Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1895)
- Date
- 1895-05-24
- Page
- Seite 245 (sequence 7)
- Language
- German
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245 5d)ule an den Tag gelegt. Die Existenz dieser Schule ist ein erneuter Beweis für das große gemeinnützige Wirken der Alliance, unabhängig von jeder nationalen Befangenheit. Die Alliance hat s eben verstanden, sich frei von jedem Chauvinismus zu halten und uit ihre hohen Ziele, soziale Hebung der Inden, Förderung der fuftur durch Unterricht, Schule, Handtverk und Ackerbau, fest im -luge zu behalten. Dieses Zeugnis; wird ihr von jenen nichtjüdischen Augenzeugen ausgestellt, die Gelegenheit hatten, im Orient, Afrika und anderswo das Wirken der Alliance in der Mhe zu beobachlen. Der bekannte Weltreisende Professor Wilhelm Joest hat im zahre 1888 die Schulen der Alliance in Marokko und in Kleinasien uesucht und über seinen Besuch in der deutschen Monatsschrift „Nord und Süd", 1889, S. 330—361, einen Bericht veröffentlicht, der mit olgenden Worten schließt: „Fassen wir zum Schluß unser Urtheil, oweit wir nach dem Besuche mehrerer Schulen der israelitischen Alliance in Marokko und Kleinasien, sowie nach vielfachen Unterhaltungen mit dort lebenden Europäern zu einem solchen berechtigt lud, noch einmal zusammen, so müssen wir wiederholen, daß die Alliance auf ihre bisherigen Erfolge ans dem Gebiet der geistige», moralischen und auch körperlichen Veredlung der dortigen Juden, benso wie auf ihre Erfolge in Betreff einer Besserung der Lage hrer Glaubensgenossen in materieller Beziehung mit Recht stolz sein uarf, und daß derselben für die Uebernahme dieser hohen und edlen cknltucaufgabe und für den Eifer, mit welchem sie sich der Lösung derselben hingiebt, auch von jedem unbefangenen Andersgläubigen me vollste Anerkennung nicht versagt werden kann. lloQtboi-, xcu ob mm öftoiu>:! (Lncas 10, 37)." Soweit Professor Joest. Derselbe Bericht ist in den in den jüngsten Tagen erschienenen „Weltfahrten" acs Prof. Joest (Berlin, A. Asher & (So.) zum Abdruck gebracht, wozu die „Kölnische Zeitung" in Nr. 434, dato 17. Mai a. c., in inem Bericht über das dreibändige Werk bemerkt: „Für solche, die sich für das ethische Wesen des Judenthums intercssiren, nicht für halbgebildete Antisemiten, ist eine Schilderung der Schulen der Alliance israölite in Marokko und anderwärts geschrieben." An dieses letzte Wort knüpfe ich an und fordere die deutschen Glaubensgenossen auf, für die deutsch-jüdische Schule in Konstantinopel, die nach dem Bericht des Herrn Bernhard Stern in Bedrängniß s'ch befindet, einzntreten. Es ist nicht allein eine Pflicht, die ihnen das ^udenthum auferlegt, es ist eine patriotische Pflicht, das Deutsch- :l)um im Auslande, wie es in jener Schule gepflegt wird, zu erhalten. Das ist die beste Antwort auf die unberechtigten An- und Vorwürfe der Antisemiten, das; wir uns nicht als Deutsche fühle». Nach Art des segensreich wirkenden „Schulvereins", der deutsche Zchule und Sprache im Auslande unterstützt, haben wir hier Gelegenheit, ein Gleiches zu thun. Vor Allem mögen unsere Glaubensgenosse» in des deutschen Reiches Hauptstadt, die verhältnißmäßig viel zu wenig Interesse für die Kulturarbeit der Alliance an den Tag legen, obgleich die Alliance bei dem großen Hilfswcrk der russischen Auswanderung sich in hervorragender Weise bethatigt hat, mögen diese unsere Glaubensgenossen, m erster Reihe, und auch die andern jüdischen Gemeinden sich der deutsch-jüdischen Schule in Konstantinopel annehmen. Ich erkläre mich als Mitglied dcS Central-Komitecs der All. fsr. Univ. bereit, Gabe» und Spenden für dieses jüdische aber auch patriotische Liebeswerk entgegenzunehmc» und die eingegangenen Betrüge an geeigneter Stelle zu veröffentlichen. Ich ersuche die Redaktionen anderer jüdischen Zeitungen, diesen Aufsatz zum Abdruck zu bringen. Me Speisegesehe.') Bon Dr. K. Köhler, Rabbiner in New-Iork. ^e^e11 ’n e'nn Seit tleistiger Erschlaffung und religiössittlicher Mattherzigkeit. Kampsesmuth und furchtlose Ä Prinzipienfestigkeit gehören zu den seltenen Erscheinungen. Auch im Judenthum scheint sich die Schaffenskraft erschöpft zu haben, die uns einen Zuuz und Rappaport, einen Geiger, Frankel, Löw und Graetz gebracht hat. Nur in alten Scharteken Nachlese zu Hallen, ist der heutigen Wissenschaft ganze Thätigkeit. Da thut es Einem wahrlich wohl, nochmals einen Mann aus der alten Schule, wenn auch in derber, polternder Sprache, aber doch mit dem Brustton einer heiligen Ueberzengung reden zu hören. Er mag nicht immer gerecht gegen die altehrwürdigen Autoritäten sein. Seine bitter» Scheltworte mögen das fromme, traditionsgläubige Gemüth schwer verletzen. Allein es ist doch Kraft und Manuesmuth in dem dreiundachtzigjahrige» Greis, wie unser zwerghaftes Epigouengeschlecht solche kaum mehr in sich verspürt, lind wenn das 520 Seiten zählende Werk auch nichts weiter vollbringt, als Rabbiner und Laie» aus ihrer Lethargie etwas aufzurütteln und manchem Blindseinwollenden die Augen anfzureißen, so hat der greise Verfasser damit schon der Jndcnhcit Europas einen guten Dienst geleistet. Denn eine gesunde, maßvolle und prinzipielle Reform kann allein dem Judenthum die Macht und das Ansehen wieder verleihen, die es vor der Welt und vor sich selbst eingebüßt hat. Zu einer solchen Reform nun will Dr. Wiener in seiner eingehenden Erörterung alles auf die Speise-Vorschriften Bezüglichen das Material liefern und den Anstoß geben. Möge der geradsinnige Mann noch tapfere Folger finde» im Streit für das Judenthum, das nicht in der Küche gipfelt und auf dem Friedhof abschließt, sondern das als „unsere Weisheit im Leben der Völker" sich bekundet! Und nun zur Sache! Vor vielen Jahren wandte sich der Verfasser an mich mit der Bitte, ihm meinen längcren Artikel über die biblischen Speisegesetze in der New-Porter Jewisli Times von August bis Oktober 1872 zukvmmen zu lassen. Da ich nur das eine Exemplar im Besitz hatte, mußte ich ihm solche abschlägig beautwocteu. Hätte ich geahnt, daß eine so große Arbeit beabsichtigt war, so hätte ich ihm die meine dennoch zur Verfügung gestellt. Ich bedauere das um so mehr, als ich glaubte, manche der einschlägigen Fragen richtiger gefaßt und beleuchtet zu haben als der ehrwürdige Verfasser, der doch demTalmudismus gegenüber eine recht einseitige und schroffe Stellung cinninunt. Um das nun gleich vorweg zu nehmen, ich stimme ganz und gar mit Dr. Güdemann und gegen Tr. Wiener (S. 10), daß der Talmud in vieler Beziehung über die Bibel sich erhebt und einen Fortschritt über den Mosaismns, namentlich in seiner Ethik, bekundet. Oft ist es erst die rabbiuische Auslegung, die dem mosaischen Gebot einen humaneren Charakter verleiht, wenn auch der Heiligkeitsbegriff zu starrerem Formalismus sührle. Das prophetische Jndenthum muß das Losungswort aller wahren Reform sein; Mosaismns und Rabbiuismns sind beide zeitliche Kompromisse zwischen Ideal und Wirklichkeit. 1. Die Spannader. Dr. Wiener kommt es besonders darauf an zu zeigen, wie die biblischen Speisegesctze bis ins Schrankenlose erweitert worden. Er >) Die jüdischen Speisegesetze nach ihren verschiedenen Gesichtspunkten, von Rabbiner Dr. A. Wiener. (Breslau, Schottländer 1895). Wir bringen diesen geistreichen Aufsatz unseres gelehrten amerikanischen Mitarbeiters sehr gern zum Abdruck, wenn wir auch nicht allen Voraussetzungen und Resultaten der Arbeit znstinnnen können. Die Nied.