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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-24 · Heft 21 (24.5.1895) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
Seite 242 (sequence 4)
Language
German
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242 die Einheit Gottes nicht mehr als die passendste Erklärung des Welträthsels; diese wohlgeordnete Welt heischt gebieterisch die Annahme eines Weltenschöpfers; nnd die innere Einheit der Welt weist schroff die Idee zurück, als könnten mehrere gleichgeordnete Gewalten, wie die Heiden glaubten, bei der Schöpfung nnd Erhaltung derselben bethciligt sein. Aber ist somit der Inhalt des Judenthums erschöpft? Nimmermehr, in ihm ist die Einheit Gottes nicht nur Lehre, sondern Leben, und wird zum fruchtbarsten Prinzip für die Moral. Tenn nicht recht Erkennen ist dem Judenthum das Wichtigste, sondern recht Thun, nnd nur weil der richtige Gedanke gewöhnlich zum richtigen Thun anleitet, wird vom Judenthum ans die Erkenntniß so viel Gewicht gelegt; wie im menschlichen Körper das Gehirn der Mittelpunkt ist, von dem aus das ganze Nervensystem seine belebende Kraft erhält, wie von ihm gleichsam eine elektrische Leitung durch alle unsere Glieder geht, so ist die Einheit Goltes die Kraft, welche das ganze Geäder der jüdischen Religion durchzieht; ans der Einheit Gottes folgt die Einheit des Menschengeschlechts, die Brüderlichkeit und die Nächstenliebe; ja, wohl jede Satzung findet in dieser Lehre ihren Grund und ihre Erklärung. Ein Philosoph der Neuzeit hat das Judenthum das Volk des Gesetzes genannt; es gilt dies in diesem höchsten Sinne, daß die Lehre von dem einen Gott zum Lebensgesetze ihm wird. Ob dies Lebensgesetz im alten jüdischen Staat sich völlig verwirkticht hat? Wer wollte das behaupten; das Judenthum als Religion ist größer als irgend eine Staatsform der Vergangenheit, nnd gegenüber dem Unglauben, gegenüber dem Aberglauben, der oft auch in ganz gebildeten Formen sich uns vorstellt, ist das Judenthum, die Religio», die damit ernst gemacht, das Leben im Staat wie im Hause nach religiöser Norm zu gestalten, und das ganze Leben gleichsam nur als Spiegelung der Lehre von dem einen Gotte aufzufassen, noch bei weitem kein überwundener Standpunkt. Juda's heiliges Buch ist in allen Händen, aber wie oft wird es mißverstanden, wie oft wird es mit Absicht mißdeutet. Darum kann Keiner, der das heilige Vermächtnis; unserer Ahnen liebt, der die erhabenen Schauer des Sinai auf sich wirken läßt, die Hände in den Schoost legen, sondern muß die Ueberzeugung im Geiste bewahren und durch die That bewähren, daß das Judenthum auch in der Gegenwart eine Aufgabe zu erfüllen hat. Vortrefflich jagt der Midrasch: Ein Volk ist lebensfähig durch seine Weisheit; wir Juden haben heute kein Land, keine Sprache, aber wir haben Wahrheit, nnd diese Wahrheit hält uns aufrecht, wenn wir sie aufrecht erhalten. Die Vergangenheit ist es, die uns in der Hoffnung auf die Zukunft festet. In diesen Jahrtausenden hat die Judenheit Unendliches gelitten, aber das Judenthum hat triumphirt. Dieser Triumph ist kein vollständiger, aber ist es nicht erstaunlich nnd ermuthigend, daß die religiöse Lehre eines Volkes, die mit Allein in Widerspruch stand, was die heidnische Welt verehrt oder geliebt hat, die durch keine Macht unterstützt wurde: daß sie das Heidenthum nieder - geworfeu und sich wenigstens zum Theil an seine Stelle gesetzt hat? Aber, sage» die Spötter, zugegeben, das Judenthum hat noch eine Mission, wo sind die Missionare? Sind die Juden unseres Zeitalters im Stande, oder vielmehr, sind sie irgendwie ernstlich Willens, für ihre Ueberzeugungen mit opfermüthigem Eifer eiuzutreten? Die Juden dieses Jahrhunderts! Reden wir nicht besser, aber auch nicht schlechter von ihnen, als sie verdienen. Wo ist denn überhaupt ein Volk zu finden, in welchem der Idealismus, die Begeisterung, die Opferfrendigkeit die Mehrheit haben? Die Propheten gelten uns heute als die Vertreter der israelitischen Vergangenheit; als sie lebten, waren sie der Ausdruck der Majorität? Die Zeit und das Volk sollen noch gefunden werden, wo die Heroen des Geistes nnd des Herzens die Mehrheit sind. Die Propheten konnten sich nur mühselig und unter schweren Kämpfen gegen die groß, Masse behaupten; dennoch sind sie heute die Vertreter des alten Israel; denn nur die außerordentlichen Geister und nicht die Alltags Menschen sind der Ausdruck des Volksgeistes, und sie können nur in ganz außerordentlichen Fällen gegen die Masse sich erheben. Deshall ist es nicht recht, auf die große Menge der Gleichgiltigen in unsere, Mille hinzuweisen, um Israels Beruf anzutasten. Den» auch heute fehlt es uns nicht an begeisterten, opferivilligen Menschen, die ein Her; für die große Aufgabe des Judenthums, für die religiöse Belehrung und Aufklärung haben. Und einen Vorzug in Betreff der Treu, seiner Genossen hat das Judenthum dadurch, daß es nirgendwo eine herrschende Religio» ist. Wie viele unlautere Elemente am jüdischen Kreisen drängten und drängen sich, durch Ehrgeiz und Gewinnsucht verlockt, in andere religiöse Gemeinschaften; leichtsinnig sprechen ihre Lippen ein Bekenntniß aus, das ihr Geist verlvirft; und diese nicht nur nnreligiösen, sondern unsittlichen und unwahre» Menschen steigen dann in den Gemeinschasten, in denen ihnen die Lüge einen Platz gewonnen hat, zu hohen staatlichen und selbst kirch lichen Aemtern auf; muß das nicht jenen Gemeinschaften zur schweren Schädigung werden? Ein Israelit aber, auch wenn er sonst keine Zeit übrig behält zur Förderung des Goltesreiches, schon dadurch, daß er zu uns gehört, daß er sich nicht zu dem Geschäft bcqiikint, wo Ueberzeugungen gegen weltliche Vortheile eingetausch! werden, bekundet er de» Andersgläubigen gegenüber und am allermeisten denen, die uns befehden, die es also wissen, daß cs seine Schlvierigkeiten hat, Jude zu sein, ihnen zumeist bekundet er dadurch daß er Gott mehr fürchtet als die Menschen. Diese schlauen Füchse, die den Weinberg der Religion durchwühlen und zerstören, diesc wenigstens hat das Judenthum ungleich weniger zu fürchten. Wir bezeugen die Berechtigung unseres Daseins, indem wie klarere Erkenntniß und höhere Tugend in unserer Mitte pflegen und dadurch für die Verbreitung der sinaitischen Lehre wirken. Das Ziel, das die Vorsehung uns gesetzt hat, ist noch nicht erreicht. Wi> dürfen nicht ermatten, auch wenn wir sehen, wie der Abfall und die Lüge belohnt nnd die Treue und die Wahrheit kaum gedulde! werden. Auch wenn Unzählige, der Last und Lust der Erde hingegeben, lässig sind in der Arbeit für das Reich Gottes, trauen wir der Verheißung, daß nicht die Macht, sondern der Geist der Sieger bleibt. Me Woche. ■k Berlin, 22. Mai. (^lYriifere Leser erinnern sich noch des Prozesses in Breslau gegen das Juden rind Judenthum verhöhnende Flugblatt ^V5> von Th. Fritsch und Genossen, das am 19. Februar v. I. der „Deutschen Ostwacht" beigelegt war. Die Verhandlung wurde damals vertagt, da das Gericht noch eine» jüdischen Sachverständigen zu hören wünschte. Damals war als Sachverständiger der Privatdozent der Breslauer evangelisch-theologische» Fakilltät, Dr. G. Beer, geladen. Derselbe bestätigte in seinem Gutachten, daß die in dem Flugblatte zitirten Stellen des Schulchan-Aruch im Allgemeinen richtig übersetzt seien, aber schon aus den Erläuterungen, ivelche er von den betreffenden Textstellen gab, ersah man, daß sie ganz aus dein Zusammenhänge heransgerissen waren, und daß bei einigen schon die

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