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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-24 · Heft 21 (24.5.1895) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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59. Jahrgang. Nr. 21. Allgemeine Berlin. 24. Mai 1895. eitung öes Zudenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements- Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. :'»M. Redakteur: Gustav .N arpeles. Begründet von Ualiliiner Dr Ludwig Philippson-Üonn Verlags-Crpedition: Berlin, Lerusatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse.- Verlag der „Allgein. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mossc, Berlin. Leitartikel: Zum Feste der Offenbarung. — Die Woche. - DaS Ghetto von Savbnscb. Bon Dr. S. 9t. Landau. — Noch ein Wort über die enlsch-jüdische Schule in Konstantinopel. Bml Tr. Frank. — Die Sveiseaesetze. Bon Dr. K. Köhler. — lieber A. Bernstein. Bon Karl Emil Franzos. — FeuiUetonr Der starke Snnson. Erzählung von Elise Orszeszko. - Anf- /egangene Saat. Bon Jennv Hirsch (Schluß). — Litterarische Mit r Heilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Königsberg i. Pr., Posen. Aus Schlesien. Hambilrg. Essen a. d. Ruhr, Wiesbaden. Weilburg. Nürnberg. Wien. Budapest. New-Bork. — Von Nah und Fern. — Niscellerr. — Briefkasten der Redaktion. Zum Feste der Offenbarung. t Berlin, 24. Mai. nsere alten Lehrer sprechen für die Beurtheilung der Nationen den scharfen und energischen Satz aus: nJMH Dl? p* Jedes Volk ist gerade so viel werth, als es eigenthünlliche Z^eisheit zu Tage fördert, denn so heißt es im Buche Job: Wahrlich, chr seid ein Volk, denn mit euch stürbe Weisheit aus. Dieser Satz giebt mis einen Maßstab, mit dem wir die Existenzberechtigung einer Nation prüfen können, und in unfern Tagen, wo der Nationalitütendünkel über Gebühr sich spreizt, ist die Mahnung besonders llothwendig: nicht jede Menschemnasse, die eine eigene Sprache redet, ist dadurch sogleich berechtigt, sich als ein Volk zu suhlen und einen Platz zu fordern im Chor der Nationen, sondern nur ües ist ein Volksthum und hat ein Recht, seine Eigenart auszubilden und geltend zu machen, das zur allgemeinen Kultur, zum großen Schatze der Menschheit einen Beitrag steuert. In unserm Zeitalter sprossen ja bekanntlich die neuen Nationen uns der Erde wie die Pilze nach dem Regen; ein paar hunderttausend Menschen, die in einem entlegenen Winkel leben, erinnern sich plötzlich, daß sie neben der Kultursprache des Landes, dem sie angehören, für uen Privatgebrauch noch ein armseliges Kauderwelsch reden, das ue in ihrer Kindheit mehr von den dienenden und niedrigen Volks-!lassen als von den gebildeten gelernt haben; irgend ein romantisch angehauchter Gelehrter, der aus dieser Gegend stammt und natürlich 'eine Ausbildung der Sprache und Litteratnr eines civilisirten europäischen Volkes verdankt, hat in seiner Kindheit von einem Mütterchen Lieder gehört, die nur die gewöhnlichen Gegenstände des Volksliedes besingen, und die meist wegen der dürftigen und unbeholfenen Ausdrucksweise für originell gelten; er sammelt diese wieder, und flugs hat diese Nation von gestern eine Litteratur von heute und versündigt sich gegen die Kultur, indem sie sich stolz und spröde bon den civilisirten Sprachen und Völkern abschließt. Wer sieht uicht mit Schmerz, daß diese Uebertreibung des Nationalitätsbelvußtseins schon weite Ländergebiete der Kultur entfremdet hat und fort und fort größere Opfer fordert. Da geben uns unsere Alten ein vortreffliches Wahrzeichen, durch ' welches wir den natürlichen Stolz großer Nationen von dem unziemlichen Dünkel dieser Emporkönnnlinge und Eindringlinge unter den Völkern unterscheiden können. Nur das ist ein Volk, das die Weisheit und die Civilisatiou gemehrt und gefördert hat. Ist nun Inda nach diesem Maßstab daseinsberechtigt? Für die Vergangenheit dies zu leugnen, wäre eine gar zu große Thorheit. Jeder Mensch sieht ein, daß Juda in der Geschichte der Menschheit nicht entbehrt werden kann, jedes Kind weiß, daß die zehn Worte, welche Mose und Israel am Sinai verilommen haben, nicht nur Israel, sondern die Welt umgestaltet haben; diese Worte, sie habeil mit ihrem Gotteswehen der sterbenden heidnischen Welt einen neuen Odem eingehailcht, daß sich auf den Trümmern des Heidenthums ein neues Leben erhob; diese Worte, dereinst ein so Außerordentliches, daß sie als eine Gottesbotschaft, als eilte Offenbarung des vom Himmel zur Erde niedergestiegenen Weltenherrschers galteii, sind heute im Munde jedes Kindes, das in civilisirten Landen zum Licht emporblickt. Aber nicht nur diese Worte sind ails dem heiligen Buche Juda's zum Gemeingut der Welt geworden, sondern Gesetz und Sitte der Gegenwart habeii sich in vielen anderen Punkten gestaltet nach den Lehren ttub Satzungen der heiligen Schrift. Vieles, was uns als Schuld lind Sünde gilt, auch denen unter ben Modernen, die mit der Religion gebrochen haben, galt dein Alterthum als erlaubt unb harmlos, und diese Waiidliiiig in der RechtsanschaiiUiig hat sich nur vollzogen, weil von Ziori die Lehre ausging nach allen Landen. Also nicht itt dem Sinne kann die Daseinsberechtigung Juda's angezweifelt werden, als habe es überhaupt seine eigenthümliche Weisheit der Menschheit geboten; aber sagt mail uns: sehet, aller Orten liest man eure heiligen Bücher, in alle Sprachen sind sie übertragen; die Worte der beiden steillerlien Tafeln des Mose werden scholl in die Tafeln der Kinderherzen eingegraben; ihr habt eine, ohne Zweifel große und göttliche Sendung erfüllt; was früher euer Kleütod gewesen, ist jetzt das Erbe Aller geworden. Was tonnte uns Israeliten Besseres begegnell, als daß diese Worte volle Wahrheit wären. Die Botschaft des Sinai in aller Mllnd, in aller Herzell, welcher Wunsch bliebe da lloch unserer religiösen Begeisterung, unserem Eifer für die Ofsenbarnllg des Sinai. Aber von diesem Ziele sind wir iloch weit entfernt. Was ist denn Grllnd und Keim des Judenthums? Jeder weiß die Antwort: die Lehre voll der Einheit Gottes. Und es ist zllzugeben, diese Lehre ist heute nicht mehr ans ben jüdischen Anhang angewiesen; selbst da, wo dieser Einheitsgedanke nicht strikt zmn religiösen Bekenntnis gehört, wird er als ein Grundsatz der natürlichen Religion, des gesunden .Menschenverstandes begriffen imb anerkannt. Aber vielen Leuten ist

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