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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-31 · Heft 22 (31.5.1895) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
Seite 259 (sequence 9)
Language
German
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Als jedoch der Nazaräergeist der Propheten sich deni ganzen israelitischen Leben mittheilen soll, als das ganze Volk zu einem gottgeiveihten Priestervolk« sich umgestaltet, geleitet von der, des sesaiaiiischen Herrlichkeitsideals vollen, deuterouomischen Gesetzgebung, da lesen wir zum ersten Mal: „Du sollst kein Gceuelhaftes genießen, denn du bist ein heiliges Volk deinem Gotte." Und da schieben sich denn bald die priesterlichen Speisegesetze nach einander als an ganz Israel gerichtet ei» (Deutern. 14—3—21). Noch entschiedeneren Ernst hat das levitische Gesetz mit dem Gedanken: „Ihr sollt mir ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk sein", gemacht, wenn es (Levitic. 11, 1 — 47 und 20. 25—26) den Genus; der unreinen Thiere aus dem Grunde verbietet, das; Israel von allen Völker» als Gott geweihtes Volk priesterlich abgesondert worden sei, um Heiligkeit anzustreben, wie sein Gott heilig ist. Das heißt doch in klaren Worten, nicht weil in solchen Speisen etwas Nachtheiliges liegt, sondern weil ihr allesammt zu priesterlicher Heiligkeit ar>serkoren seid, drum sollt ihr die Geuüffe meiden, die anderswo priesterlich unrein und entweihend sind. Nun, wer wollte verkennen, daß hier ein großartiges Ziel, ein erhabenes Ideal sich kundgab? Hier lag die Kraft und das Geheimnis; des aus Grabesnacht neuerstaudenen Gottesknechts Israel. Hier aber auch der Anfang des Pharisäismus, oder richtiger des Chasidäer- oder Laienheiligkeitssysteins. (Schluß folgt.) Ueber A. Bernstein. Von Karl Emil Franzos. V. ferusteins Novellen, habe ich zuletzt ausgeführt, sind von jeglicher Parteinahme für oder gegen einen bestimmten religiösen Standpunkt frei; noch mehr, welcher! Standpunkt der Dichter selbst einnimmt, läßt sich aus ihnen unmöglich erkennen. Angedeutet habe ich aber auch schon, daß sich in andern nebensächlichen Dingen Spuren einer Tendenz finden. Freilich nur eben Spuren. Bernstein ist der Arinen Freund; die beiden Liebespaare im „Vögele". Mendele, Salme, Jankele im „Gibbor", also jene Gestalten, auf die aus seinem Gemüth das hellste Licht fallt, gehören Alle zu den Aermsten im Städtchen. Die Reichen stehen in zweiter Reihe und werden uns nur durch ihre Wohlthätigkeit sympathisch. Das ist ein Zug, den unser Dichter mit den meisten Poeten des Ghetto theilt; und dieser Zug findet seine Erklärung nicht etwa in der „demokratischen" Gesinnung, auch nicht vorwiegend im Mitleid, sondern in der verbitternden Erfahrung, daß weltliche Güter gerade die Juden so leicht gegen ideale Güter gleichgiltig machen. Da ist dem Dichter der Arme schon deshalb lieber, weil er in seinem fronnnen Glauben sein Stück Idealismus bewahrt; oft genug ist ja Aberglauben und Fanatismus dabei, das ist betrüblich und müßte nicht so sein, aber gleichviel — Idealismus ist es doch. Und vollends stehen alle diese Dichter geschlossen gegen jeden Versuch der Reichen, ihre eigene soziale Stellung gegenüber ihren christlichen Mitbürgern auf Kosten der Armen zu verbessern. Es giebt sehr viele jüdische Juristen und Aerzte; muß deshalb der fähige Sohn des Armen Schuster werden?! Große Bank- und Zeitungsgeschäfte sind in Händen der. Juden und ziehen uns viel Anfeindung zu; sollen deshalb gleichsan! zur Sühne einige Tausend arme Judell sich als Tagelöhner auf Bauerngütern verdingen, oder, wie Bernstein ironisch vorschlügt, „Steinklopfer werden"? Diese Stelle im „Gibbor" ist für den Dichter so bezeichnend, daß ich mindestens einige Sätze daraus anführe. Es ist von der Einschränkung des Hansirhandels die Rede, welche die reichen Juden durchaus billigen: „Auch sie nannten verächtlich im Kleinen „Schacher", was man im Großen stolzirend „Handel" nennt. Der weise Ausspruch, daß die Inden nicht emanzipirt werden können, so lange die Mehrzahl Schacher treibt und sich höchst empörend vom Proletarier-Dasein fern hält, dieser weise Ausspruch wurde dazumal von reicheren Juden wiederholt, die zwar aus Mode über die Vermehrung des christlichen Proletariats, aber dennoch ans Sehnsucht nach Emanzipation über den Mangel eines jüdischen seufzten. Ja, viele von ihnen waren so schmerzlich davon berührt, daß ihre wohlgebildeten Söhne nicht Lieutenants werden können, wozu Talent und Taille sie offenbar berechtigten, daß sie schwere Anklagen gegen die ärmeren Glaubensgenossen in kleinen Städten erhoben, welche sich höchst eigensinnig sträubten, zur Ausgleichung aller sozialen Unterschiede ihre Söhne 31t Steinklopfern au der Chaussee zu erziehen." Aber das warme Gemüth und der kluge Sinn des Dichters finden auch eine Lösung dieses Widerstreits. Sie liegt in der Bitte Vögeles an ihren Beschützer Noach Brall: „Wenn Ihr werdet gekommen sein nach Frankfurt (an der Oder) und Ihr macht dort Euer Geschäft zu Masel und Brocho, dann sollt Ihr nehmen die zwei Bochurim an die Hand und sollt sie führen zu all die Ssochrim von dem guten großen Mokem Berlin, und sollt jagen zu ihnen also: Es ist bekannt, daß Ihr seid große Gojim, aber Ihr habt gute jüdische Herzen, und Ihr helfet auf allen armen jüdischen Kindern, was da kommen zu Euch, um was Gutes 31t werden. Da Hab' ich den einen Bochur, den Zempelburger, der will werden ein guter Lehrer, und da ist noch ein Bocherehe, ein Charifche, den sollt Ihr machen zu einem guten Ssaucher, denn er hat einen Sseichel, daß er wird in einem Jahr mehr lernen, als Ihr in sieben Jahr! Und Ihr sollt geben den Beiden „ein Stuhl und ein Tisch und ein Bett und ein Licht," und „ein Bischen Brod und ein Gewand anzuzieh'n." Und drei Jahre sollen sie bleiben bei Euch, und daun werden sie Euch Kowand machen in der Welt!" Wacker gesprochen, liebes Vögele! Das war nicht blos für deinen! geliebten Kosminer und deinen Schwager, den Zempelburger, ein , Weg zum Heil, sondern für viele Tausende; der gute, große „Wofern" j Berlin und der nicht ebenso große, aber ebenso gute „Wofern" Homburg und Frankfurt am Main und wie all' die deutschen Großstädte heißen, wo die „großen Gojim" sitzen, die aber „gute jüdische Herzen" haben, sind auch in dieser direkten Art Stätten des Heils für das Judenthum geworden. Auch ist Keiner deshalb ohne Hilfe; geblieben, weil er seine Wohlthater ebenso bescheiden als dankbar immer wieder versichert hat, daß er sieben Mal klüger sei als sie. Aber das war und ist nur eben ein Weg für Viele, wie aber kamen und kommen all' die Hunderltausende zu gleichem Heil? Zwei dieser Wege hat Bernstein augedeutet: der Zempelburger gründet in Fordou eine deutsche Schule, und Mendel wird Bauer. Andere Wege empfiehlt Bernstein nicht, einen dritten aber sucht er zu verrammeln: er ist ein Gegner jeder Regierungsmaßregel, welche die Assimilirung der Juden befördern soll; er verdammt die Weisung der Regierung, zwar älteren Inden Hausirscheine anszustellen, sie aber jungen kräftigen Burschen zu verweigern, um sie zu Handwerk und Ackerbau zu zwingen; noch mehr: seine Sympathien stehen auf Seiten Reb Chaim's, als ihm der Minister Altenstein sein Cheder schließen läßt, weil er kein Lehrer-Examen machen kann. Zwar ist

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