Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- Seite 260 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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260 auch er auf's Entschiedenste für gebildete Lehrer und jüdische Bauern, nur darf sich da seines Erachtens die Regierung nicht einmischen, das sei, meint er, „verkehrtes Wohlwollen", das nicht scharf genug zurückgewiesen werden köirne. Nun schlägt aber dieser theoretischen Tendenz der Inhalt beider Novellen so gründlich ins Gesicht, daß der Leser dadurch verblüstt, ja leider auf Unkosten des Dichters belustigt wird. Wie kommt Fordon zu der deutsch-jüdischen Volksschule, die ihm Bernstein so dringend wünscht?! Nach seiner eigenen Darstellung nur dadurch, daß die Regierung Reb Chaim's „Cheder" schließt. Nachdem die Gemeinde mit Aufgebot aller Kraft dagegen angekämpft, dann, als dies vergeblich gewesen, lange Jahre überhaupt keinerlei Schule gewollt hat, kommt jene Erkenutniß zum Durchbruch, die Vögele in die Worte kleidet: „Und es gehen herum die Kinder von der K'hilla, Jiingelchen und Müden, und haben kein jüdisch' Cheder und keine tcutsche Schule, wie es sich gehört zu sein, und lernen nichts für die Welt und nichts für jene Welt! Das ist auch kein Tachliß!" Wann wäre wohl diese Erkenutniß ohne jene Maßregel der Rcgierrmg in Fordon zum Durchbruch gekommen? Womöglich noch krasser ist der Gegensatz zwischen Tendenz und Inhalt im „Gibbor". Mendel taugt zum „Pauer", aber er denkt gar nicht daran, es zu werden, obgleich der Wahl dieses Berufes keinerlei Hinderniß entgegen steht; er wird vielmehr Hausirer, obwohl es der sonst so ehrliche und offene Mensch nur durch eine Uebertretung des Gesetzes werden kann. Auch fühlt er sich als Hausirer behaglich, macht gute Geschäfte, bis ihn der Geusdarm verhaftet und die Waaren konfiszirt. Erst als ihm jede Hoffnung, Hausirer zu bleiben, ab geschnitten ist, kommt er nach allerlei Zwischenfüllen zu dem Entschluß Bauer zu werden, und bleibt demselben nun auch dann treu, als ihm die Gnade des Landraths einen Hausirschein anbietet. Diese plötzliche Begeisterung für die Landwirthschnft ist höchst ungeschickt motivirt — „er habe", sagt Mendel, „auf den Feldern die Bauern in der Erntearbeit gesehen und dabei au die Vorliebe seiner Väter für diese Art der Thätigkeit gedacht," und beides hat er ja schon früher oft genug gethan und ist dennoch Hausirer geworden! — aber wenn hier Bernstein noch so viel Motivirung anfgeboten Hütte: der Eindruck, daß Mendel ohne den Gensdarme» gewiß Hausirer geblieben, ist gar nicht zu verwischen. Die Frage, welche Tendenz die berechtigtere ist, ob jene des Theoretikers Bernstein, der jeden Eingriff der Regierung verpönt, oder die des Novellisten Bernstein, der unbewußt und wider Willen die Heilsamkeit solcher Eingriffe nachweist, soll hier nicht erörtert sein, und dies um so weniger, als sie heute für die „Deutschen jüdischen Glaubens" keinerlei aktuelle Bedeutung mehr hat. Das Gesagte sollte nur erweisen, wie spärlich und obendrein widerspruchsvoll das bischen Tendenz in diesen Novellen ist; in allen Hauptsachen sind sie tendenziös. Wie sie durch diese Eigenschaft von allen anderen hervorragenden Ghetto-Dichtungen abgeschieden sind, so noch kenntlicher durch eine zweite, die gleichfalls für die ästhetische Schätzung von vornherein weder einen Vorzug noch eine Schwäche bedeutet: Bernstein hat im Schreiben ausschließlich an eine» jüdischen Leserkreis gedacht; den Wunsch, das; auch Christen diese Novellen lesen mögen, hat er bei ihrer Abfassung nicht gehegt, ja nicht einmal an diese Möglichkeit gedacht. Um dafür eine Analogie zu finden, muß man an die Erzählungen in neuhebräischer Sprache oder int jüdisch-deutschen Jargon denken; unter jenen Autoren, die sich ihrer Landessprache bedienten, mögen sehr wenige dieselbe Intention gehegt haben. Zwar fehlt es wahrlich an englisch-amerikanischen, namentlich aber an russischen und deritschen Skizzen und Geschichten aus dem Ghetto nicht, die selten oder nie vor das Auge eines christlichen Lesers gekommen sind, aber das lag zunächst nicht an dem Wille» des Autors: sie waren auf das Erscheinen in jüdischen Blättern angewiesen und fanden keine:: Verleger für die Buchausgabe oder doch keinen solchen, der den Buch auch über den Kreis der Glaubensgenossen hinaus Beachtung hätte schaffen können. Unter den Wenigen aber, die ganz ersichtliä dasselbe gewollt habe» wie Bernstein, ist doch er — bisher wenigste»-: — der einzige Dichter. In dieser Hinsicht steht er namentlich auck unter allen deutschen Dichtern des Ghetto ganz einsam da. Auer bach, Heine, Schiff, Kompert, Mosenthal u. s. w. u. s. w. — sie all: wollen für das ganze Volk schreiben, als dessen Glieder sie sich fühlen das deutsche Volk. Sic behandeln neben anderen Stoffen auch jüdische, weil sie das Leben ihrer Stammesgenossen genau kennen weil es ihnen einer Schilderung werth erscheint, weil sie da künstlerisch oder sozial interessante Konflikte finden, oder weil sie im Sinne einer bestimmten Tendenz auf oder für ihre Gtaubensgenoffen wirken wollen. Aber sie hören deshalb nicht auf, deutsche Dichter zu sein, sind es vielmehr ganz und gar, weil sie gar nichts anderes sein können. Sie haben deutsche Dichtungen aus diesem Lebe» geschaffen, wie andere Dichter deutsche Dichtungen ans dem rauzösischen, englischen, polnischen oder altägyptischen oder weis; Gott welchem Stoffkreise. Als Auerbach seines „Spinoza" wegen kein deutscher, sondern ein jüdischer Dichter genannt wurde, replizirt er frischweg lind gewiß nicht bloß objektiv richtig, sondern auch subjektiv ehrlich: mit demselben Rechte köune man dann Schiller der „Jungfrau" wegen einen französischen, des „Don Carlos" wegen einen spanischen, des „Demetrius" wegen einen russischen Dichter nennen. Gleiche Vorwürfe hat jener Dichter, der vorwiegend jüdisches Leben behandelte, der obendrein nur aus dieseni Leben, im Gegensatz zu Auerbach, Vollwerthiges schuf, Leopold Kompert, ähnlich abgewehrt, und wahrlich nicht aus Heuchelei, sondern aus innerster Ueberzerigung der ehrlichen Küustlerseele. „Mag sein," pflegte er zu sagen, „daß ich nur böhmische Juden gut schildern kann, ein deutscher Dichter bin ich deshalb doch. Soll etwa der Stoff die Nationalität des Erzählers bestimmen? Dann wäre der arme Ebers übel daran, noch viel vereinsamter als ich, ich finde noch National-Judeu in Rußland oder Palästina — aber wo soll er seine Alt-Aegypter hernehmen?! Nein, nicht auf de» Stoff kommt's an, sondern auf die Sprache, die Art der Darstellung, die Empfindungsweise des Dichters. Meine Novellen sind, denk' ich, in korrektem Deutsch geschrieben; von dem guten Rechte des Poeten, den Dialog dialektisch zu färben, habe allerdings auch ich Gebrauch gemacht, aber man zeige mir eine einzige Stelle, in welcher ich da weiter gegangen bin als Gotthelf, wenn er seine Schweizer, Holtei, wenn er seine Schlesier, Hermann Schinid, wenn er seine Bayern reden läßt — eine einzige Stelle, die nicht jedem Deutschen verständlich ist! Das Gleiche gilt von der Art meiner Darstellungs; wo Apartes vorgeführt wird, da wird es eben ans den Verhältnissen erklärt, ganz wie bei Golthelf und Holtei. Und meine Empfindungsweise? Ich hänge an meinem Glauben, liebe meine Glaubensgenossen, aber meine Empfindungsweise kann gar keine andere sein, als eine durch und durch deutsche, eben weil ich mich durch und durch als Deutscher fühle. Als deutscher Dichter bin ich in das böhmische Ghetto gegangen, und habe keine Zeile geschrieben, bei der ich mir nicht alle Deutschen als Leser gedacht, geschweige denn gewiinscht hätte." So Kompert. Bernstein, nicht blos sein Mitstrcbender, sei» Zeit- und Biidungsgenosse, sondern auch in so mancher Hinsicht sei» naher Verwandter, könnte auch nicht einen einzigen Satz seines künstlerischen Glanbensbekenntnisses unterschreiben. Er hält es eben in Allem anders. Mit Nachdruck spricht er aus, für wen diese Novellen bestimmt sind: für die „lieben Leser mit guten jüdischen Herzen". Aber es hätte dieser ausdrücklichen Widmung nicht be-