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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-31 · Heft 22 (31.5.1895) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
Seite 254 (sequence 4)
Language
German
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254 Are Woche. Berlin, 28. Mai. n den parlamentarischen gerieu tritt an Stelle der Politik gewöhnlich die Statistik, die das Material zur Klärung der Anschallungen bietet. Auch wir wollen heute ein Bischen Statistik treiben, inbem wir die Zahl der jüdischen Lehrer an höheren Schtllen in Preußen feststellen. Nach Ausweis der Dienstalterslisten des Kunzeschen Kalenders für das höhere Schulwesen Preußens, Jahrgang 1895 96 (Breslau, Verlag von Preuh L Jünger) beträgt 1. die Zahl der Direktoren jüdischen Glaubens: a) an Vollanstalten 0, b) an Nichtvollanstaltm 2. (Dr Baerwald am Philanthropin (Realschule der israelitischen Gemeinde), Dr. Hirsch an der Stift.-Realschule der israelitischen Religionsgesellschast; Beide in Frankfurt a. M.). 2. Die Zahl der Oberlehrer jüdischen Glaubens: a) an Vollanstalten 21, b) an Nichtvollanstalten 28 (zusammen 49). Von diesen 49 führen 9 den Professortitel, und zwar: a) an Vollanstalten 6, b) an Nichtvollanstalten 3. Von diesen 49 kommen auf Westpreußen 1, Posen 3, Schlesien 5, Brandenburg 2, Berlin 18, Sachsen 1, Hessen-Nassau 19. 3. Die Zahl der Hilfslehrer jüdischen Glaubens 26. Von diesen 26 sind 3 als Privatlehrer oder weiter einer Privatschule thätig, 1 ist Assistent an den Elektrizitätswerken in Königsberg O.-Pr. Die übrigen 23 haben zum Theil remunerirte Thötigkeit an öffentlichen Schulen, zum Theil stehen sie mit solchen in unterrichtlictem Zusammenhang. Diese 23 vertheilen sich auf Posen 1, Berlin 17, Sachsen 1, Hessen- Nassau 3, Hamburg 1. 4. Die Zahl der Probekandidaten jüdischen Glaubens 4 (1 Westpreußen, 1 Brandenburg, 2 Berlin). 5. Tie Zahl der Seniinarkandidaten jüdischen Glaubens 3 (1 Westpreußen, 1 Berlin, 1 Hessen-Nassau). Summa aller pro f'acultute tloeondi geprüften und in den Dienstalterslisten geführten jüdischen Lehrer an höheren Lehranstalten Preußens 84 (Prof. Toeplitz in Lissa ist nicht mitgerechnet, da er am 1. April 1895 nach 47 jähriger Thätigkeit in den Ruhestand getreten ist; er war 19 Jahre Hilfslehrer!!!). Bon den 49 angestellten Oberlehrern kommen ans königliche Anstalten nur 4, und zwar 1 West Preußen, 3 Posen. Die Provinzen Pommern, Hannover, Schleswig-Holstein, Westfalen und Rheinproviuz haben keinerlei pro lacuUafe (lotemli geprüfte Lehrer jüdischen Glaubens an höheren Lehranstalten! Von den königlichen wissenschaftlichen Prüfungskommissionen für das Lehramt an höheren Schulen wurden 1893/94 543 Prüfungen abgehalten. Unter den 513 Kandidaten waren 87 katholisch und 12 mosaisch. Wissenschaftliche Lehrer mit Direkloren waren im Berichtsjahr 5832 vorhanden, darunter mosaisch 84. Die preußischen höheren Lehranstalten wurden im Sommersemester 1893 von rund 142,000 Schülern besucht. Dem Bekenntnisse nach waren 65.5 vom Hundert der Gymnasiasten evangelisch, 25.8 vom Hundert katholisch, 0.2 vom Hundert dissidentisch und 8.5 vom Hundert mosaisch. In der letzten Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses hat der Ministerpräsident Fürst Windischgratz die Interpellation des Abgeordneten Exner betreffend die Reden des Pfarrers Deckert beantwortet. Er theilte mit, das; die Staatsanwaltschaft in Wien am 13. Mai, also vor der Interpellation, die von der Polizeidirektion angelangten drei Anzeigen unverzüglich an den Untersuchungsrichter geleitet habe mit dem Anträge, Borerhebungen wegen des Vergehens der Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen Nationalitäten und Religionsgenossenschaften zu veranstalten, sowie das; diese Borerhebnngen thatsächlich eingeleitet worden sind. Ob der Thatbestand einer strafbaren Handlung vorliege, sei heute endgiltig zu beantworten nicht möglich, da nur das Gericht berufen sei, dies anszusprechen. Unter allen Umstünden müsse die Regierung es schwer bedauern und entschieden mißbilligen, wenn von geweihter Stelle Worte fallen, die geeigne sind, den Frieden zu stören (lebhafter Beifall), oder wenn, von wen auch immer, aufreizende oder gehässige Angriffe gegen bestimmte individuell bezeichnete Theile der Gesellschaft gerichtet werden. Dcb fürsterzbischöfliche Ordinariat, an das er sich wandte, habe die Zn sicherung gegeben, dahin wirken zu wollen, daß Alles vermiede; werden solle, was geeignet sei, den Frieden der Gesell schaft zu stören und zu Haß und Verachtung der der schiede neu Klassen aufzureizen. (Großer Beifall.) Hoffentlill folgen diesen entschiedenen Worten nunmehr auch die entscheidender Thaten! * Eine Antijemitendebatte in der französischen Kammer! Wer Hütte das vor zehn Jahren noch für möglich gehalten — und nun ist das Unwahrscheinliche zum Ereignis; geworden. Am 25. d. hat in der Pariser Deputirtenkammer die schon seit längerer Zeit angekündigte Antisemitendebatte stattgefunden und hat, wie nicht anders zu erwarten war, einen für ihre Veranstalter kläglichen Verlauf genommen. Man schreibt uns darüber: Heute begann die antisemitische Debatte, welcher die beiden oft vertagten, nun endlich zum Vortrag kommenden Interpellationen Denis' und des Vicomte d'Hugues, jene über den bekannten, seiner Zeit von uns ausführlich gemeldeten Fall Levaillant, diese über das Eindringen der Juden in die Verwaltung zu Grunde liegen. Denis hält einen langen Vortrag über die Juden in Frankreich, Algier, Rußland und Deutschland und über Religion und Rassen im Allgemeinen, wie im Besonderen. Seine süßliche Rhetorik und seine pathetischen Gesten, die an einen Schauspieler der alten Schule erinnern, belustigten Anfangs die Kammer, schläferten aber schließlich ein. Als Denis auf den Fall Dreyfus anspielend sagt, daß die Juden das Vaterland verralhen, untersagt der Kannuerprästdent Brisson eine solche Sprache. Der erste Theil der Rede Denis' war mitunter von Beifall der Rechten und einiger Sozialisten begleitet. Bei dem Abtritt des Redners applaudirten im Ganzen vier Deputirte. Nach ihm bestieg der Vicomte d'Hugues die Tribüne. Der größte Theil der Deputirten, ermüdet durch soviel Antisemitismus, verläßt den Saal. Hugues giebt vor wenigen Abgeordneten, die die Privatkorrespoudenz erledigen, seine Ansichten über die Rassenfrage zum Besten. Nachdem die Rede ohne Sang und Klang begraben war, gelingt es dem Sozialisten Ron an et, die Aufmerksamkeit des Hauses wieder anzuregen. Während seiner Rede kehrten die Deputirten auf ihre Plätze zurück und hören aufmerksam den geistvollen und geschickten Ausführungen zu. Rouanet erklärt, die Judenfrage stelle eine Verletzung der Prinzipien der großen Revolution dar, welche die Rechte der Menschen ohne Unterschied der Rasse und Religion verkündet. Die Antisemiten machen die Juden für jeden Mißbrauch verantwortlich. Die Juden haben das heutige soziale Milieu nicht geschaffen. Giebt es eine besondere jüdische Agiotage? Nein. Die praktische jüdische Agiotage unterscheide sich in nichts von von der christlichen. Es giebt in Amerika eine kleine Republik, die ganz katholisch ist, wo Juden gar nicht existiren, und wo die Gelegenheit — es ist Panama — selbst große Persönlichkeiten korrumpirt. Die Panama-Affaire war keine jüdische Affaire (einige Deputirte protestiren und rufen: Doch! doch!) Rouanet: Nein, es war keine jüdische Affaire. 6 s gab darin einige Juden zwischen den übrigen Christen. Was man heute den Juden, hat man früher in Frankreich den Protestanten vorgeworfen. Es war ganz dieselbe Sprache Man steht gegenüber einem ökonomischen Problem, nicht einem Rassenproblem. Aber wir Sozialisten können an diesem Kampf nicht theilnehmen, weder für den Landbesitz, noch für den Geldbesttz, denn beider Besitz entstammt der Eroberung. Rouanet schließt mit der Verlesung.einer Tagesordnung, welche die Regierung auffordert, energisch alle betrügerischen Manöver der baute finance zu unterdrücken. Naquet will noch sprechen, aber die Mehrzahl der Kammer stimmt für die Vertagung. Gestern wurde die Debatte vom Sonnabend fortgesetzt, die sich großen Theils abermals zu einer Kundgebung gegen den Antisemitismus gestaltete. Gleichsam im Namen seiner jüdischen Religionsgenossen nahm Naquet das Wort und hielt einen zweistündigen Vortrag über die Juden-

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