Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- Seite 256 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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256 für l»i»iöglich; die alten Weisen sagen: Kränkende Rede zu zügeln, zu verhindern, ist eine Sache des Herzens, der Gesinnung. Darum heißt es auch dabei: „Du sollst Golt fürchten." Nicht Furcht vor Mensche», sondern nur Furcht vor Gott hält den bösen Sinn im Zaum, der sich mit kränkender Rede an den Nächsten drängt und nicht nur diesen, sondern das ganze Volksthmn dadurch schädigt. Wer mit Geschick die Rede handhabt, wird die schlimmsten und gefährlichsten Bosheiten wenn auch nicht anssprechen, so doch errathen lassen und durch das Berskeckspiel der Ahndung entgehen. Darum kann gegen solche Ausschreitungen nur das Bolk sich selbst helfen, indem das öffentliche Bewußtsein für Recht und Sitte gestärkt wird, indem das Volk sein Ohr verschließt gegen die kränkenden und ehrverletzenden Reden, welche gegen seine Führer geschleudert werden, indem das Volk selbst seine religiösen, seine sittlichen, seine Kultnrheiligthiimer in Schutz nimmt. Nur wer, wie der Talmud sagt, die Herzen bessert, kann diesem Uebel steuern. Wie schön spricht sich der Talmud über diese Untreue in Worten aus. Eine Sünde ist es schon, einen Kaufmann nach dem Preis einer Maare zu fragen, wenn man sie nicht kaufen will, venu nur dürfen keine Hoffnungen erwecken, die wir nicht die Absicht haben, zu erfüllen. Niemand soll einem einstigen Frevler, der seine Schuld gebüßt hat, seine früheren llnthalen Vorhalten. Nieniand dürfe einen Heiden, der znm Jndenthnm übergetreten sei, an die Sünden seiner Väter mahnen. — Wer einen Menschen öffentlich beschäint, wäre auch zu einer Mordthat fähig. Die Palästinenser waren stolz darauf, daß sie besonders dieses Unrecht mieden. Drei Sünder, sagt der Talmud, büßen länger als alle andern ihre Frevel: die Ehebrecher, die Jemand öffentlich beschämen, die ihre Nebenmenschen mit Spitznamen bezeichnen. — Warum hat die Schrift an so vielen Stellen es uns ans Herz gelegt, den Fremden nicht zu kränken, fragt R. Elieser der alte? Weil der Fremde empfindlicher ist für verwundende Worte. Und dieser Talmild, der so scharf die kränkende Rede verurlheilt, wie ist er selbst in diesen Zeiten so häufig die Zielscheibe von Schinähnng und Berläumdung. Mil Geschick wird aus dem umfangreichen Buche hervorgesucht, was znm Tadel einen Anlaß bietet, und mit Absicht wenden sich die Ankläger weg von jenen feinfühligen Lehren der Moral, von denen wir eben eine Probe gegeben. Wir Israeliten lesen und hören täglich, wie unser Glaube verläumdet wird, wie uns angedichtet wird, daß wir die schlimmsten Verbrechen zu üben von Religionswegeir geradezu verpflichtet sind. Da wäre es gut, sich des Dichterwortes zu erinnern: „Sei gefühllos; ein leicht bewegtes Herz ist ein elend Gut auf der wankende» Erde." Aber ist nicht wiederum unser Gefühl, unsere Empfänglichkeit für Freud' und Leid, unser ivarmbewegtes Herz unser köstlichster Besitz. Ist nicht Gefühllosigkeit gleichsam ein Zeichen des Todes? Gerade weil wir es selbst so bitter fühlen, wie weh die Kränkung thut, sollen wir, sei cs unter uns, sei cs im Verkehr mit der Welt, vcrletzeirde Reden meiden. Das Wort ist eine Waffe und ist ein Balsam; warum soll es Wunde» schlagen, statt sie zu heilen? Neuerdings haben wir die richterliche Gewalt vielfach angernfen, um das Judenthnin gegen Schmähungen zu schützen. Die wohlgemeinten Bemühungen sind ohne Erfolg geblieben; aber täuschen wir uns nicht, auch ver Erfolg wäre kein großer Segen gewesen. Wer beschimpfen will, dem ist durch das Strafgesetz nicht beizukommen. Das ist eine Angelegenheit des Herzens, der Gesinnung. Wohl aber sollen wir aus der Noth eine Tugend schaffe» und, durch harte Erfahrung belehrt, das Wort ins Herzuehmen: „Keiner kränke seine» Nächsten; du sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der Ewige, euer Gotl!" Gin jüdisches Museum. Berlin, 31. Ma. enn man in dem morgen zur Verlesung kommenden Wocherabschnitte die Verordnungen liest, welche der Geschgebe über die Besorgung und Bewahrung „der hochheilige: Dinge": des Vorhangs, der Lade, des Tisches mit der blauen Purpm decke, der Schüsseln, Schalen und Becher, sowie der Kannen zm Trinkopfer, des Leuchters mit seinen Lampen, Scheeren und Pfannen der Gabeln, Schaufeln und Becken bis ins kleinste Detail hinein fest gestellt hat, so wird man sich, auch wenn man sonst keine sentimentale: Regungen hat, eines Gefühls der Trauer nicht erwehren können. W sind alle diese Herrlichkeiten hingekonnneu? Man denkt da im willkürlich an den Neila-Vers des mittelalterlichen Poeten: Die heil'ge Stadt und was zu ihr gehört. Es liegt geschändet und zerstört. Der Schmuck und Glanz entrückt, vergraben — Nur Eines noch wir übrig haben: Als ew'gen Hort dein heilig Wort! Aber mit dieser Kloge will sich das moderne Geschlecht nich: mehr begnügen. In einer Zeit, wo-die Steine zu reden beginnen und ans Jahrtausende lang oerschiitteten Grüften die Denkmäler langst vergangener Perioden neu ansgegraben werden, in eine), solchen Zeit sehnt sich auch der zu neuem Selbstbewußtsein erwachte jüdische Geist mit vollem Recht darnach, die Erinnerungen und Denkmäler seiner eigenen Vergangenheit in einer geordneten Sammlung zu überschauen. Und einem solchen Wunsch, der wiederholt an verschiedenen Orten aufgetaucht, wird man, angesichts der vorhandenen oder neu erstehenden ägyptischen, griechischen, rölnischen, altchristlichen, chinesischen, japanischen und unzähligen Proviuzial-Museen nicht eiiu mal den vielbeliebten Vorwurf der Separationsgelüste machen können. Die praktischen Engländer haben diesem idealen Sehnen zuerst greifbare Gestalt verliehen. Die AngloJewish Hislorical Exhibition, welche int Sommer 1887 iit der Royal Albert Hall stattgefunden, hat zuerst den ernannten Blicken unserer Kunstforschec das altjüdische Leben von einer neuen Seite, nämlich von der künstlerischen aus gezeigt. Vielleicht war es eine Folge dieser Ausstellung, daß zwei Jahre darauf im Dezember 1889 der rühmlichst bekannte Philanthrop Jacob H. Schiff in New-Uork eine ansehnliche Summe der Universität Harvard in Amerika zur Begründung eines semitischen Museums schenkte. Dieses Museum wurde am 13. Mai 1891 eröffnet. Mit Recht wurde bei der E'unveihnngsfeier betont, daß ein solches Museum sich in Europa bedeutend leichter schaffen ließe wie in Arnerika. Nun soll auch diesem Wunsche Erfüllung werden. In Wie?! hat sich eine Gesellschaft angesehener Männer zusanlinengethan, um eine solche Sammlung jüdischer Alterthümer anzulegen. Wir begrüßen dieses Unternehmen mit aufrichtiger Freude, zunächst als ein Zeugnis; des neu erwachten jüdischen Bewußtseins, sodann aber im Interesse der Sache selbst, im Interesse der Kunst und der Geschichte, die durch eine solche Sammlung bedeutende Förderung erfahren werden. Diese neu begründete „Gesellschaft für Sammlung und Konservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthnms" hat soeben folgendes Rundschreiben erlassen: Durch die Initiative von Männern, welche, obwohl verschieden durch Beruf und Stellung, sich in der Liebe zur Kunst und Wissenschaft, sowie in der Pietät für die Vergangenheit des jüdischen Volkes zusammengefuuden haben, ist hier eine Gesellschaft gegründet worden, welche sich das Ziel gesteckt hat, ein Museum für Kunst- und historische Denkmäler des Judenthurns zu schaffen. Es sollen darin die Erzeugnisse der Litteratur, Kunst und Wissenschaft, sowie die historischen Denkmäler