Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- Seite 240 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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240 dort auf dem jüdischen Friedhof neben seiner Gattin bestattet zu werden. In demselben Zuge, der die theuren Ueberreste barg, reiste auch Julius mit seinen Schwestern von Altrode ab. Sie hatten Niemand die Zeit der Ueberführung der Leiche mitgetheilt, dennoch hatte sich ein zahlreiches Gefolge eingefunden. Auf den künstlich erzeugten Rausch war schnell genug die Ernüchterung gefolgt. Der Brand, Mays Tod, die Verhaftung seines jüngsten Sohnes hatten Bielen das Gewissen geschärft und sie zur Besinnung gebracht. Mancher, der mitgetobt und „Juden raus" und „Blutsauger" geschrieen, ging jetzt mit im Zuge, beklagte den Tod des guten Mannes und pries seine Tilgenden. Die Weberbevölkernng von Altrode und Umgegelld sollte bald noch mehr Grund zum Klagen und Bedauern erhalten, denn es ward bald bekannt, daß Mays Kinder nicht gesonnen waren, die Fabrik wieder aufzubanen. Sie verkauften, was sie an Grund und Boden in Altrode besaßen und lösten auch das Geschäft in Berlin auf. Julius wollte mit dem ihm und den Schwestern nach der Katastrophe noch gebliebener? Vermögen jenseits des Ozeans sich einen neuen Wirkungskreis gründen und auch den Versuch machen, die Ideen, mit welchen der Vater sich bis zu feinem Tode getragen, zur That zu machen. Lina und Rosy begleiteten ihn, und mall wollte auch Max die Statte bereiten, an welcher es ihm wieder warm und wohl werden sollte, nachdem er seine Strafe verbüßt, derer! Abkürzung dlirch die Gnade des Landesherrn zu erwarten war. Max May war nun doch nicht der Einzige geblieben, über den Strafe verhängt worden war, der Aufstand in Altrode hatte ein gerichtliches Nachspiel gehabt, und Zahlreiche Verurtheilungen zu langem oder kürzern Freiheitsstrafen waren erfolgt. Sie hatten leider nur die Verführten getroffen, die Verführer hatten sich klüglich im Hintergrund zu halten und den Kopf aus der Schlinge zu ziehen gewußt. (Schluß folgt.) Litterarifche Mittheilungen. Dr. M. Brann. Geschichte der Juden und ihrer Litteratur. Bd. 2: Vom Abschluß des Talmud bis auf die Gegenwart. Breslau. Wilh. Jacobsohn & Co. Eine äußerst fruchtbare Thätigkeit entfaltet auf dem Gebiet der jüdischen Geschichte der Dozent am Breslauer Rabbinerseminar, Dr. M. Brann. Auch der zweite Theil seiner „Geschichte der Juden", der bis auf die Gegenwart reicht, zeigt alle die Vorzüge, die der Referent bereits beim Erscheinen des ersten Bandes erwähnen konnte; besonders rühmend sei die warmtönige Darstellung hervorgehoben, die dabei nie in parteiische Subjektivität ausläuft, sowie die zahlreichen Proben geistlicher und weltlicher Poesie, die der Verfasser nach den besten Uebersetzungen seinen Schilderungen anfügt. In Lehrerseminarien und höheren Lehranstalten wird das wohlgelungene Werk sich sicherlich rasch Eingang verschaffen Die Festrede, die Herr Prediger Dr. M. Levin zur Feier des fünfzigjährigen Bestehens der jüdischen Reformgemeinde am 2. v. M. gehalten und über die wir s. Z. ausführlich berichtet, ist soeben im Druck erschienen und wird bei der programmatischen Bedeutung, die dieser Predigt zukommt, sicher allgemeines Interesse erregen. Die Gesinnungen, welche in derselben ausgesprochen sind, verdienen warme Anerkennung von jedem, auch von dem entgegengesetzten Standpunkte aus. Spreehfaal. <Kn Nr. 17 und Nr. 19 der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" (53 ist eine methodische Bemerkung, die ich in meiner „Zeitschrift für den deutschen Unterricht" in Bezug auf das Rückert'sche Gedicht: „Vom Bäumlein, das andre ^Blätter hat gewollt", bei der Besprechung eines Lesebuches gemacht habe, aus dem Zusammenhänge herausgerissen und in Folge dessen in eine ganz falsche Beleuchtung gerückt worden. Ich bin von dem grundlegenden Satze ausgegangen, daß bei Prosastücken Textesänderungen häufig unbedingtes Erforderniß sind, daß aber an Gedichten auch schon auf der Unterstufe nichts geändert werden sollte, sondern diese dann lieber wegzulassen seien. Ich bin nun persönlich durchaus für Beibehaltung des „Juden" in Rückerts bekanntem Gedicht, aus poetischen und ästhetischen Gründen; denn ein schattenhafter Gattungsbegriff wie „Kaufmann" ist vollkommen unpoetisch und daher ohne die Wirkung, die wahrhaft gestaltende Kunst ausübt. Zudem ist die Aenderung, die in dem betreffenden Lesebuche vorgenommen ist: Aber wie es Abend ward, Ging ein Kaufmann durch den Wald, Und wie er's Bäumlein gewahrt u. s. w.; erstens sachlich falsch (denn Jude steht hier nicht für Kaufmann, sondern haustrender Handelsmann, Haustrer) und verstößt zweitens in der dritten Zeile aufs größte gegen Rhythmus, Versmaß und Reim. Ich sage daher wörtlich: „Das ist doch so poesielos, platt und nüchtern als möglich. Schon Hiecke hat sich in seinen „gesammelten Aufsätzen zur deutschen Litteratur", Hann. 1864, S. 48 entschieden für Beibehaltung des „Juden" ausgesprochen und sogar bezweifelt, daß jüdische Schüler dadurch verletzt und den Blicken ihrer Mitschüler ausgesetzt würden. In der That kann ein geschickter Lehrer hier, sehr viel dazu beitragen, daß jeder Anstoß vermieden wird, wenn er auch hier, wie oben bei der Stiefmutter, die Kinder von vornhein dazu anhält, poetische Gestalten nicht zu verallgemeinern. Jedenfalls mußte der Herausgeber das Gedicht weglassen, wenn er den Juden nicht beibehalten wollte, durfte aber nicht zu einer so grausamen Verstümmelung schreiten." Dies ist mein Standpunkt, den Herr Seifensieder verschwiegen hat. Außerdem habe ich das betreffende Lesebuch keineswegs wegen der angeführten Aenderung verurtheilt (dazu ist doch diese Angelegenheit viel zu geringfügig), sondern wegen des übrigen vorzüglichen Inhaltes empfohlen. Also, wozu der Lärm? Ich stehe dem politischen Parteigetriebe vollkommmen fern und muß daher gegen die Unterstellung, daß ich aus politischen Gründen für Beibehaltung des „Juden" eingetreten sei, aufs Entschiedenste Verwahrung einlegen. Ich habe einfach in rein sachlicher Erörterung den Grundsatz entwickelt: „Das Rückert'sche Gedicht ist entweder in der philologisch genauen Fassung des Originals zu geben, oder es ist aus dem Lesebuch wegzulassen; eine Aenderung ist barbarisch und daher nicht zu dulden." Ich glaube, daß dieser Standpunkt vollkommen einwandfrei ist. Herr Seifensieder hat aber den Kern meiner Darlegung einfach verschwiegen, weil dadurch sein Angriff von vornherein vollständig zurückgeschlagen war und sich als unbegründet und überflüssig erwies. Wenn sich jüdische Schüler durch die Erwähnung des „Juden" in dem angeführten Gedicht verletzt gefühlt haben (und das ist das Thatsächliche, daß ich mit Dank den Ausführungen der Herren Seifensieder und Dr. Feßler entnehme), so führe ich das (richtige und taktvolle Behandlung und Erklärung der Stelle durch den Lehrer vorausgesetzt) auf Ueberempsindlichkeit oder krankhafte Ueberreizung der Kindesseeke zurück. Gerade hier vermag die wahre Erziehungskunst heilend zu wirken, indem sie die Jugend zu einer reineren und unbefangeneren Auffassung des Lebens hinführt. Das ist aber hier nur möglich dadurch, daß die Jugend bei allen Gedichterläuterungen angehalten wird, poetische Gestalten nicht zu verallgemeinern. Wenn es gelingt, diesen Grundsatz systematisch durchzuführen, so wird für unsere Dichter die Bahn frei gemacht zu einem weit freieren und unbefangeren Schaffen, als es ihnen heute möglich ist, wo fortgesetzt die Empfindlichkeit einzelner Stände und Volksgruppen ihrem Schaffen Rücksichten auslegt, die lediglich daraus hervorgehen, daß unkünstlerisches Genießen und Mangel an ästhetischer Einsicht poetische Gestalten verallgemeinert. Wenn auf höheren Stufen in der Schule Nathan der Weise, der Kaufmann von Venedig, Gustav Freytags Romane u. A. behandelt werden, so ist doch der „Jude" nicht zu umgehen. Oder sollen auch diese Werke aus der Schule verbannt werden? Dresden, 11. Mai. Dr. Otto Lyon. Druck und Verlag von Rudolf Molse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.