Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1895)
- Date
- 1895-05-24
- Page
- Seite 246 (sequence 8)
- Language
- German
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246 beginnt daher mit dem Verbot der Spann aber, legt den mythischreligiösen Ausgangspunkt dar, entwickelt dann den historischen Gang, der aus einer bloßen „Gepflogenheit", wie die Schrift den Kultusbrauch darstellt, ein Gesetz schuf, das auf das ganze Hintervierteltheil des Vieh's ausgedehnt wurde, und für das die späteren Rationalisten der spanischen und die Mystiker der orientalischen Schule allerlei Gründe herbeisuchten. Recht frappant ist die Bemerkung Dr. Wieners, daß die Worte „bis zu diesem Tag", den traditionellen Sinn des Satzes: „Drum sollen die Kinder Israel die Spannader nicht essen!" geradezu unmöglich machen. Freilich muß man nicht an die eigentlichen Kinder des Erzvaters Jakob denken, wie der Verfasser meint. Richtiger ist wohl, das; ein Priesterbrauch im Norden Israels, wo die altphönizische Herkulesmythe auf Jakob übertragen wurde, den Genus; der Hüftsehne als heilig mied, und vom Opferkillt übertrug sich dann die Sitte auf jedes Mahl. 2. Fleisch mit Milch. Die meisten Angriffspunkte bot erklürlicheriiiaßen uuserin Verfasser das Doppel-Küchensystem unserer frommen jüdischen Häuser, die Sonderung von Fleisch- und Milchkost. Der Verfasser hält Musterung über alle Bibclausleger von Philo bis zu Luzzato, und von Ben Saruk und Luther bis Reggio, und läßt es unentschieden, ob, wie er selbst mit den Letztgenannten geneigt ist, das biblische Verbot zu erklären ist: „Du sollst nicht kochen das Zicklein an der Milch seiner Mutter", das heißt: das noch zarte Sauglamm, oder ob es zu fassen ist: Du sollst das Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter zubereite». Auf alle Fülle stimmen viele mittelalterliche Erklärer mit Philo überein, daß es grausam erscheint, das Lamm mit der Muttermilch zubereitet zu genießen, während nach Maimonides und vielen Andern die Hauptursache des Verbots in dem götzendienerischen Brauch, zum Frühling ein solches Opfer zum Feldsegen zu bringen, lag. Altsainaritanische Ueberlieferung hat zu Exodus 23, 19 den auch in der Septuaginta reproduzirten Zusatz: „Wer solches thut, opfert einen Greuel und begeht ein Scheusal gegen den Gott Jacobs." Hier kann nur auf einen heidnischen Brauch hingezielt sein, der mit dem vorhergenannten Frühlingsopfer in Verbindung steht, und der sich in der That bei vielen Völkern Nachweisen läßt. Natürlich entsteht hier die jeden Denker verblüffende Frage: Wie hat sich aus einem so einfachen Verbot eines im Privatleben ungewöhnlichen Brauchs eine rabbinische Satzung herausgebildet, die so viel materiellen und sozialen Nachtheil gebracht hat? Dr. Wiener nun glaubt, p. 98—100, daß das Verbot, Fleisch mit Milch zu kochen, erst aus den Schulen von Schammai und Hillel, vielleicht gar erst aus der hadrianischen Verfolgungszeit, der Mischna R. Akiba's stanunt, da weder Josephus und Philo, noch die Septuaginta von einem solchen eine Spur zeigen. Hiergegen sei erst eine allgemeine Bemerkung gegen die Ansicht des Verassers, betreffs des Alters des Jerusalemischen Targums, gestattet. Das unter dem Namen Jeruschalmi und Jonathan erhaltene ursprünglische Glossentargnin geht, wie schon Geiger gezeigt hat und ebenso Schreiber dieses in „Jewish Quarterly Review" (April 1893, p. 403, Note) auf die Makkabäerzeit und die älteste Essenertradition zurück. Nun aber hat das Targum Jeruschalmi zu Exodus 23, 19 folgenden Zusatz: „Kochet und esset nicht Fleisch und Milch durcheinander gemischt, dannt ich nicht in ineineni Zorn euer» Ertrag, Getreide und Stroh zusammengekocht, als Mischung Hervorbringen lasse." Hier ist ein durchaus eigenartiger Gesichtspunkt gegeben, von dem die Bibel allerdings nichts verräth. Nur ein solcher aber, der an Ei I«i martige Mischung von Gattungen erinnert und wie eine schwere frevelhafte Versündigung gemieden werden mußte, kann jenen schon in den Schulen von Schammai und Hillel, also in der ältesten Zeit des Rabbinismus, ventilirtei Fragen zu Grunde liegen, ob man Käse mit Geflügel zusammen auf den Tisch bringen darf, Chollin 104a b und Jdioth V., 2 Diese Stelle hat Dr. Wiener offenbar übersehen. Denn aus ih geht klar hervor, daß nur darüber eine Meinungsverschiedenhei in der Zeit der letzten Tempelperiode bestand, ob Geflügel unte dem Verbot der Mischung von Fleisch mit Milch mit einbegriffe! war oder nicht. Gegen die mögliche Mischung von anderem Fleisc! mit Milch jedoch wurde die größtmögliche Vorkehrung gerade schon damals geübt, was freilich selbst den Talmuderklärern befremdlia erscheint. Verbietet ja schon eine alte Boraitha, Brod mit Milch z> backen, damit man nicht in die Gefahr komme, solches mit Fleisc zusammen zu genießen (Pesachiin 30a und öfters). Hier lieg offenbar eine wohl aus dem Heiligthum oder Priesterbranch her stammende Ueberlieferung vor, die ursprünglich in gar keinem Zn sammenhang mit dem Sauglamm-Verbot stand und erst von de: Schule der Rabbinen oder der Effäer in den Bibelvers hinein interpretirt wurde. Kam ja auch später das Verbot, Fleisch mit Fischen zusammen zu verspeisen, als Mischungsverbot unter Androhung von Aussatz kranlheit auf. (Pesachim 76b.) Das ganze Kapitel von „Vermischungen", das im Talmud tim so große Rolle spielt, räthselhaft, wie es in seiner kasuistischen Ver zweigung dasteht, läßt sich nur aus priesterlichen Traditionen, di> schon auf Haggai's Zeit ihren Schatten werfen (siehe Haggai 2, 12) herleiten. War Opferfleisch heilig, so mußte Mischung mit Profanen: „stufenmäßig" gemieden werden. Die Ableitung solcher Mischverbov von sinaitischer, das heißt altpriesterlicher Ueberlieferung ist daher nicht, wie Dr. Wiener in seiner Entrüstung behauptet, spätere Er findung, sondern beruht auf der nahen Beziehung, die zwischen Tempelpraxis und dem Essener- oder Laien-Priesterthum bestand 3. Salze» und Schlachtregeln. Es sei hier sogleich auch die Aufmerksamkeit auf zwei Punkt gelenkt, bei denen der mit allen talmudischen Quellen vertraute Ver fasser doch mehr zu kritisiren als Dunkles zu erkläre» weiß: Da-. Salzen und das Schlachten. Es ist gewiß Dr. Herzfeld im Rech! gegen Wiener 204—6, wenn er den Brauch des Salzens vom Opfer mahl auf profane Mahlzeiten übertragen sein läßt und ihn nicht u» mittelbar aus dem Blutverbot ableitet, um Samuel ans Nehardec zun; Urheber zu machen, wie Dr. Wiener will. Es ist das bleibend! Verdienst Abr. Geiger's, die allmälige Uebertragung priesterliche: Satzungen auf das Privatleben der Pharisäer gezeigt zu haben, di allein den Entwicklungsgang des Talmudismns beleuchtet. Das is: nun in Berng auf unser Thema Salzen und Schlachten besondere in der Jüdischen Zeitschrift VI1 124—132 nachgewiesen. Dr. Wiener läßt dagegen Alles von späten Meistern der Schule der Judenheü aufoktroyiren und schimpft dann weidlich auf dieselbe» los. Das zeug' nicht gerade von tiefem, geschichtlichem Eindringen in den Traditionsstoff. Im Gegentheil. Ich finde, daß Geiger mit dem Namen Pharisäer den Beginn der Laienfrömmigkeit zu spät ansetzt. Ec sind die levitischen Brüderschaften der Chasidim, die di Heiligkeitssatznngen aus dem Tempel ins Laienthum hinüber leiteten, und von hier aus entwickelte sich das Pharisäer- und später: Rabbinenthum. Rabbinische Tradition und levitisch: Satzung berühren sich darum viel näher, als unsn Zunftgelehrten glauben. Ist es nicht selbstverständlich, daß die Priester ihre Schlacht regeln hatten, die der Sohn vom Vater nnd der Vater vom Urahn ableitete? Also es ist eine Wahrheit, daß üaasbor tzivitliiclu-