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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-24 · Heft 21 (24.5.1895) · p. Seite 252

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
Seite 252 (sequence 14)
Language
German
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252 „Bernhard!" riefen die Geschwister wie ans einem Mnnde, und Lina stürzte, die Arme ansbreitend, ihm entgegen. Er riß sie an seine Brust und hielt sie ganz fest umfchlungeu. „Was heißt das, mein Lieb'?" fragte er. ihr tief in die Augen blickend, „Du willst mir mein Wort, meinen Ring zurückgeben? Glaubst Tu wirklich, es sei damit abgethan, und Du könnest so auch das Band zerreißen, das unsere Herzen umschlingt?" „Bernhard, ich kann Deine Großninth nicht annehmen!" stammelte Lina. „Großmuth? Wenn ich mir mein Glück nicht rauben lassen will?" »Ich kann nicht bei Dir in Deutschland bleiben, kann mich jetzt nicht von den Geschwistern trennen." „Das soüst Du auch nicht, ich gehe mit Euch. Steht es doch schon in den Büchern Mose geschrieben: der Mann wird Baker und Mutter verlosten und dem Weibe anhangen." „Bernhard, das wolltest Du wirklich?" fragte Julius näher tretend. „Ich will!" antwortete der junge Gelehrte mit großer Festigkeit, „Dag und Nacht bin ich gereist, um Euch noch zu erreichen. Alle Brücken sind hinter mir abgebrochen. Morgen segele ich mit Euch. Zu neuen Ufern winkt ein neuer Tag." Wortlos schloß Julius den Schwager in die Arme; Rost) aber sank ihm zu Füßen und rief in Thränen ausbrechend: „O Bernhard, vergieb! T Bernhard, ich danke Dir!" „Was soll ich Dir verzeihen? Wofür dankst Du mir?" fragte Bernhard, sie aufhebend. „Daß ich au Dir gezweifelt und den Zweifel auch in Linas Herz gesenkt habe!" schluchzte sie. „Ich war es, welche Lina dazu bestimmte, Dir de» Ring zurückzrisenden; ich machte ihr begreiflich, Du, der aufstrebende junge Gelehrte, dürfe sich nicht mit einem Mädchen verbinden, dessen —" Schluchzen erstickte ihre Stimme. „Dessen Vater einer der edelsten Menschen war, die es je gegeben hat", unterbrach sie Bernhard. „Aber Deine Earriäre!" sagte Julius, jetzt doch auch bedenklich. „Auch in Amerika wird sich für mich ein weites Arbeitsfeld aufthuen", erwiderte Bernhard, „und unerschütterlich ist mein Glaube, daß eine Zeit kommen wird, wo man nicht mehr unterscheidet nach Raste und Bekenntniß, sondern wo nur das schöne freie Menscheuthum gelten wird!!" „Wan»? Wann kommt diese Zeit?" fragte Rost) zweifelnd, aber Lina rief: „Sie wird kommen, gleichviel ob cs uns vergönnt sein wird, sie zu schauen oder nicht. Lasset uns jeder arbeiten nach seinem Bermöge», um auch unsere Steine herbeizritrageu zu dem herrliche» Bau, unter welchem beglücktere Geschlechter wohnen werden." „Das wollen wir!" riefen Julius, Bernhard und Rosy, und vier Hände schlossen sich zusainmen, mit festem Druck dieses Gelübde zu bekräftigen. Litterarrsche MittheUungen. — H. intfjctl: Zu Bibel- und Nelig ionsp hilosop hie. Vorträge und Abhandlungen. Neue Folge (Berlin 1805, Georg Reimer). Ein neues Buch von Steinthal ist immer ein Fest für die Gemeinde seiner Verehrer, und zwar ein Fest, das gerade so lange Zeit dauert, als die Lektüre dieses Buches in Anspruch nimmt. Es gewährt nicht nur Belehrung und Genuß, sondern auch Erhebung, ja sogar jene andächtige Stimmung, welche uns überkommt, wenn ein Weiser und Edler zu uns spricht. Es schließt sich somit den: ersten Bande dieser Abhandlungen, aus den ich bei diesem Anlasse von Neuem die Aufmerksamkeit aller Gebildeten lenken möchte, würdig an. Die Religion erscheint in diesem Buch in dreifacher Gestalt: als Weltanschauung, als Lebensführung und als Litteratur. Und in jeder dieser drei Gestalten wird sie von der Kritik des Philosophen getroffen. Aber diese Kritik ist keineswegs Opposition und Polemik oder Skepsis und Zweifelsucht. Sie ist vielmehr in des Wortes voller Bedeutung schöpferisch. Sie besteht vor Allem darin, „daß wir die im Geiste liegenden Motive eines Uriheils aufsuchen, die Wurzeln und die nährenden Säfte einer Ansicht kennen lernen, und daß wir dadurch den dargebotenen Inhalt umgestalten, erhöhen und erweitern, absondern, reinigen und aufklären." Nur in diesen! Sinne übt Steinthal seine religionsphilosophische, ethische und philologische Kritik an den biblischen Schriften und an den Ideen unserer religiösen Weltanschauung. Gewissermaßen wie ein Programm seiner Arbeitsweise ist der Aufsatz : „Glaube und Kritik" an die Spitze seines Buches gestellt. Der Bibelforschung gehören die folgenden Aufsätze an: Israel-Judas Eintritt in die Geschichte. Die Sage vom Simson. Zur Geschichte Saul's und Dawid's. Die ältesten Schriftsteller und Propheten. Das fünfte Buch Mose. Der 92. Psalm. Der 130. Psalm. Das Buch Daniel. In das Gebiet der Religionsphilosophie fallen die Aufsätze: Die Frage vom Ursprung des Monotheismus. Ueber den Atheismus. Wilh. v. Humboldts Ideal des sozialen Lebens. Ein Wort über den Lebenszweck. Nathan der Weise. Was Gott thut, das ist wohlgethan. Ueber Heiterkeit und Wehmuth. Zur Erholung. Die letzten sechs oder sieben dieser Aufsätze könnte man wohl weltliche Predigten nennen; aber es wäre freilich zu wünschen, daß auch unsere geistlichen Predigten auf einen solchen Ton gestimmt wären. Ein tiefer Zug von Frömmigkeit und Glaubenstreue geht durch dieses Buch; befreiende, den Geist erhebende, das Herz erquickende Gedanken erklingen hier in wunderbarer Fülle. Welch ein Singen, Sagen! O, wie viel Geist, o, wie viel Wissensfülle, O, wie viel Tiefsinn, Scharfsinn, Poesie, Wie viel zauberkräftige Phantasie, Wieviel des Scherzes auch, durch Thränen lächelnd! Es ist ein geistiges Mahl, „auf blanken Silberschaalen goldene Frucht." Möchten nur Viele herantreten, um an diesem Mahle theilzunehmen und an diesen Früchten sich zu laben! Hier erscheint mehr als je der Wunsch berechtigt, daß des Dichters Wort zur Wahrheit werde: „Ein edler Mensch zieht edle Menschen an". G. K. Sprechsaat. Geehrte Redaktion! Qjn einer der letzten Nummern der „Allg. Ztg. d. I." befindet sich eine Notiz, in der von dem Ursprung des Bismarckwortes: „Wir Deutschen fürchten Gott, sonst Niemand in der Welt" gehandelt wird und die Autorschaft den uralten Juden, und zwar dem Verfasser des Gebetbuchs zugeschrieben wird, was dem „Wuthgeheul" Böckels und Konsorten einen Dämpfer aufsehen soll Nun könnten aber vielmehr die Antisemiten lachen über unsere Unkenntniß der heiligen Schrift, wenn diese Notiz unwidersprochen bliebe. Jener aus dem Gebet Adon olom angeführte Schlußsatz: Gott ist mit mir, und ich fürchte nichts (adonaj li, welo irn) ist nämlich in verkürzter Form dem 6 Verse des 118. Psalmes entnommen, Gott ist mit mir, ich fürchte nichts, was sollte mir ein Mensch (sc. „auf der Welt") thun [adonai li, lo ira, ma jaase li odam], was also dem Bismarckschen Spruche noch näher kommt. Also auch hier wieder der erhebende Beweis, daß alles Große, alle hohen Gedanken in der Bibel schon eine Stätte gefunden. Berlin, 1. Mai. G. Misch. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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