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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-17 · Heft 20 (17.5.1895) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Gemeinde, wie auch in den weiteren der Elite der christlichen Bevölkerung herrscht nur Eine Stimme des Bedauerns über den Abgang des Herrn Dr. Chodowski. Oesterreich - Ungarn. LH Wien, 14. Mai. Leider hat die Reichsrathswahl im dritten Bezirke wieder ein ungünstiges Resultat geliefert, da der Antisemit Leopold Steiner gewählt wurde. — In Währing-Weinhaus hielt Pfarrer Deckert wieder seine berüchtigten Hetzpredigten, in denen er diesmal nebst den Juden auch die Protestanten in jeder Weise verunglimpfte; u. A. zählte er vornehmlich vier Sekten von Juden auf, theilte aber mit, daß er in seinem Lieblingswerke, dem Talmud, zweiunddreißig jüdische Sekten entdeckt habe. Die Zahl ist stark, jedoch verschwindend klein gegenüber der Entdeckung des geistlichen Forschers in Bezug auf die Zahl der protestantischen Sekten, denn — man höre! — Pfarrer Deckert hat genau ausgerechnet, daß es derzeit dreihundertdreiunddreißig protestantische Sekten giebt; die Protestanten sind daher noch uneiniger als die Juden! Alles Andere, was Pfarrer Deckert noch vorbrachte, ist nicht möglich wiederzugeben; es erregr blos Staunen, daß Derartiges ungestraft von der Kanzel herab geschehen darf. Inzwischen hat Dr.Exner heute die Regierung dieserhalb interpellirt. — Das Neueste auf diesem Gebiete ist: Ein Jude als Geschäftsantisemit! Hier ist der Sensenfabrikant David Münzer verhaftet worden. Dieser jüdische Spekulant hat Hunderttausende von Rundschreiben an die Landleute Deutschlands und Oesterreichs versandt und sich darin nicht nur den Anschein gegeben, als wäre er Arier und Antisemit, sondern andere Sensenhändler als unsolide und jüdische Geschäftsleute verdächtigt, so auch das Rheinische Versandthaus in Köln. Letzteres ließ in Wien gegen David Münzer eine Beleidigungsklage anstreben. Da aber inzwischen David Münzer neue Rundschreiben gleichen Inhalts versenden ließ, so mußte die gerichtliche Verwahrungshaft über ihn verhängt werden. — Der Minister für Kultus und Unterricht hat den Beschlüssen der betreffenden Professorenkollegien auf Zulassung des Dr. Julius Landsberger als Privatdozent für politische Oekonomie, und des Dr. Alexander Rosner als Privatdozent für Geburtshilfe und Gynäkologie, Ersterem an der Universität in Wien, Letzterem an der Universität in Krakau, die Bestätigung ertheilt. — Der Vorstand des Wiener Beth Hamidrasch hat auf Initiative des Vorstandes der Kultusgemeinde, gemäß den Testamentsbestimmungen der Moritz und Rachline Goldbergerschen Stiftung, einen Lehrstuhl für Bibelexegese und Didaktik der Religionswissenschaft am Wiener Beth Hamidrasch errichtet und Herrn Rabbiner Dr. Siegmund Gelbhaus auf diesen Lehrstuhl berufen. Herr Dr. Gelbhaus eröffnet am Dienstag den 14. d. M. seine Vorlesungen. — Am 25. d. feiert Herr Josef Goldstein, Oberkantor der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, seinen 60. Geburtstag und zugleich das 37. Dienstjahr seines kantoralen Wirkens am Leopoldstädter Tempel. Aus dem Kreise angesehener Gemeindemitglieder hat sich ein Komitee gebildet, um in festlicher, den Jubilar ehrender Form diesen Tag zu feiern. — Nach der am 6. d. M. in Baden erfolgten Exhumirung der Leiche der Frau Rosalia Jellinek fand die Beisetzung derselben in das Grab ihres verstorbenen Gatten, des Oberrabbiners der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Dr. Adolf Jellinek, am 7. d. am Centralfriedhof in Gegenwart der nächsten Angehörigen statt. Das Denkmal, welches die Gemeinde ihrem verstorbenen Prediger errichten läßt, dürste in zwei bis drei Wochen enthüllt werden. — Gestern Abends ist hier der Preßburger Wechselstubenbesitzer Herr Hermann Pappen heim, der seit einer Reihe von Jahren die Deputation führte, die dem Kaiser die Martinigänse überbrachte, nach kurzer Krankheit gestorben. Die Leiche wird nach Preßburg überführt. Non Nah und Fern. --- Der verstorbene Geheime Kommerzienrath Gerson v. Bleichröder hat bekanntlich in seinem Testament eine Million Mark zur Begründung einer milden Stiftung unter dem Namen Samuel Bleichröder- Stiftung ausgesetzt. Die Einzelbestimmungen sind den Testamentsvollstreckern überlassen worden, doch mit der im Testament getroffenen Einschränkung: „Nur das verlange und bestimme ich, daß der Genuß der Wohlthaten der Stiftung den Bedürftigen ohne jeden Unterschied des religiösen Bekenntnisses zu Statten kommen soll/ Dem Erblasser ist die Errichtung einer Anstalt zur Heilung und Pflege von Brustkranken das eigentliche Ziel gewesen. Das Stiftungshaus, das im Anschluß an das vierte städtische Krankenhaus errichtet werden soll, ist für die Unterbringung von etwa 50 Kranken gedacht. — Den jetzt vollständig vorliegenden Programmen der höheren Schulen Berlins entnehmen wir folgende statistische Angaben: 18,433 Schüler bildeten am 1. Februar 1895 den Bestand von 27 Bollanstalten mit neunjährigem und 11 höherer: Schulen mit sechsjährigem Kursus, gegen 17,996 Schülern auf 37 höheren Lehranstalten am gleichen Termin des vorigen Jahres. Davon wäre: rund 79 vom Hundert aller Schüler evangelisch, 3,5 katholisch. 0,3 vom Hundert Dissidenten und 17,1 vom Hundert mosaisch. - Einer Statistik über die Berufswahl der deutschen Gymnasial Abiturienten entnehmen wir, daß in den letzten drei Schuljahren 2290 katholische Theologie, 2140 evangelische Theologie und — 29 jüdische Theologie als Berufsarbeit gewählt haben!! — In Essen wurd( unter dem Vorsitz des Herrn Rabbiners Dr. Samuel in vorigem Woche ein Verein für jüdische Geschichte und Litteratur gegründet Die regelmäßigen Vortragsabende werden jedoch erst im Herbst be^ ginnen. — Am 1. d. M. hat die antisemitische „Wacht an der Ruhr" in Mülheim a. d. Ruhr zu erscheinen aufgehört. Der dortige „Jugend bund" hat dem Redakteur am Montag eine Abschiedsfeier veranstaltet. — Durch antisemitischen Blätter ging kürzlich die Nachricht, daß die sozialdemokratischen Stadtverordneten in Leipzig, welche sich sonst gegen alle Beiträge für kirchliche Zwecke erklärt hatten, dafür gestimmt hätten, der jüdischen Gemeinde einen Beitrag von 600 Mk. zu bewilligen. Demgegenüber folgte die Erklärung, daß die vier Sozialdemokraten in der Leipziger Stadtverordnetenversammluug thatsächlich jeden Beitrag für kirchliche Zwecke abgelehnt und bei der Abstimmung über die Zuwendung von 600 Mk. an die jüdische Gemeinde mit den 6 Antisemiten dagegen gestimmt haben. — Ein antisemitisches Schmähgedicht war unlängst unter dem Titel „Sang an Abram" im Heidelberger „Volksboten" erschienen. Die Staatsanwaltschaft erblickte in demselben einen groben Unfug und stellte sowohl gegen den Redakteur als gegen den Verfasser, Amtrevidenten Häfner aus Ephingen, Strafantrag. Das Schöffengericht pflichtete dieser Auffassung bei und verurtheilte den Ersteren zu einer Geldstrafe von 30 Mark. — Auf Grund eines Einvernehmens zwischen der Regierung und der geistlichen Oberbehörde erfolgte die Ernennung des Dr. Adolph Schwarz, eines Juden, zum Primarius der chirurgischen Abtheilung im Spital der Barmherzigen Brüder in Agram, dem ersten Krankenhause des Landes. — Der k. k. Gendarmeriemajor Hermann Kraft ist zum Oberstlieutenant und Gendarmeriekommandanten in Klagenfurt befördert worden. — Ein trauriges Loos ereilte den Oberkantor Moritz Grünberger zu Prerau. Derselbe wurde auf einer Fahrt in Ausübung seines Berufes durch ein scheues Pferd kopfüber aus dem Wagen geschleudert und ist in Folge der erlittenen Verletzungen am 2. d. M. gestorben. G. war 33 Jahre lang Kantor der dortigen jüdischen Gemeinde. — Der russstsche Bildhauer M. Antokolski hat nunmehr die Büste Nicolaus II. vollendet und ist dieselbe ein wahres Meisterwerk geworden, über welches sich der Zar sehr anerkennend ausgesprochen. Dem jüdischen Bildhauer ward auch der Auftrag, die Büste der Kaiserin zu modelliren. — In Finnland will der Senat das Loos der Juden zu erleichtern. Es soll vorgeschlagen werden, daß den Juden, welche die Erlaubniß zum Aufenthalt im Lande haben, der Handel in den Städten Helstngfors, Abo und Wiborg unter denselben Bedingungen wie den Ausländern gestattet werde. Auch soll die Aufhebung der Beschränkung in Aussicht genommen sein, daß Juden, welche sich in Finnland vermählen, das Land verlassen müssen. — Nach einer Mittheilung aus dem Gouvernement Bessarabien waren dort im Jahre 1894 501 Chedarim mit 8486 Schülern. — Die Juden Algeriens wandten sich in einem Bittgesuch an die französische Kammer, worin sie Schutz gegen Verfolgung durch die französischen Beamten und Ansiedler in Algerien verlangen. Sie bestreiten die ihnen vorgeworfenen Sünden und betheuern ihre Liebe zu dem Vaterlande, das ihnen 1870 die Arme geöffnet. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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