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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-24 · Heft 21 (24.5.1895) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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Um 11 Uhr begab sich eine Deputation des Vorstandes ver israelitischen Kultusgemeinde zu dem Jubilar, um ihn zu seinem Ehrentage zu beglückwünschen. Herr Bezirksrabbiner Dr. Silberstein hielt in bekannter, formvollendeter Weise eine Ansprache, in welcher er vie Mühen und Kämpfe eines Religionslehrers und Kultusbeamten schilderte und sodann die Treue und Gewissenhaftigkeit, mit welcher Herr Traub seinem Lehrerberuf obgelegen und den Zauber seiner schönen stimme, womit er die Herzen der Andächtigen beim Gottesdienste erbaut habe, hervorhob. Der 1. Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr Stadtverordneter Simon Heß, begrüßte hierauf den Jubilar Namens?>es Vorstandes. Hierauf überreichte Herr Vorsteher Bernhard Liebmann nit Worten des Glückwünsches das Ehrengeschenk des Vorstandes Namens der Gemeinde, bestehend aus einem Geldbeträge in prächtigem Etui mit Widmung. Eine Deputation, bestehend aus den Herren Saly Baer und S. Morgenthau, welch Letzterer in herzlichen Worten die Glückwünsche des „Synagogengesang-Vereins" aussprach, überreichte das Diplom für die Ehrenmitgliedschaft. Hieran schloß sich eine Deputation oer Herren Moritz Baum, Saly Hamburger, Louis Rosenthal und Benedikt Straus. Der Letztere beglückwünschte den Jubilar Namens einer großen Anzahl von Gemeindemitgliedern und überreichte ihm ein kostbares Ehrengeschenk. Herr Traub ergriff hierauf das Wort, um einen kurzen Rückblick auf die zurückgelegten 25 Jahre seiner hiesigen Dhätigkeit zu werfen. Als er vor 25 Jahren hierhergekommen, habe er mit jugendlicher Kraft seine Thätigkeit begonnen, heute beginne der Schnee des Alters sich auf sein Haupt niederzusenken, aber so lange Gott ihm Kraft und Gesundheit verleihe, werde er bestrebt sein, sein Amt mit Eifer und Gewissenhaftigkeit auszufüllen. Wir schließen mit dem Wunsche, daß dies noch recht viele Jahre der Fall sein möge. X Weilburg, 17. Mai. Hier beging die israelitische Gemeinde das Fest des fünfzigjährigen Bestehens ihrer Synagoge. Es war erfreulich, bei dieser Gelegenheit zu sehen, daß die Hetzereien des Antisemitismus, der ehedem durch Dr. Böckel hier und in der Umgegend eifrig gepflegt wurde, den konfessionellen Frieden nicht gestört und den Geist gesunder Eintracht in der hiesigen Bürgerschaft nicht berührt haben. An der gottesdienstlichen Feier, die um 10 Uhr in der festlich geschmückten Synagoge stattfand, betheiligten sich außer den beiden evangelischen Geistlichen und den Spitzen der kommunalen Behörden noch manche Bürger christlicher Konfession, und gewiß wäre die Betheiligung eine noch größere gewesen, wenn die Synagoge genügenden Raum geboten hätte. Nachdem der Einleitungsgesang „Ma towu“ und die Jubelmotette „Wenn Gott, der Herr, das Haus nicht bauet" verklungen war, hielt Herr Rabbiner Dr. Landau die ergreifende Festpredigt. Am Abend fand eine gemüthliche Abendunterhaltung mit nachfolgendem Balle in dem größten Saale Weilburgs statt. r. Nürnberg, 19. Mai. Prinz Ludwig von Bayern hat in der letzten Woche, anläßlich der Wanderversammlung bayerischer Landwirthe, unsere Gegend besucht und dabei verschiedene jüdische Etablissements und Fabriken — zur Freude des antisemitischen Bundes der Landwirthe sei's gesagt — mit großem Interesse inspizirt Zunächst hielt der Prinz in Buch bei dem Fabrikbesitzer Hellmuth, dessen Etablissement er genau besichtigte, worauf er von Frau Hellmuth ihm angebotenes Frühstück lreundlichst annahm. Da der Prinz selbst ein hervorragender Landwirth, so ist die äußerst günstige Beurtheilung, die er über die Fabrik aussprach, von doppeltem Werth. Bei dem Festmahl in Fürth saß der Prinz zwischen dem Bürgermeister und dem Kommerzienrath U llm ann Dann besuchte er trotz strömenden Regens die Bronzefabrik von Eiermann und Tabor, die Spiegelbelege von I. Bach, die Spiegelfabrik von I. Wiederer, die Kunstanstalt von G. Löwensohn, das Exportmusterlager von Ullmann und Engel mann, wo er einen ihm vom Kom.-Rath angebotenen Imbiß huldvollst annahm. Und das sind Alles Juden! Was sagen unsere Agrarier dazu? Am 18. d. besuchte Prinz Ludwig hier die Musterausstellung der Gebrüder Bing. Auch die Synagoge erfreute sich des hohen Besuches. Am Portal des Gotteshauses von dem derzeitigen Vorstand, Justizrath Josephthal, erwartet und von diesem und den Verwaltungsmitgliedern, den Herren Feistmann und Fechheimer, in den Tempel geleitet, wurde der hohe Gast beim Eintritt von dem Rabbiner, Herrn Dr. Ziemlich, mit einer Ansprache empfangen und durch die Synagoge geführt. Der Prinz interessirte sich lebhaft für die rituellen Einrichtungen, nahm Augenschein von den festlich geschmückten Thorarollen und sprach sein Wohlgefallen über den hellerleuchteten, stattlichen Bau aus. Während der Führung des Gastes brachte der Gesammt-Synagogenchor unter Leitung seines Dirigenten den von Lewandowski komponirten Psalm 24 zum Vortrag. Nach herzlicher Verabschiedung begab sich Prinz Ludwig von da in die Lorenzkirche zur Besichtigung derselben. — Am 15. d. wurde unfern: früheren, allgemein beliebten Prediger Dr. Levin, jetzt in Berlin, die seltene Freude zu Theil, daß er die Trauung eines Schülers und Konfirmanden aus seinem ehemaligen Wirkungskreise, des Kaufmanns Julius Aufseeßer mit der Tochter des dortigen Sanitätsrathes Herrmann Schlesinger vollzog. Oesterreich - Ungarn. □ Wien, 20. Mai. Unsere Stadt und unsere Gemeinde hat in diesen Tagen einen großen, ja unersetzlichen Verlust erlitten. Am 17. d. M. starb hier Wilhelm Ritter von Guttmann, „der österreichische Kohlenkönig". Wilhelm von Guttmann hat sich aus einem kleinen Bocher in Leipnik zu einem der bedeutendsten Groß-Industriellen emporgeschwungen. Er war Ritter des Ordens der eisernen Krone, Kommerzialrath, ehemals Landtagsabgeordneter, Präses der israelitischen Kultusgemeinde, Ehrenpräsident und Mitglied zahlreicher, humanitärer Vereine. Seine Wohlthätigkeit war unerschöpflich. Aber anders als unsere Großen bewahrte er sich stets ein warmes und lebhaftes Interesse für das Judenthum, das er kannte und liebte. Er nahm an allen jüdischen Angelegenheiten eifrigen Antheil und förderte alle Interessen der Gesammtheit mit Rath und That. Sein Tod bedeutet eine tiefe Lücke in unserm Gemeindeleben. In Folge einer letztwilligen Verfügung wurden gleich nach dem Ableben der Gemeinde Wien 10,000 fl. zur Vertheilung an Arme ohne Unterschied der Konfession übergeben. — Im politischen Leben hat die, durch die Verzichtleistung des Bürgermeisters Dr Grübl und des ersten Vize-Bürgermeisters Dr Richter ermöglichte Wahl des Dr. Karl Lueger zum ersten Vize-Bürgermeister von Wien, jedes andere Interesse verdrängt. Nun ist für die Antisemiten die Bahn frei. Die Bürgermeisterwahl wird, dem Gemeindestatut gemäß, „ehestens" auberaumt werden, und es unterliegt keinem Zweifel, daß Dr. Lueger nun das Ziel seines Ehrgeizes, Bürgermeister von Wien zu werden, erreichen wird. Die acht erledigten Stadtrathsstellen wurden gleichfalls mit seinen Gesinnungsgenossen besetzt. — Wie die Nachricht nach außen wirkt, beweist u. A. Folgendes ans Lemberg: Angesichts der Wahl des Dr Lueger zum Vize-Bürgermeister von Wieu haben die hiesigen Getreide- und Spiritushändler beschlossen, gegen die Beschickung des Wiener Saatenmarktes in Galizien und in der Bukowina zu agitiren, und wurden die Handelsfreunde in Ungarn angegangen, ebenso vorzugehen Dabei allein dürfte es nicht bleiben. Wie sich aber die Dinge noch gestalten werden, läßt sich nicht absehen — aber es steht schlecht um Wien. — In der Reichsrathssitzung vom 15. d. M. richteten Abgeordneter Kronawetter und Genossen folgende Interpellation an den Minister des Innern Marquis Bacquehem : „In Saybusch in Galizien wollte vor einigen Tagen der Advokaturskaudidat Dr. Sigmund Leser sich niederlnssen, der Magistrat verlangte jedoch von ihm die Vorlegung eines Taufscheines, und als er dies nicht that, rotteten sich am 7. d M. Bürger der Stadt zusammen, erbrachen die Wohnung, zertrümmerten die Einrichtung und zerstörten die Kleidungsstücke des Advokaturskandidaten. Dieser rohe Vandalismus spielte sich unter den Augen der Bezirkshauptmannschaft und Gendarmerie ab. Wiederholt wurden bereits jüdische Staatsbürger, die in Saybusch in Folge ihres Berufes wohnen mußten, ja sogar k. k. Staatsbeamte, unter den Augen der Behörde mißhandelt und ihre Wohnungen beoaftirt Dies geschah unter Anderem dem Bezirksgerichtsadjunkten Ladislaus Drobener, der auf diese Weise gezwungen war, nicht an seinem Amtssitze, sondern in einem benachbarten Dorfe zu wohne::. Die Interpellanten fragen, wie der Minister es rechtfertigen könne, daß eine österreichische Gemeinde die Ansiedelung von der Beibringung eines Taufscheines abhängig mache, und was er vorzukehren gedenke, um einer solchen krassen Rechtsverletzung künftig vorzubeugeu. Die Interpellanten richteten ferner an die Regierung die Frage, was sie zu verfügen gedenke, um strafrechtlich verbotene Handlungen des Pfarrers Deckert der gesetzlichen Sühne zuzuführen und deren Wiederholung zu verhindern. — Wie nun mit-

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