Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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z. Berlin, 14. Mai. Der liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde hielt gestern im Bezirk NW., im großen Saale des Kaiser-Wilhelm-Zelt, seine zweite öffentliche Versammlung ab. Der Vorsitzende des Lokal-Komitees für den Nordwesten, Gymnasial-Oberlehrer Dr. Schäfer, eröffnete mit einer an die Versammlung gerichteten Ansprache die Sitzung und ertheilte Herrn Oberlehrer Dr. Blaschke das Wort zu einem Vortrag über den jüdischen Neligionsunterricht. An der Hand statistischen Materials gelang es dem Redner nachznweisen, wie übertrieben die Klagen über die Vernachlässigung des jüdischen Religionsunterrichtes sind. Wir erfuhren, daß in allen Gymnasien, höheren Knaben- und Mädchenschulen, mit Ausnahme der königlichen, jüdischer Religionsunterricht ertheilt wird. Nur wo die Zahl der jüdischen Schüler eine geringe ist, bleibt der Religionsunterricht aus. Allein auch diesen Kindern ist die Gelegenheit geboten, einen gediegenen, systematischen Neligionsunterricht zu genießen. Die von der Gemeinde subventionirten Privatgemeinden unterhalten Religionsschulen, die Gemeinde hat bereits drei Religionsschulen ins Leben gerufen. Wie aber verhält es sich mit dem Besuche dieser Schulen? Die Zahl der Schüler in den Religionsschulen der Privatgemeinden beträgt 731, in denen der Gemeinde: in der ersten 295, in der zweiten 215 und in der dritten 152. Ter Raum und die Einrichtungen dieser Schulen sind aber mindestens für die doppelte Zahl ausreichend und berechnet. Man sollte daher nicht immer die Gemeindeverwaltung für Mißstände verantwortlich machen, die zum Theil die Eltern selbst verschulden. Jndeß, die Zahl der Kinder ohne Religionsunterricht ist lange nicht so groß, wie es von gewisser Seite behauptet wird. Die Knaben- und Mädchenschule der jüdischen Gemeinde nicht mitgerechnet, wird auch in vielen städtischen Gemeindeschulen jüdischer Neligionsunterricht ertheilt. (In 41 Gemeindeschulen im Jahre 1894. D. Red) Redner ging zum Schluß auf den Unterrichtsstoff ein und gelangte endlich zu dem Resultat, daß der fakultative Religionsunterricht dem obligatorischen vorzuziehen sei. An der darauf folgenden Diskussion betheiligten sich die Herren: Prof. Buka, S Leichtentritt, Dr. Simon, Herzberg, Dr. Pariser, Redakteur Klausner, Dr. Minden, Klefeld, Lehrer Auerbach, Dr. Schäfer. Wegen Raummangels müssen wir es uns versagen, die interessanten und lehrreichen Ausführungen aller dieser Redner auch nur in gedrängter Kürze wiederzugeben, können aber nicht umhin hier mitzutheilen, daß die Debatten dieses Abends auf jeden objektiv Denkenden den günstigsten Eindruck gemacht haben. Mit Recht bemerkte Herr Dr. Simon zum Schluß: „Die Diskussionen dieses Abends haben Jeden so recht belehrt, das mehr als Schlagworte objektiv behandelte Thatsachen zur Aufklärung über die Gemeindeverhältnisse dienen. Wir wollen unfern Kindern das Judenthum erhalten, und darum für dessen Fortentwickelung im liberalen Sinne wirken." z. Berlin, 15. Mai Am 9. d. M. fand in der Aula der Knabenschule der jüdischen Gemeinde die diesjährige General-Versammlung der „Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden in Preußen" statt. Der Vorsitzende der Gesellschaft, Herr Leopold Lesser, eröffnete die Sitzung mit einem Bericht über die Wirksamkeit der Gesellschaft im abgelaufenen Geschäftsjahre. Die Gesellschaft — führte der Redner aus — sei berufen, gerade in der Gegenwart mit dein Streben nach Erreichung der Ziele, die sie sich gesteckt, eine der besten und höchsten Kulturaufgaben zu erfüllen. Die Gesammtzahl der unterstützten Handwerkslehrlinge betrage 85, von denen 15 in dem vor vier Jahren in Pankow begründeten Lehrlingsheim untergebracht sind. Der Vorstand habe die Ueberzeugung gewonnen, daß das Heim eine Einrichtung sei, welche allein geeignet ist, der allgemeinen Thätigkeit der Gesellschaft vollen Erfolg zu sichern. Die den Zöglingen im Heim zu Theil werdende Erziehung bilde das einzige Mittel, den schweren Gefahren, welche ein Lehrling gegenwärtig in einer Weltstadt ausgesetzt ist, wirksam entgegen zu treten. Mit einem Appell an die erschienenen Mitglieder: Jeder an seinem Theile möge dazu beitragen, den gesunden Gedanken, welchen diese Einrichtung in sich trägt, verwirklichen zu helfen, schloß der Vorsitzende seinen Bericht. In der darauf folgenden Diskussion bemühte sich Herr Gustav Levy, der schon im vorigen Jahre als prinzipieller Gegner des Lehrlingsheims auftrat, nachzuweisen, daß das Heim den Etat der Gesellschaft verhältnißmäßig stark belaste. Indes; seine Ausführungen fanden nicht den Beifall der Versammlung, was besonders Herr Rechtsanwalt Kraft durch eine chlagfertige Erwiederung wohl im Sinne aller Anwesenden zum Ausdruck brachte. Nach einer kurzen Mittheilung des Vorsitzenden, daß die > Trennung des Heims von der Gesellschaft nur noch eine Frage der Zeit j sei, verlas der Kassirer der Gesellschaft, Herr S. Pincus, den Kassen-! bericht, worauf die Wahlen folgten. Es wurden gewählt: Leopold Lesser j als Vorsitzender, Alfred Löwenberg als Schriftführer, R. Ball und Joseph! Frünkel als Inspektoren und Michael Fiegel, Martin Simon und Jakob j Pasch als Revisoren. i R. Berlin, 13. Mai. In der letzten Sitzung der Wissen sch aftj lichen Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin hielt Herr Lehrer Traubenberg einen sehr sorgfältig ausgearbeiteten Vortrag über das Thema: „Eine Lücke in der jüdischen Unterrichtslitteratur" Der Vortragende bezeichnet den Mangel eines Handbuchs, das den Lehrer in die verschiedenen Zweige des jüdischen Religionsunterrichtes einführe und ihm auch die Grundlage zu seiner weitern methodischen Ausbildung gewähre, als einen höchst bedauerlichen und warf die Frage auf, in welcher Weise diesem Mangel am besten zu begegnen sei. In der darauf folgenden sehr angeregten Diskussion wurden verschiedene Meinungen über den Werth und die Gestaltung eines solchen Handbuchs geäußert, doch kam es noch zu keiner endgiltigen Klärung derselben, da wegen der vorgerückten Zeit die Fortsetzung der Debatte auf die nächste zwanglose Vereinigung, welche Sonnabend den 8. Juni, Abends 8% Uhr, im Vereinslokal, Spandauerstraße 11/13, stattfinden wird, vertagt werden mußte. Den zahlreichen Besuchern war dieser Abend sicher ein geistig anregender. £/jg Berlin, 14. Mai. Der zehnte Jahres-Bericht der Ferien - Kolonien für jüdische Kinder ist soeben ausgegeven worden. Es heißt darin: „Wir dürfen auch für das Jahr 1894 mit der Entwicklung unserer Ferien-Kolonien in jeder Hinsicht zufrieden sein. Trotz der Ungunst der Zeitverhältnisse haben wir in den Beiträgen einen kleinen Fortschritt zu verzeichnen und sind in der Ueberzeugung bestärkt worden, daß die Nothwendigkeit des Bestandes unserer Ferien-Kolonien in den weitesten Kreisen anerkannt wird. Zwar haben wir es noch nicht erreicht, daß unsere eigenen Einnahmen zur Deckung unserer Ausgaben genügten; auch in diesem Jahre hat das Komitee des Berliner Vereins für häusliche Gesundheitspflege einen Zuschuß von über 1200 Mark leisten müssen Wir geben uns jedoch der Hoffnung hin, daß in Zukunft die Zuwendungen an uns ausreichen werden, um diese Beihilfe entbehrlich zu machen. In unserem letzten Bericht erwähnten wir die beabsichtigte Gründung einer Soolbad-Kolonie in Bad Elmen. Gemeinsam mit der Mendelsohn-Loge in Magdeburg haben wir mit erheblichem Kostenaufwand diese Kolonie geschaffen und 24 kranke Kinder dorthin gesandt, welche theilweise volle Heilung, mindestens eine bedeutende Besserung ihrer Leiden gefunden haben Nachdem so dieser Versuch geglückt ist, beabsichtigen wir, diese Kolonie in Elmen zu einer ständigen Einrichtung zu machen, da uns die Unterbringung von kranken Kindern — abgesehen von den 8 Freistellen im jüdischen Kurhospital zu Kolberg — bisher ganz unmöglich war." Im Ganzen sind über 300 Kinder gepflegt und gestärkt worden, und zwar in den Voll-Kolonien Fürstenwalde, Bad Elmen, Greifenhagen a. O, Stavenhagen 58 Mädchen, 35 Knaben. Ferner in 28 Freistellen 89 Mädchen, 72 Knaben, endlich in der Halb-Kolonie zu Treptow 43 Knaben. Die Ausgaben für diese 297 Kolonisten betrugen 7593 Mark. Wir schließen mit der herzlichen Bitte, auch fernerhin diesem Werke der reinsten Menschenliebe die allgemeine Unterstützung nicht zu versagen. Berlin, 12. Mai. Die freie Verbindung Sprevia hielt am 4. d. Mts. in ihrer reichgeschmückten Kneipe, die noch kurz zuvor durch ein prächtiges Wappenschild von dem Maler Herrn Seligmann verschönt war, ihre Antrittskneipe ab. Der Präside stuck, ollem. Walter Friedemanu eröffnete den offiziellen Theil mit einem Kaisertoast. Hiernach begrüßte er die Gäste, setzte ihnen die Tendenzen der Verbindung auseinander und ermahnte sie schließlich, auch ihrerseits für die Ziele der Sprevia zu wirken. Sodann sprach der alte Herr der Badenia und Sprevia Dr. Oppenheimer auf die Kärtellverbindungen in Breslau und Heidelberg. Cand. jur. Loewenstein ließ sodann auf das Wohl der Viadrina, Badenia und Sprevia einen urkräftigen Salamander reiben. Hieraus ergriff Rechtsanwalt Dr. Horwih, der Vorsitzende des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", das Wort. In längerer und schwungvoller Rede wies er zunächst auf die Jdeengemeinschaft seines Vereins mit der Sprevia und ihre ähnliche Kampfesweise hin und wandte sich dann mit strengen Worten gegen die indifferenten