Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1895)
- Date
- 1895-05-24
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 getheilt wird, wurde gegen Pfarrer Dr. Teckert anläßlich seiner jüngsten Predigten die strafgerichtliche Voruntersuchung nach Paragraph 302 (Störung der öffentlichen Ruhe durch Aufreizung gegen Religions- Genossenschaften) eingeleitet Die Voruntersuchung führt Landgerichts- Adjunkt Dr. Schober) Bl. Budapest, 17. Mai. Die furchtbarste Anstrengung unserer Dunkelmänner im Oberhause konnte es nicht verhindern, daß der G esetzentwurf über die Nezipirung der jüdischen Religion — mit Ausnahme der Uebertrittsparagraphen — angenommen wurde. Eine Debatte wurde von beiden Seiten geführt. — Nach Verlesung des Berichtes des Dreierausschusses, welcher die Annahme des Gesetzentwurfs empfiehlt, folgte die Abstimmung, die Stimmengleichheit ergab. Durch die vom Präsidenten abgegebene Stimme wurde der Entwurf im Allgemeinen angenommen und die Spezialdebatte konnte ihren Anfang nehmen. 8 1, welcher die jüdische Religion für reztpirt erklärt, wurde mit kleiner Majorität angenommen. Der folgende, sogenannte Uebertrittsparagraph wurde ein Opfer des ultramontanen Zelotismus. Es wurden 94 Stimmen für, und 105 Stimmen gegen den Uebertrittsparagraph eingegeben. Die Abstimmung bei dem für das praktische Leben nicht bedeutungslosen § 3 ergab abermals Stimmengleichheit, und nur die Stinnne des Präsidenten rettete diesen. Wir wollen nun in Kürze den Inhalt dieses Paragraphen, welcher die §§ 18—21 und 23 des Gesetzartikels L11I. vom Jahre 1868, der die Reziprozität der christlichen rezipirten Konfessionen regelt, auf die Juden ausdehnt. § 18 bestimmt, daß derjenige, der einen Findling adoptirt, berechtigt ist, denselben in seiner Konfession zu erziehen. Der folgende Paragraph besagt, daß Niemand verpflichtet werden kann, die Ceremonien und die Feiertage anderer Konfessionen zu halten. Der Sonntag bildet jedoch eine Ausnahme. Der folgende § 20 enthält die Verfügung, daß die Mitglieder einer rezipirten Konfession verpflichtet sind, sich der ihren: Wohnorte zunächst liegenden Kirchengemeinde anzuschließen. § 21 bezieht sich auf den Religionsunterricht und die Seelsorge in der Armee und den öffentlichen Anstalten. § 23 bestimmt schließlich, daß Subventionen aus der Gemeindekasse für kirchliche und Schulzwecke all en Konfessionen nach gerechter Proportion zugute kommen müssen. § 4 des Rezeptionsgesetz-- entwurfs, laut welches Rabbiner und Vorsteher ungarische Staatsbürger sein und die Befähigung in Ungarn erlangen müssen, wird von der Majorität durch Erheben von den Sitzen angenommen. Nach Annahme des Schlußparagraphen, welcher die Negierung mit der Durchführung des Gesetzes betraut, wurde der Entwurf in dritter Lesung wieder nur mit Hilfe der Präsidentenstimme angenommen. Amerika. fg. Netv-Uork, 12. Mai. In Cincinnati tagte vergangene Woche! die Delegation der verschiedenen Distrikts-Großlogen zur Versammlung! der Konstitutions-Großloge des Ordens B'nai B'rith, und ein jeder Tag brachte den Versammelten, denen besonders in den ersten Tagen der Konvent durch Wahlen und Ernennungen von Komitees ermüdend werden mußte, Unterhaltungen, die als würdige Demonstration schrankenloser Gastfreundschaft jüdisch-amerikanischer Bürger Cincinnatis bezeichnet werden können. Es wurde u. A. eine energische Propaganda und rührige Agitation beschlossen, die nunmehr von einen: jeden Mitgliede der Gesellschaft in Szene gesetzt werden solle, und den einzelnen Logen die Summe von 500 Dollars jährlich bewilligt. Auch wurden die nöthigen Summen zur Agitation im Orient bewilligt. Der Konvent hat ferner gewährt die Ausgabe bedeutender Summen zur Verbreitung des Ordens, speziell um die nöthigen Schritte einzuleiten, den Orden nach England, Westindien und Central-Amerika zu verpflanzen. Ein von Herrn Jos. Hirsch aus Bicksburg eingebrachter Antrag auf Einrichtung einer konfessionell unbeschränkten Universität, zu deren Einrichtung Mitglieder monatlich 50 Cents beipflichten sollten, wurde trotz seiner Redekunst, abgelehnt. Jedoch wurde die Errichtung von Jünglings- und Frauenvereinen in Verbindung mit dem Orden gutgeheißen. Dem Organ des Vereins, der „Menorah", wurde Anerkennung für ihre Leistungen ausgesprochen. Der nächste Konvent soll 1900 in San-Francisko abgehalten werden. Alsdann schritt man zu der Wahl der Beamten, aus denen als Präsident des obersten Gerichtshofes Josia H. Cohn (Pittsburg) und als Präsident des Exekutiv-Komitees Julius Dion hervorgingen. Von Nah und Fern. Ein angesehenes und beliebtes Mitglied unserer Gemeinde, Herr Moritz Röhmann, vollendet am 29 Mai sein achtzigstes Lebensjahr. R. ist seit über einem Vierteljahrhundert Mitglied der Armen-Kommissi0il und steht sonst noch an der Spitze mehrerer Wohlthätigkeitsanstalten. — Das Centralkomitee vom Verband zur Erziehung hilfsbedürftiger israelitischer Kinder" (Vorsitzender Gymnasialprofessor Dr. Badt) in Breslau erstattet den fünften Jahresbericht, wonaä) der Verband gegenwärtig 31 Pfleglinge, 26 Knaben und 5 Mädcher. unterhält. Der Gesundheitszustand der Pfleglinge war ein befriedigender. Der Kassenbericht weist einen Bestand von 209.61 Mark auf. Der Verband besitzt außerdem eine Hypothek von 15,000 Mark un? 5500 Mark Posener 3l/.2prozentige Pfandbriefe. — In Frank furt a. M. wurde der praktische Arzt Dr. med. Anerbach in der Kaiserhofstraße von dem Zitherlehrer Reifer aus Bocken heim durch einen Schuß schwer verwundet. Der Thäter erschoß sich daraus (Nach einer anderen Meldung soll der Attentäter geisteskrank um Patient des Arztes gewesen sein.) — Mit dem Lloyddampfer „Gra Bismarck" gingen 500 jüdische Auswanderer vor: Bremerhaven nach dem La Plata Sie beabsichtigen, in Argentinien Ackerbau zu treiben. — Ein Mord wird der „Franks Ztg." aus Rodheim bei Hom bürg v. d. H. gemeldet. Das Opfer ist ein jüdischer Handelsmann uM- Schächter Namens Simon Scheuer, der erstochen aufgefunden wurde; de Mörder, Namens Carl Will, wurde Nachts in Homburg von einen?. Nachtwächter blutüberströmt aufgefunden. Will, der mit dem Er mordeten befreundet gewesen war. hatte selbst Hand an sich gelegt. - Die Großherzoglich Hessische Negierung bat an die Kreisämter de? Provinz Starkenburg folgende Verfügung erlassen: „Es ist der Antrau auf Theilung des Rabbinats Darmstadt gestellt worden. Es solle, zwei Rabbinate errichtet werden, von denen eines mit einem der ortho doxen Richtung angehörigen Rabbiner, das andere mit einem der liberaler Richtung angehörigen Rabbiner besetzt werden soll. Sie wollen Vor standsbeschluß über diesen Antrag erwirken und sich in demselben auch aussprechen, welchem Rabbinate Ihre Gemeinde zugetheilt zu werden wünscht. Eingang des Beschlusses erwarten wir binnen 14 Tagen " - Der Kantor und Religionslehrer Marcus Slodki ist von Kolmber? nach Ober-Ramstadt in Hessen versetzt worden. — Die israelitische Gewerbeschule des Ober-Elsaß schließt mit einer Einnahme vor 23,308.26 Mark und einer Ausgabe von 15,446.72 Mark ab. Die Ausgaben beziehen sich auf 14,050 Verpflegungstage für 38 Zöglinge, die in der Anstalt anwesend waren. Also 1.09 Mark pro Tag für Kost, Kleidung Unterricht, Wäsche, Heizung, allgemeine Spesen u. s. w. — Anläßlich der hundertjährigen Jubelfeier des Jews Hospital and Orphai. AsMm (Jüdischen Kranken- und Waisenhauses) in London wurde nach einer warmherzigen Ansprache des Vorsitzenden, Sir G. Faudel Philipps, der imposante Beitrag von 18,350 Lstrl. (367,000 Mark) zu Gunsten dieses Wohlthätigkeits-Institutes gezeichnet. — Wieder Einer: Der Redakteur eines antisemitischen Blättchens „Le Commerce", Brun, wurde wegen Schwindelei und Fälschung von Unterschriften in Toulouse verhaftet. — Nachdem die kaiserliche Genehmigung zur Wahl eines Rabbiners in Moskau ertheilt worden, ist einstimmig der Rabbiner Lewin Kahn in Friedrichstadt (Kurland) gewählt worden. Die Bestätigung seitens des Ministeriums ist in diesen Tagen erfolgt. — In Melbourne hat der dortige römische Erzbischof kürzlich einen Beitrag für die jüdische Wohlthätigkeits-Gesellschaft mit einem freundlichen Schreiben geschickt, in dem er hervorhob, daß die Juden so selten an die öffentliche Wohlthätigkeit appellirten, daß er sich ganz besonders freue sie einmal fördern zu können. — Der zweite Jahresbericht der jüdischen Hilfsgesellschaft in Port Elisabeth stellt eine sehr starke Einwanderung von jüdischen Handwerkern, besonders Schneidern und Schustern fest, di? in England keine Arbeit finden konnten und deshalb nach Süd-Afrika auswanderten. — In Tunis hat die Alliance israelite ein Grundstüd erworben, um eine Ackerbauschule nach dem Vorbilde derjenigen in Jaffa zu errichlen. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.