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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-24 · Heft 21 (24.5.1895) · p. Seite 251

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
Seite 251 (sequence 13)
Language
German
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*51 ob sie sich fortwährend über etwas beklagen wollten. Anfänglich beklagte sich auch Enoch Über die Strenge seines Melameds und zeigte seine Ohren, die in seinem dichten schwarzen Haar wie Rubine leuchteten, so roth waren sie von dem häufigen Ziehen. Zuweilen erzählte er auch seiner Mutter ganz leise, daß er Rücken- und Kopfschmerzen habe. Die ersteren von den Fanstschlägen des Melamed, die anderen von der ungeheuren Fülle der Wissenschaft, die sich in einem verhältnißmäßig nur kleinen Raume des kindlichen Gehirns sammelte. Doch die Klagen Enoch's hatten keinen tröstlichen Erfolg, und darum hörten sie in kurzer Zeit auch auf. Der Melamed, welcher Enoch unterrichtete, war der billigste von allen existirenden Lehrern in der Stadt O., und obwohl es innerhalb des jüdischen Volkes bekanntlich Rothschilds und viele andere reiche Bankiers giebt, so waren Schimele und Zipa doch nicht im Stande, einen solchen Lehrer zu bezahlen, der mit einer größeren Milde des Charakters und feineren Manieren des Umganges zugleich größere Ansprüche vereinigte. Enoch aber, obwohl er gut lernt und bereits sehr viel weiß, empfindet doch nicht die innere Zufriedenheit, welche gewöhnlich dem glücklichen Wanderer in das Reich der Wissenschaft folgt. Meistentheils setzt er sich in einen Winkel der Stube auf die Erde, wenn er aus der Schule kommt, rückt die abgetragene Mütze auf die Stirn und tief sinnend scharrt er entweder mit einem kleinen Schägel das festliegende Mist in dem Winkel auseinander, oder er nimmt die große graue Katze auf seinen Schooß, streicht langsam mit seiner kleinen, mageren Hand über das Fell und schaut mit seinen eingefallenen aber glänzende» Augen in die gelbgoldenen, ihm freundlich zuwinkenden Augäpfel der Katze. Das Thier wurde von Zipa auf der Straße als ein kleines, verhungertes Kätzchen aufgehoben und dann zusammen mit ihren Kindern aufgezogen; es hat außer Enoch noch Jemand, für den es eine lebhafte Sympathie hegt. Dieser Jemand ist die älteste Tochter Schimele's, die zehnjährige Hiba, schlank, schmächtig und seit fünf Jahren hustend. Hiba hat ein blasses Gesicht, das eine krankhafte Disposition verräth, hellgraue Augen mit einem leidenden und geduldigen Ausdruck und flachsblondes Haar, welches ganz glatt gekämmt und hinten in einen festen, kurzen abstehenden Zopf zusammengebunden ist. Im Hause wird sie als eine ganz erwachsene Person betrachtet. Hiba ist sehr ernst und überlegt; sie vertritt in der Wirthschaft die fortwährend abwesende Mutter und pflegt die jungen Geschwister sorgsani. Sie heizt den Ofen, holt Wasser aus dem nahe liegenden Brunnen, kocht das Essen, macht einmal in der Woche die Stube rein, und hundert Mal täglich leidet sie die verschiedensten Qualen durch Ester und Mendele, welche sie fortwährend suchen, rufen, tadeln oder trösten muß; und alle diese Funktionen erfüllt sie mit einem großen Ernst und mit seltener Ausdauer, in den mageren Händen die Stricknadeln führend. Die Strümpfe, die sie strickt oder stopft, sind von verschiedener Farbe, gelb, schwarz und blau, vor sechs Jahren schon hat ihr die Mutter die Kunst beigebracht, und seit dieser Zeit versorgt sie das ganze Haus mit ihren Strickarbeiten, die sie in schweren finanziellen Krisen sogar lukrativ verwerthet hat. Manchmal fühlt sich Hiba müde, setzt sich auf ein kleines Stühlchen neben dem Ösen nieder und legt die Hände, welche fortwährend die Strümpfe halten, auf die Knie. Dieses Ansruhen dauert aber gar nicht lange, weil gerade dann am öftersten dem kleinen Kinde die Lust ankömmt, spazieren zu gehen. Es sängt dann an sich herumzuspazieren; indem es energisch mit den Händen fortbewegt und laut schwatzend ans die Erde füllt und fürchterlich schreit. Dann steht Hiba auf, hebt es von der Erde auf und wiegt es so lange in ihren Armen, bis sich der Knabe beruhigt und das über ihn gebeugte Gesicht seiner Schwester anlacht. Hiba legt ihn dann in die Wiege, aber der kleine Weltbürger läßt wieder einen wehmüthigen und traurigen Ton erklingen, welcher den Wunsch ansdrücken soll, daß Hiba bei ihm bleiben möge. Die Wiege steht gleich neben dem Bette von Zipa, welches sehr groß ist und noch durch zwei darauf liegende Federbetten erhöht wird. Hiba, obwohl sie für ihr Alter schlank ist, kann schwerlich auf das Bett kommen. Sie arbeitet sich aber doch mühsam hinauf, setzt sich auf den höchsten Wipfel der Federbette», stützt die Füße an den Rand der Wiege, und so die Strümpfe emsig fortstrickend, kann sie bequem den kleinen Heysor aufrichten, welcher schon einzuschlafen beginnt, aber von Zeit zu Zeit doch die Augen öffnet, um zu sehen, ob die Schwester noch immer bei ihm ist. Ich weiß nicht, ob diese sich jeden Augenblick öffnenden und schläfrigen Angen des Kindes bemerken, wie eigenthllmlich und auffallend zugleich der Kopf des ernsten Mädchens von dem blassen Gesicht absticht, und wie die gesenkten Augenlider und der rückwärtige Zopf von dem rothen Boden ringsum von den Federbetten und Kopfkissen sich abheben. Das sind die Kinder von Schimele, die sich hier dem geduldigen Leser vorgeflellt; aber wie ist er selbst, Schimele? Wie er ist? Die eine Frage enthält alle anderen, der Geburt und der höchsten oder niedrigsten Position, welche der Mensch auf der Leiter der sozialen Hierarchie einnimmt, in sich. (Fortsetzung folgt.) Ausgegangene Saat. Ein Zeitbild von Jenny Hirsch. (Schluß.) VI. n einem Abend zu Anfang September saß Julius May mit seinen Schwestern in einein Zimmer des Hütet de l'Europe in Hamburg. Das Schiff, welches sie der Heimath entfiihren sollte, lag segelfertig, früh am Morgen des nächsten Tages sollte ein Eisenbahnzug sie nach Cuxhafen bringen. Lauge schon hatten sie in Schweigen verharrt, Keiner mochte den Andern wissen lassen, wie schwer, ivie unendlich schwer ihm doch der Abschied von Deutschland und Europa ward. „Ihr armen Kinder," begann Julius endlich, „ich hätte Euch doch nicht überreden sollen; jetzt fällt es mir schwer auf die Seele, daß ich Euch losgerissen habe, wo Ihr so fest wurzeltet." „Nicht Du hast uns losgerissen!" ries Rost), „das haben Andere gethan. Man macht uns das Vaterland streitig, also suchen wir uns ein anderes." „Als ob Du, als ob wir das könnten!" entgegnete Lina kopfschüttelnd. „Was wir auch erfahren und gelitten, wir hängen doch mit allen Fasern an dem Lande, in dem wir und eine Reihe unserer Voreltern geboren sind, dessen Sprache wir sprechen, mit dessen Bildung wir genährt und durchtränkt sind, für das unsere Brüder auf den Schlachtfeldern gekämpft und geblutet haben. Wir werden die Sehnsucht nach ihm immer im Herzen tragen und — ich möchte sie nicht missen, sie ist mir ein kostbares Gut." „Lina spricht aus, was ich fühle," versetzte Julius, „und ich habe die Zuversicht, wir scheiden nicht für immer. Auch diese Woge muß vorüberrauschen, auch —" Er unterbrach sich; schnelle Schritte näherten sich der Thür, sie ward geöffnet; mtf der Schwelle stand ein hochgewachsener Mann mit blondem Haar, blondein, weichem Bart und hellen, grauen Augen.

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