Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- Seite 239 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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23S Hatte »>ail in blinder Wnth einige der Lampen zerschlagen | oder hatte es eine ruchlose Hand in berechneter Absichtlichkeit gethan? Das brennende Petroleum floß die Dielen entlang, das Feuer fand reichlich Nahrung an den dort aufgehäuften Holzsplittern, Papierfetzen und Zeugstücken und wand sich schlangenähnlich an den Wänden in die Höhe. Im Nu wälzte sich ein Flammenmeer von einem Saal in den andern. Schreiend, kreischend, fluchend, jammernd flohen die Zerstörer vor dem Elemente, das ihnen die begonnene Arbeit abnahm und sie selbst zu vernichten drohte. Wie von bösen Geistern gejagt, suchten sie die Ausgänge zu gewinnen, drängten, überstürzten, quetschten und traten sich. In unglaublich kurzer Zeit schlugen die Flammen, von einem frischen Winde angefacht, ans allen Thür- und Fensterhöhlen der schändlich verwüsteten Gebäude hervor. Die Tumultanten flohen, ohne daß nur einer von ihnen einen Versuch gemacht hätte, dem Brande Einhalt zu thun. Die Maysche Fabrik lag weit genug von dem Städtchen entfernt, daß dieses durch den Brand nicht in Mitleidenschaft gezogen werden konnte — so mochte sie denn in Flammen aufgehen. Die durch das Feuer hervorgerufene Bestürzung war indeß doch so groß, daß Jeder auf die eigene Rettung bedacht war, und der Sturm auf Garten und Wohnhaus, den mau sich für die Schlußszene aufgespart hatte, unterblieb. Jetzt rasselten auch Spritzen herbei, denn man hatte in der Umgegend den Feuerschein wahrgeuommen. Sie vermochten den Flammen nicht mehr Einhalt zu thun, sondern nur ihren Herd zu begrenzen. Das Werk der Zerstörung war vollbracht. V. Der Schein der ausbrechendeu Flammen hatte die Brüder May veranlaßt, vom Schnierzeuslager des Vaters wieder an die Unglücksstätte zu eilen. Niemand siel es jetzt ein, sie zu behelligen. Jeder war auf die eigene Rettung bedacht, und völlig allgemein ward die Flucht, als außer den heranrasselnden Spritzen auch noch der gleichmäßige Tritt einer heranrückenden Abtheiluug Soldaten hörbar ward. Außer dem führenden Offizier kamen mit ihnen der Laudrath des Kreises, Bürgermeister und Gemeindevorsteher von Alterode und einige angesehene Herren der Umgegend. Sie fanden nur Trümmer, eine Anzahl von Personen, die sich abmühten, des Feuers Herr zu werden, und die von einigen ihrer Beamten umgebenen Brüder May. Die Aufrührer waren nach allen Seiten zerstoben wie Spreu im Winde. Der Landrath drückte den Brüdern sein lebhaftes Bedauern über das Geschehene aus und versprach strenge Untersuchung und Bestrafung der Schuldigen. Julius zuckte die Achseln und entgegnete bitter: „Was hilft uns das jetzt? Mau hätte früher Vorkehrungen treffen sollen. Unser Eigeuthum ist vernichtet, verwüstet die Stätte, die Hunderten von Menschen Arbeit und Brod gegeben hat. schwer verwundet liegt mein Vater darnieder." „Wir sind herbeigekomnien, sobald mau uns rief," sagte der Offizier mit aufrichtigem Bedauern in Ton und Haltung; darauf erwiederte Max: „Als man Sie rief, da war es freilich zu spät!" „Junger Mann', was wollen Sie damit sagen?" fragte, der Landrath. Es war, als öffnete man das Ventil eines Dampfkessels. In leidenschaftlichen Worten sprudelte Max die heftigsten Anklagen gegen die Behörden hervor, beschuldigte sie, erst eiugeschritteu zu sein, als das Unheil geschehen war. Vergeblich suchten die ihn umgebeudeu besonnenen Männer seinen Reden Einhalt zu thun; sie wurden immer erbitterter und beleidigender. „Einjähriger May, ich befehle Ihnen, zu schweigen!" rief der Offizier, mehr in der Absicht, den Rasenden zur Vernunft zu bringen, als um seine Autorität zu zeigen, und legte ihm die Hand auf die Schulter. Max wußte aber augenscheinlich nicht, was er that und wen er vor sich hatte. „Ich lasse mir nichts befehlen, von Ihnen so wenig wie von irgend einem Andern," schrie er. „Der einzige Mensch, dem ich Gehorsam schuldig bin, ist mein Vater." Er versuchte, die Hand des Lieutenants abzuschütteln, der hielt ihn aber nur fester und raunte ihm zu: „Mensch, Sie reden sich ja um den Hals!" Julius und einige Andere versuchten, ihn wegzubringen, er setzte sich jedoch zur Wehr, schlug um sich und traf den Lieutenant, von dem er sich losgeriffen hatte, mit der geballten Faust so heftig vor die Brust, daß er zurücktaumelte und zu Boden gefallen sein würde, wenn nicht der hinter ihm stehende Soldat hinzugesprnngen wäre und ihn in seinen Armen aufgefaugen hätte. Die Folgen dieses wahnsinnigen Gebahrcns ließen nicht auf sich warten. Ein paar Soldaten stürzten sich auf Max, überwältigten ihn und behielen ihn in ihrer Mitte. Als die zum Schutz und zur Vertheidigung des Mayschen Besitzthums herbeigerufeneu Soldaten abmarschirten, nahmen sie als einzigen Gefangenen den jungen Sohn des Hauses mit sich, dem wegen schwerer Insubordination, Beleidigung der Armee eine mehrjährige Freiheitsstrafe sicher war. — Noch immer war es nicht möglich gewesen, einen Arzt für den Verlvundeteu zu erlangen. Voni Blutverlust erschöpft, lag er mit geschlossenen Augen, anscheinend im Zustande der Bewußtlosigkeit, als Julius in das Zimmer trat und flüsternd den Schwestern das neue Unheil, welches über sie hereingebrochen, berichtete. Das Ohr des Leidenden hatte die Worte doch aufgefangen. Mit schwacher Stimme und trotzdem sehr eindringlich gebot er: „Sprich laut! was ist geschehen? Ich will Alles hören, ich kann Alles hören!" Julius sah ein, daß er sich nicht widersetzen dürfe und erzählte, was sich zugetragen hatte. Der Kranke hörte ganz ruhig 311. Es schien sogar, als umspiele ein feines, müdes Lächeln seine bleichen Lippen. „Die Fabrik zerstört und verbrannt, den Fabrikbesitzer angeschossen, den Sohn ins Gefängniß abgesührt, sie können mit ihrem Tagewerk zufrieden sein," flüsterte er. Bei jedem Worte war seine Stimme aber schwächer geworden. „Luft! Luft, Luft!" hauchte er. — Julius zog die Vorhänge zurück und stieß einen Fensterflügel auf. Das Morgenlicht strömte ins Zimmer. Es beleuchtete ein erdfahles Gesicht, dem der Tod bereits sein Siegel aufgedrückt hatte. Jetzt erschien endlich auch der schon so lange sehnlich erwartete Arzt. Er konnte den jammernden Kindern nur den einen Trost geben, daß ihr Vater schnell und schmerzlos verschieden sei. Die medizinische Wissenschaft befand sich hier wieder einmal vor einem Räthsel. Der Herzschlag, welcher Mays Leben ein Ende gemacht, stand in gar keinem Zusammenhang mit der Verwundung, die au und für sich nicht gar so bedenklich gewesen war. Es tvar eine andere Verwundung, welche er nicht zu überleben vermocht hatte. Der tödtliche Streich, welchen der Idealist empfangen, hatte ihm das Herz gebrochen. — Zwei Tage später brachte man Emanuel Mays Leiche nach dem Bahnhof, von wo aus sic nach Berlin befördert werden sollte, mn