Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1895)
- Date
- 1895-05-24
- Page
- Seite 248 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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248 hältnisse seiner Entstehung genau unterrichtet sind, nicht besser, »och schlechter, aber wir können es gerechter benrtheilen und seine Vorzüge wie seine Schwachen bewußter erfassen. Es wird nicht mehr, aber wir haben nun mehr davon. Dafür habe ich an mir selbst durch den Gang dieser Arbeit einen mir sehr lehrreichen Beleg erlebt. Wie hoch ich de» dichterischen Werth dieser Novellen schätze, habe ich von vornherein ausgesprochen; diese Schätzung ist dieselbe geblieben. Aber mein Berständniß für diese Dichtungen ist gewachsen, ich sehe nun Manches klarer als bisher, weis; mir Vieles besser zurechtznlegen. Die Kenntnis; der änßeren Details, zu denen ich im Gang dieser Arbeit und ohne ausgesprochene Absicht, gleichsam zufällig unter den Augen des Lesers gelangt bin, wird mir und ihm bei der folgenden Betrachtung ihre Früchte tragen. Es war nicht nutzlose Mühe, die wir bisher aufgcwendet haben, er durch das Lesen, ich durch das Schreiben, obwohl die Fäden nicht überall nachgcwiesen, geschweige denn aufdringlich kolorirt werden sollen. Beginnen wir unsere Betrachtung mit der Hervorhebung der gemeinsamen Eigenschaften beider Novellen, die im Uebrige», namentlich in ihrem künstlerischen Werth, erheblich von einander verschieden sind. Vor Allem Eins. Beide Novellen sind fast tendenzlos. Diese Eigensäurst sticht zunächst in die Augen, weil sie es ist, die sie von fast allen anderen Erzählungen desselben Stosfkreises, namentlich aber meines Wissens geradezu von allen anderen hervorragenden Ghetto-Novellen abscheidet, nicht blos den deutschen. Schon daraus geht hervor, daß ich diese Eigenschaft keineswegs als Vorzug an sich betrachtet wissen mochte, freilich auch nicht als Schwäche. Die Tendenz ist im Kunstwerk wohl berechtigt; dies Recht verliert sie nur da, wo sie es mißbraucht, wo sie sich zur Herrin machen, die Kunst zur Magd herabdrücken will, wo sie allein, und nicht das künstlerische und psychologische Gesetz das Gefüge der Handlung bestimmt, wo die Menschen nicht so Handel» und sprechen, wie sie es gegebenen Falls wirklich thäten, sondern so, wie der Autor im Interesse seiner Tendenz will. Daß uns in jeder Lilteratnr, namentlich in der englischen, aber ihr zunächst in der deutschen viele solche Mißgeburten begegnen, darf uns, wiederhole ich, kein Vorurtheil gegen die Tendenz an sich beibringen. Wo sie die Grenzen des Kunstwerks nicht sprengt, wo sie die künstlerischen und psychologischen Gesetze, denen der Dichter vor Allem zu gehorchen hat, achtet, wo sie eine harmonische Verbindung mit ihnen eiugeht, da ist sie erlaubt, ja sie vermag den Werth und Reiz eines Werks zu erhöhen. Auf dieses Harmonische des Verhältnisses kommt's eben von vornherein an; beide, die Herrin Kunst und die freigewühlte Genossin Tendenz müssen sich von Anbeginn mit einander verständigen; mit anderen Worten: die Stoffe müssen so gewühlt, die Charaktere so gestaltet sein, das; das Kunstwerk ein solches bleibt, obwohl es zugleich ein Bornrtheil widerlegen, ein Schlimmes beseitigen, ein Gutes schütze», eine Lehre einprügen will. Ist aber die Tendenz auf jedem Gebiet der Menschen- und Sittenschilderung berechtigt, so ist sie vollends auf dem der Ghetto- Novelle durchaus natürlich. Der jüdische Stamm war und ist überall in steter, innerer Entwickelung, in stetem äußerem Kampf begriffe». Es galt oder gilt die rechtliche Gleichstellung zu erkämpfen oder zu behaupten, dann die thatsüchliche zu erringen. Dies kann aber nicht blos durch die Abwehr äußeren Angriffs und Borurlheils erreicht werden, sondern bedingt auch tiefgehende Wandlungen im Innern. Da stehen National-Judcn und Assimilirte, Orthodoxe »ud Liberale gegen einander; daneben machen sich scharfe soziale Gegensätze geltend, vor Allem und überall der Gegensatz zwischen Arm und Reich, aber auch in einzelnen Landstrichen der Gegensatz zwischen Stadt und Dorf, zwischen Handwerk und Handel, Gelehrsamkeit und Unbildung u. s. w. ». s. w. Selbst an ethnographischen Gegensätzen fehl! es innerhalb des Stammes, der seinen Gegnern so einheitlich erscheint, durchaus nicht: wie scharf schließen sich im Osten die dort seit Jahrhunderten seßhaften Juden durch Sprache, Sitte, Tracht, ja durch Volksbewußtsein von de» Einwanderern aus dem Westen ab, wir scharf wieder die rnssi'chen von den polnischen Juden in Westruß land, oder die „Aschkenasim" von den „Sephardim" in Holland unk dem Orient! Wer jüdisches Leben, gleichviel in welchem Lande und aus welcher Zeit, schildert, hat von schweren inneren und äußeren Kämpfen zu berichten, und dabei nicht Partei zu ergreifen, ist fast unmöglich In der That sind auch die allermeisten Erzählungen aus dein jüdischen Leben, mögen sie nun von Juden oder Christen verfaßt und in tvelcher Sprache immer geschrieben sein, Tendenz-Dichtungen. Neben zahllosen Mißgeburten der oben geschilderten Art, wo die lehr hafte oder polemische Absicht das Kunstwerk erschlage» hat, oder wo von vornherein ans mangelnder Kraft kein Kunstwerk entstehen konnte, finden wir auf diesem Gebiete viele vortreffliche Tendenz Dichtungen, darunter einige, die als Muster der harmonischen Ber bindnng von Tendenz und Kunst dienen können; hier sei nur an Heine's „Rabbi von Bacharach", die „Jndenbuche" der Droste-HülS hoff, Auerbachs „Dichter und Kaufmann", Hryse's „Judith Stern". Kompert's „Christian und Lea" erinnert. Noch mehr, Bernstein ausgenommen hat, wie bereits angedentet, kein einziger hervorragender Dichter auf diesem Gebiete andere als Tendenz-Novellen geschaffen. Nun fehlt allerdings auch in diesen beiden Novellen die Tendcnnicht ganz und gar, nur ist sie dünn, kaum angedeutet, uud betriss: durchwegs blos Nebensachen. In dem, was nach dem ganzen Inhalt das Wesentlichste ist, fehlt sie völlig. Dies Wesentlichste ist die Darstellung des inneren Lebens einer nicht blos fronuu-, sondern stacrgläubigen jüdischen Gemeinde, in welcher die unzähligen Ceremonial-Eesetze, aber auch der Aberglauln in voller Kraft stehen und das Leben jedes Bewohners bis ins Einzelnste binden, regeln, ja geradezu knebeln. Der Stolz der „Khilla" Fordon, wie sie Bernstein schildert, beruht darauf, das; dort, „vor hundert Jahre», ein sehr berühmter Chasan, Namens Ephraim Greidicker wirkte, dessen „Lecho daudi" »och heutigen Tagdie Schlummerarie jedes echten Wiegenliedes in F. ist"^, ferner darauf, „das; vor etwa achtzig Jahren der Maggid dort lebte, der. wie jeder Mensch aus F. bestätigen wird, von Eckwelt bis Eckwel: nicht seines Gleichen hatte," vor Allem aber beruht ihr Ruhm an: einer „von keiner Flamme antastdaren Mikwe". Für die „Bachnrim" des Fordoner „Beshamidrasch" ist ein deutsches Buch streng verboten vergleicht dort ein Jude seine Lage mit der eines Christen, so füg: er „leluiwdil“ hinzu; der Bart wird nicht rasirt, sondern „gezwickt" ein Mädchen verhüllt im Gotteshause und vor den „Bachurim" sein Haar; schließt die Regierung ein „Cheder", dessen Leiter das Examen nicht machen kau», so empfindet dies die ganze Gemeinde al- „Gseire" uud gerüth darüber in „offenbarste Entrüstung"; jedes Jndenwcib liest eifrig in der „T'chinuoh", aber auch nur in dieser, wie jeder Mann nur in Thora und Talmud; alle Freuden de- Lebens konzentriren sich auf den Sabbath, und „wer in Schul a»sgcrufen" iverdcn soll, ist eine unendlich wichtige Frage; jedes Hauhat seinen „Scholent"-Ofen, wird ein neues ohne solchen erbaut, sr verfällt der Besitzer härtester Beurtheilung. obwohl er ein sehr ’j Ich zitire überall in der ersten Fassung (in Wertheims Jahr buch), weil sie weitaus charakteristischer ist als die der folgenden Ausgaben. Auch sind ja jene Rücksichten auf Verständlichkeit für Alle, uin derentwillen sich Bernstein zu einer Verdeutschung entschloß, hier «ich: zu nehmen.