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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-24 · Heft 21 (24.5.1895) · p. Seite 250

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
Seite 250 (sequence 12)
Language
German
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250 Millionen, Paläste, Gemälde, Teppiche, Schnitzereien, Spiegel :c. haben muß, und wenn nun ein Sohn dieses Slamines dies Alles nicht hat, so liegt der Grund ausschließlich in seinem eigenen Willen. Wahrscheinlich famt er sich mit Geringerem behelfen; wenn er nur wollte, so hätte er gewiß auch alle diese schönen Kleinigkeiten. Ein reicher Stamm, also ein glücklicher Stamm! Ich erkenne im großen Ganzen dieses Glück an und wundere mich mir, warum Schimele, der Sohn von Gerschvm und der Mann von Zipa, keinen Begriff von diesem Reichthum und dem daraus entstehende» Glücke hat. Anfangs, wenn ich die vollständige Unkennlniß Schimele's sah, glaube ich, daß er nur eine kleine Nolle spiele, um die Christen znm Narren zu haben, in deren Reihen er sich gewiß seine Opfer gewühlt habe, die ihm schon von der Berivalliing der Jndengenieinde „zur gefälligen Ausbeutung" übergebe» oder gar verkauft worden seien. Bon diesen mythischen Opfern sprach man ja so viel bei uns während der letzten Jahre! Aber nach näherer Beobachtung überzeugte ich mich gründlich und zu meiner große» Verwnudermig, daß Schimele in der Thnt und ganz gewiß gar keine derartigen Opfer kennt und gar nichts davon weiß, daß solche überhaupt eine Quelle von Reichthümern und irdischem Glücke sein könne». Was aber die Gemälde, Teppiche, Spiegel, Schnitzarbeiten und Paläste anbetrifft, so zweifle ich, ob Schimele sie je einmal in seinem Leben gesehen hat; es sei denn, daß wir einen kleinen, eine halbe Elle langen Spiegel in hölzernem Rahmen ohne eine Spur von Vergoldung und Schnitzerei darunter verstehen, welcher über dem Koffer von Zipa hing, und zn welchem die sechsjährige Ester, eine Tochter von Schimele, mehrere Male am Tage sich emporreckte, wahrscheinlich um ihre rothen Locken, ihre blauen zu dem Spiegel emporlachenden Augen und das blasse Gesicht des Paters zu sehen, welcher gleichfalls lächelt, wenn er den sogenannten Spiegel und sie betrachtet. Schimele weiß nichts von andern Spiegeln, als von diesem, in dem sich immer ein Stückchen der schinntzigen Wand und Ester's Stumpfnäschen abspiegelt, sowie er denn überhaupt nichts ahnt von zahlreichen Erscheinungen und Dingen, die thatsächlich auf unserer schönen Erde existiren. Denn ich muß hier mit großer Scham, die ich für die Gestalt meines Bildes empfinde, gestehe», daß der Kreis von Erscheinungen und Dingen, die Schimele bekannt und vertraut waren, sehr eng ist. Wenn man aber gerecht sein will, so muß man von dieser Unkenntniß irdischer Dinge das zehn Fuß lauge und fünf Fuß breite Zimmer ansschließen, welches Schimele wirklich ganz genau in allen seinen Einzelheiten kennt, einmal, weil er darin schon seit zwölf Jahren wohnt, und dann, weil es eigentlich verzweifelt wenig darin zn kennen giebt: Zwei alte Bette» mit rübenfarbigem Bettzeug, einen riesig großen Ofen mit eiserner, schwarzer Oeffmmg gleich einem tiefen Abgrund, auf dem immer große Lappen zum Trocknen liegen, ein Fensterchen in wurmstichigem Nahmen, einen am Fenster stehenden Tisch, drei Stühle, eine Katze und fünf Kinder. Die Letzteren besonders keunt Schimele sehr gut, weil er sie sehr liebt. Wie sollte er sie aber auch nicht lieben, da sie Alle ganz ungewöhnliche Kinder sind, wunderschön, klug über ihr Alter und gut! Aber davon wollen wir jetzt noch nicht sprechen. — Zipa erzählt es ja doch sehr oft und sehr lang, und Schimele widerspricht ihr gar nicht. Im Gegentheil, er fühlt selbst die ganz nugewöhnliche Bedeutung seiner Kinder sehr tief, und freut sich nicht minder darüber als Zipa, obwohl er es stillschweigend thnt, was einen, wirksamen Gegensatz zn der Beredtsamkcit der Mutter bildet. Jedes Kind bereitet ihm große und jedesmal neue Freuden; Ester znm Beispiel ist ein wahrer Engel; Schuhe trägt sie nur am Sonnabend, und was für welche! Mein Gott, ans dem Korbe einer alten Lumpensammlerin ausgewählt, durch irgend welche reichen Kinder abgetragen, manchmal von Atlas oder aus dünnem Saffianleder, blau oder roth, aber immer sehr zerrissen und mit Schnürchen, anstatt mit Bändchen zusammen gebunden. Ob aber in Schuhen oder ohne solche, ihre kleinen Füße trippeln beständig durch das Zimmer, klettern auf den Koffer der Mutter, springen auf den mit Steinen gepflasterten Hof, und manchmal hängen sie auch auf dem Zaun, der den Hof von dem nachbarlichen Hause scheidet, derart, daß es fast scheint, sie seien ohne sie dort, weil die obere Hälfte von Ester von der einen Seite des Zaunes und die andere von der anderen Seite herunterhängt. Ihr wild zerzaustes Haar sieht dann ans, wie gedrehte und zusammengewickelte Flämmchen, die so groß sind, daß das kleine runde Gesichtchen mit dem Korallenpnnkt, anstatt der Lippen, von ihnen ganz umrahmt zu sein scheint. So ist Ester das dritte in der Reihe von Schimele's Kinderschaar. Ein ausgezeichnet passendes Pendant zur ihr bildet ihr Bruder, der um ein Jahr jüngere Mendele, dessen individuelle Züge bis jetzt ein Röckchen aus rother Leinwand und ewig von ihm bis zur Erde herabhängende weiße Bändchen zu sein scheinen, auf welche Mendele sehr oft tritt, worauf er naturgemäß zur Erde fällt und mit einem durchdringenden Schrei das geringe Quantum von Luft erfüllt, welches die enge Stube und den kleinen Hof ausfüllt. Da Niemand sich um dieses Weinen bekümmert, ist es auch gewöhnlich von sehr kurzer Dauer; Mendele erhebt sich dann selbstverständlich von diesem Falle, setzt sich seine kleine Mütze bester auf das wie bei der Schwester feurige und wilde Haar, und in Esters Gesellschaft fängt er von Neuem an, auf den Zäunen emporzuklettern und auf einem Haufen daliegender Bretter die verschiedensten akrobatischen Exerzitien auszuführen, welche sich Schimele vom Fenster mit einem leisen Lächeln und stiller Freude ansieht. Mendele aber wird leider schon in sehr kurzer Zeit diese wahrscheinlich schönste Lebensepoche grenzenloser Freiheit und ungetrübten Glückes endigen, denn in ein paar Monaten wird er schon fünf Jahre alt und dadurch gezwungen sein, einen regelmäßigen Lehrgang seiner Studien anzufnngen, zumal er diesen Anfang eigentlich schon versäumt hat. Vor einem Jahre schon, vor seinem vierten Geburtstage war bereits die Rede zwischen ihm und seinen Eltern, man solle ihn »ach dem Cheder schicken. Damals war Mendele keineswegs einverstanden. Er wollte nicht ins Cheder gehen — und damit war die Sache abgethan. Er ergriff mit beiden Fäusten das Kleid der Mutter, klammerte sich fest mit den Füßen an dieselbe, schrie laut, die Thränen flössen in Strömen über seine rothen Wangen — und er ging nicht. — Zipa ärgerte und grämte sich sogar anfangs über de» Widerwillen, den ihr vierjähriger Sohn gegen die Wissenschaft und den Melamed mit dem langen Bart, den hohen Schultern und dem mürrischen Blick zeigte. Doch ihr Man» tröstete sie, indem er ihr erzählte: „Als ich in seinem Alter war, lief ich auf den Straßen herum und amüsirte mich, und siche da, wozu bin ich später gekommen; — auch er wird dasselbe erreichen. Indessen kann er noch ein wenig hcranwachsen." Der ältere Sohn Schimele's, der neunjährige Enoch. besucht dagegen schon seit fünf Jahren das Cheder, er kann ausgezeichnet hebräisch lesen, ist bewandert in der Wissenschaft des Chumesch oder der fünf Bücher Moses, und seit einem Jahre hat er schon die Stufe einer bedeutend höheren Wissenschaft erreicht, da er das Studium des Talmud mit dem Kommentar Raschis begonnen hat. — Das sind gewiß ungelvöhnliche Fortschritte. Aber die schwarzen Augen des schmächtigen Kindes haben sich auch ungewöhnlich weit geöffnet und sind ungemein tief eingefallen, sie glänzen in dem schmalen Gesicht mit einem so eigenthümlichen warmen und so traurigen Feuer, als

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