeiten oder an ernsten: Willen auf der ersten oder auf der zweiten stehen bleiben. Schimele aber blieb liicht stehen, er überschritt alte drei Stufen. Und was das Wichtigste ist, er hat die erste Stufe im zehnten, die zweite in: dreizehnten, die dritte im achtzehnte!: Lebensjahre erreicht. Mit achtzehn Jahren verheirathete er sich nach Landessitte, hörte aber nicht alls zu lernen. Er besuchte das Bet-ha- Midrasch und lernte, er saß ganze Abende und Nächte an seinem kleinen Tischchen am Fenster und — lernte. Hub was lernte er nun? — Seine Religion, seine Geschichte, die Geschichte seines Glaubens und seines Volkes, die sehr zahlreichen und äußerst zarten Schattirungen derselben, die erhabene Metaphysik, welche sie lehrt, die klugen Sprichwörter, Sentenzen, Axiome und lieblichen Legenden, welche sich arabeskenartig vereinen, utib deren größter Theit — werdet ihr das wohl glauben? — mit den edelsten Perlen und den schönsten Blüthen der menschlichen Gedankenwelt verglichen werden darf. Schiinele ist also — wie soll ich das nur allsdrücken? — ein Theolog und zum Theil auch ein Philosoph, ja sogar ein Geschichtsforscher, was nämlich unmittelbar die Geschichte seines Volkes und seiner Religion anbetrifft. lieber die Grenze dieser Wissenschaft, in welcher er einen hohen Grad der Gewandtheit erlangt hat, ist er nicht hinausgekommell, und mit Ausnahme seiner fortwährenden Hebungen in diesen: Spezialfache thllt er absolut nichts. Diese innige Vertiesllng in seinen Sludientreis, ganz getrennt von den Forderungen imb Bedürfnissen des täglichen Lebens, hätte die Existenz Schimele's und seiner fünf Kinder in unentwirrbare Schwierigkeiten gebracht, wenn er nicht in seinem achtzehnten Lebensjahre gerade die sechzehnjährige Zipa geheirathet hätte. Zipa war damals wie eine leichtfüßige Gazelle uitb in einem großen Kolonialladen beschäftigt. Sie fühlte sich so überglücklich nnb hochgeehrt, die Frau eitles Gelehrten z:: werden, dlrrch die gütige Verulittelung der Kaufmannsfrau, bei der sie diente, daß sie sich den: Manne, der sie mit einem so glänzenden Loose beschenkte, mit Leib und Seele, mit einer schüchternen und zugleich rührellden Liebe, mit tiefer Verehrung und unermüdlicher Bereitwilligkeit,;a einer grenzenlosen Aufopferung freudig hillgab. Schimele, der Sohn eines Wasserfnhrmanus oder Holzhackers, der arme Schäler einer Armenschnle, der mit Ausnahme der 200 polnischen Gulden, die man für ihn gesanlmelt hatte, teil: Vermögen besaß, galt doch in den Allgen von Eltern und heirathslustigen jungen Mädchen für eine so großartige Partie, daß, als seine Heirath mit Zipa bekannt wurde, die ganze Gemeinde einstimmig sich über das Glück der kleinen Gazelle wunderte, deren Mutter in den Straßen Obst verkaufte, und deren Schwestern Schuhmacher, Tischler und ähnliche Vertreter eines groben Handwerkes und niedrigen Standes geheirathet haben. — Diese Schuhmacher und und Tischler besaßen zwar ihre eigenen Häuschen mit großen Werkstätten imb allständiges Einkommen. Schimele hatte kein Halls, keine wieimmer geartete Werkstatt und auch keil: Einkommen, aber er war Gelehrter nnb dabei — oder auch deshalb scholl und fein! Schiinele nnb Zipa haben sich elldtich mit einem Kapital von dreißig Rubeln geheirathet, das sie zusammen belaßen. Außerdem hatte Zipa noch eine Ausstattung, bestehend ans drei Hemden, zwei Federbetten, zwei Kleidern nnb einer watlirten Jacke. Zur Zeit ihrer Verheirathung hatte!: sie nichts mehr —und doch leben sie nun schon seit zwölf Jahren . . Während dieser Zeit hatten sie bereits neun Kinder, von welchen vier gestorben und fünf noch an: Leben sind. Sie werden wahrscheinlich noch fünf Kinder bekommen, von welchen wieder drei sterben und zwei mit Gottes Hilfe großgezogen werden — imb doch werden sie weiter leben. Es wird meinen Lesern vermnthlich wunderbar und vielleicht nnwahrscheiulich Vorkommen, daß eine Familie, die solche glänzenden Resultate in Kinderzahlen aufzuweisen hat, von einem Kapital von dreißig Rubeln leben kann. Auch ich selbst habe mich sehr darüber gelvnndert — bis zu der Zeit, in welcher ich die Bekanntschaft von Zipa gemacht habe. — Dem 'Anscheine nach ist sie eine kleine, ganz einfache Jüdin; wie inan so sagt: einfach. In: achtnndzwanzigsten Jahre sah sie ans, als wenn sie das vierzigste überschrilten hätte. Klein, von schlechter Haltung, nach vorn gebeugt, trügt sie die be-

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