Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- Seite 255 (sequence 5)
- Language
- German
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Am Schluß seiner Rede hob Naquet die Vaterlandsliebe der Juden und ihre Dankbarkeit für Frankreich, das ihnen die Freiheit gegeben habe, hervor und bezeichnete den Antisemitismus als ine antisoziale Doktrin. Das Haus war offenbar gesonnen, dem üdischen Redner seinen Respekt zu beweisen, und spendete Leifall, als Aaquet zum Schluß die einfache Tagesordnung verlangte. Der Minister j >es Innern Leygues erklärte, die Debatte sei nicht geeignet, zu Schlüssen!;u führen, sie sei würdig gewesen und mache der Kammer alle Ehre, alle j Meinungen seien unabhängig und frei zu Worte gekommen. Wenn die! Antragsteller Schlüsse hätten ziehen wollen, so hätten sie die Regierung j urffordern müssen, den Juden den Zutritt zu den Staatsämteru zu oerschließen. Dieser Schluß hätte gezogen werden können. Niemand hat es gethan, Nien: nd wird es thun. Man kann nicht nach einenl Jahrhundert die französische Republik auffordern, den großen Prinzipien oer Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit den Rücken zu lehren, die sie für die ganze Welt verkündigt hat. (Lauter Beifall im Centrum und links.) Der Minister verläßt mit der Erklärung, daß die Regierung nur die einfache Tagesordnung annehmen könne, die Tribüne. Unter allgemeiner Heiterkeit steigt Baudry d'Afson hierauf, sich fortwährend in die Brust werfend, anscheinend halb selbst von seiner Rolle belustigt, auf die Tribüne. Der graubärtige, royalistische Heißsporn liest den Antrag vor, die Dekrete der Nationalversammlung vom Jahre 1789, durch welche die Gleichstellung der Juden ausgesprochen ist, abzuschaffen. In der stürmischen Fröhlichkeit der Kammer gehen die rueisten seiner drastischen Bemerkungen unter. Brisson theilt schließlich mit, daß fünf Tagesordnungen eingegangen seien, darunter die Tagesordnung Rouanets und der Sozialisten, die die Kammer auffordert, die Regierung möge die Manipulationen der Haute Banque unterdrücken. Es spricht noch einmal der Antisemit d'Hugues. Er sagt, durch die Abwesenheit Ribots will die Regierung die Indifferenz gegenüber der Frage! beweisen. Was man aber auch sagen möge, es giebt sehr viele jüdische Beamte Ich kann ihre Namen nennen. (Unruhe.) Brisson: Ich pflege jedem Redner das Recht zu wahren, seine Meinung hier zu äußern. Aber ich kann die Worte des Redners nicht dulden. Das Parlament hat nicht das Recht, den religiösen Glauben irgendwelcher Personen zu kennen. (Stürmischer, minutenlanger Applaus, nur einige Mitglieder der Rechten protestiren. Die Minister Leygues und Poincar«; klatschen demonstrativ mit hoch erhobenen Händen Brisson Beifall.) Der Sozialist Rouanet spricht noch für seine Tagesordnung. - Dann votirt die Kammer und nimmt die einfache Tagesordnung! mit 290 gegen 206 Stimmen an. Die verhältnißmäßig hohe Minorität besteht nicht etwa aus Anhängern der antisemitischen, sondern aus Freunden der Rouanet scheu sozialistischen Tagesordnung. Nu sollst deinen Nächsten nicht kränken. Etwas zeitgemäße Talmudmoral von Dr. B. Rippner. fet Talmud lehrt: Größer ist die Sünde, die Jemand durch kränkende Worte begeht, als wenn Einer seine!! Nächsten in seinen! Besitze kränkt und schädigt. Denn bei der Kränkung durch Worte heißt es: Du sollst dich fürchten vor deinen! Gotte, während die Schrift bei jeder Täuschung und Schädigung, die nur das Geld des Nächsten trifft, sich an dem einfachen Verbote genügen läßt. Es ist wahrlich keine geringe Sünde, bitrd) Trug und Täuschung Hab und Gut des Nebenmenschen anzutasten. Man kann Geld und Gut gering schätzen; wir sollen nicht über Gebühr an irdischen! Besitze hangen, aber auch diese Geringschätzung hat ihre Grenzen; wer allzu achtlos mit seinem Besitze umgeht, den wird die harte Noth des Lebens ernst genug daran erinnern, daß er eine starke Waffe, um im Kampfe zu bestehen, aus der Hand gegeben hat. Wenn wir unserm öffentlichen Leben nur etwas tiefer auf den Grund sehen, so erkennen wir leicht, daß außerordentlich häufig hinter den schönen leuchtenden Morten von Volkswohl und ausgleichender Gerechtigkeit eine Geldangelegenheit, die krasse Selbstsucht, sich verbirgt; selbst der Haß gegen die Juden hat, außer der krankhaften Sucht Vieler, sich über irgend etwas in der Welt ärgern zu müssen, kaum einen andern Grund als dies böse Verlangen nach dein Gute Anderer, zumal die Sage geht, daß der arinseligst gekleidete Jude ulindestens noch eine Million in seinen! verschlissenen Gewände trägt. Das Geld kann nichts ganz Gleichgiltiges sein, wenn es so leidenschaftlich die Menschen entzweit und wider einander führt. Wer seinem Nächsten sein Vermögen durch Täuschung mindert oder ganz entzieht, der treibt ihn in die Arme des zermalmenden Elends, der raubt ihm die wirthschaftliche Selbstständigkeit und entwürdigt ihn, indem er ihn zwingt, nach einem Almosen die Hand auszustrecken, und jeder sittliche Mensch, und zumal jeder Jude, dem das Gebot der Schrift heilig ist, sollte sich vor der Schuld hüten, die Thorheit oder die Harmlosigkeit des Nächsten auszubeuten. Das Judenthunl hat keine Gemeinschaft mit denen, die auf so bösen Wegen betroffen werden. Aber dem Talmud scheint die Schuld noch schwerer, wenn Jemand durch Worte irreführt oder kränkt. Wie bitter ist es, in seinen reinsten Absichten verkannt zu werden; es tritt Jemand vor die Oeffentlichkeit, um für eine Förderung des allgemeinen Wohles zu wirken; er ist bereit, jede Kritik sich gefallen zu lassen; selbst wenn er ausgelacht wird, so ist das noch immer eine Form des Urtheils, die unbequem, aber doch meist einwandsfrei ist. Jedoch nun wird er gekränkt, inbem ihm selbstsüchtige Beweggründe untergeschoben lverden, indem seine Ueberzeugnngeu, welche die Frucht seines Nachdenkens sind, als Eingebungen der Gewinnsucht verschrieen werden, indem der Herold des Volkswohls und Volkswillens als Söldner der Reichen bezeichnet!vird; wie schmerzlich ist solch' eine Wunde. Ja, es giebt niedrige Geschöpfe, die solche Vorwürfe erheben, ohne sich dabei etwas gar so Böses zu denken; weit sie stets im Schmutze leben, können sie an reine Gesinnungen nicht mehr glauben; weil sie stets fragen: was bringt's ein, meinem Geldbeutel, meinem Ehrgeiz, meinem Machthunger, so halten sie diese Fragen für die leitenden bei aller Welt, und so Jemand eine Meinung bekämpft, so vermuthen sie sogleich irgend eine Feindschaft, irgend einen bösen Anschlag gegen den, der diese Meinung ausgesprochen hat, als sei das Schlachtfeld der Gedanken ein Gebiet, ans dem nur persönliche Neigungen und Abneigungen znm Austrag konnnen. Sie sind so eingesponnen in ihrer eignen Niedrigkeit, daß sie gar keinen freien Blick mehr haben für die Wackern, die ohne Hinterhalt ihre Ansichten verteidigen, und die doch eigentlich nur ihre Schuldigkeit thun, da ja Redlichkeit noch kein besonderes Verdienst ist. Wer einen Blick in die Kämpfe unserer Zeit thut, der wird den Satz des Talinnd aufs Neue bestätigt finden/ daß die Kränkung und Täuschung durch Worte ungleich verderblicher ist als alle Täuschung, die nur das Vermögen des Nächsten trifft. Denn es bleibt ja nicht bei denn Schaden, bei dem Aerger, den der redliche Mann au sich selbst erführt; unser ganzes öffentliches Leben, unser Volk wird vergiftet durch diesen Unfug des Wortes. Es ist fast gar keine Schande niehr, der Untreue bezichtigt zu werden, da die Verleumdung sich an Jeden heranwagt, und die große Menge hat die Ehrfurcht vor den Führern, sei es vor denen, die am Steuer des Staates stehen, sei es vor denen, die im Volksrathe die Sorge des Landes erwägen, fast verlernt, weil sieAlle milSchnmtz beworfen werden. Ist es möglich, diese«! Unfug des Wortes durch Gesetze zu steuern? Die heilige Schrift und nach ihr der Talmud halten das