Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- Seite 237 (sequence 11)
- Language
- German
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2S7 wir so unsere Fahne auf einmal wegwerfen und mit Füßen treten lassen? Entschuldigen Sie, mein wahrheitsliebender Freund, wenn ich zu viel oder auch zu wenig schreibe. Der Mangel an gehöriger Muße kann beides verursachen. März 1839. . . . Warum mußten mir nachher seine Strahlen Schmerzen verursachen? Alle Wohldenkende unseres Volkes, welche bisher für dasselbe gearbeitet, haben blos im Allgemeinen Helle Begriffe auszubreiten und Untersuchungen von mehreren Seiten anzuregen gesucht — oas praktische Resultat ihrer Arbeiten ließen sie der Zeit. Die zwei folgenden Briefe beziehen sich auf das Seminar. Zu ihrer Erklärung ist zu bemerken, daß die Kommission der 27 — eine Gemeindebehörde, die als berathende Körperschaft neben den Aeltesten hauptsächlich in Finauzsachen thätig war, die von Zunz beantragte, nöthige Errichtung einer untern Seminarklasse abgelehnt hatte. Da auch Veit biefeu Beschluß als ungerecht, die gesunde Entwicklung der Lehranstalt gefährdend erachtete, so unternahm er bei den reicheren Gesinnungsgenossen eine Sammlung. Sie ergab 500 Thaler, die der Gemeindekasse geschenkt wurden, mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß die Summe im Jahre 1843 für den angegebenen $wed verwendet werden sollte. Von dieser Thatsache erhielt Zunz zunächst durch einen Privatbrief Veits Kunde. Vor dieser Mittheilung jedoch sind seine Briefe geschrieben. Sie bezeugen seinen starken Unmuth in deutlichster Weise, sie geben zugleich Kunde, wie dieser hochbedeutende, in seinem Lehramte überaus eifrige mtb höchst erfolgreich thätige Mann den Behörden gegenüber ein recht unbequemer Beamter werden konnte. Die Differenzen zwischen Zunz und dem Vorstand entstanden indessen außer wegen der einer: Klaffe, von der eben die Rede war, hauptsächlich, wie aus einen: der mitgetheiltei: Briefe hervorgeht, aus dem Verlangen des Gelehrten, nicht dem Schul-, sondern dem Gemeirrdevorstand unterstellt zu sei::. In Veits Nachlaß findet sich ein Blatt, auf dem links 8 2 und 16 der Vokation (oder des Vertrags) des Direktors vor: Veits Hand geschrieben, rechts eirüge Zusätze und Verbesserunger: von Zunz' Hand stehen. War im ersteren Paragraphen verlangt, daß der Lektionsplan den Schulvorstehern einzureichen sei, so bemerkte Zunz: „Dem Gemeirrde-Vorstand und vor: Seiten des Gen:einde-Vorstands abschriftlich an die Schulvorsteher". Hatte es in: letzteren Paragraphen geheißerr, der Direktor habe den Schulvorsteherr: auf Erfordern über der: Zustand der Anstalt Auskunft zu geben und ir: allen außergewöhnlichen Fällen mit ihnen Rücksprache zu nehmen, so würffchte Zunz die folgende Fassung: „Verlangen die Schulvorsteher schriftlich über die Anstalt betrefferrde Gegerrstände, die nicht regelmäßig dern Genreinde-Vorstande einberichtet werden, oder über die nicht berichtet wird, Auskunft, so ist der Direktor ihnen solche zu geben verbunden. Auch wird ihm empfohlen, ir: außergewöhnlichen Füller: mit demselben Rücksprache zu nehmen." Diese Differenzen warer: übrigens mit dem Jahre 1843 rricht zu Ende. Sie sollen hier rricht im Einzelnen erzählt werden. Nur aus zwei späteren Briefen seien zwei Bemerkrrngen mitgetheilt, die so echt zunzisch sind, daß sie einen Abdruck lohnen. .1844 schrieb er gelegentlich eines Glückwunsches zu einer Verlobung in der Veitschen Familie: „Vielleicht wird die hiesige Gemeinde auch endlich einmal sich mit mir beschäftigen; ich wäre schon mit der Hälfte eines Gutachtens, mit dem Gut, zufrieden!" Auch die Datumbestimmung ist höchst charakteristisch, wobei wohl kann: erinnert zu werden braucht, daß damals in Braunschweig die Rabbinerversammlung stattfand: „Gegeben in dem einsamer: Zimmer, fern von dem Konciliun: zu Braunschweig, am letzten Tage des Messianischen Jahres 44." Am 27. Mürz 1845 schrieb er wiederum ir: Seminarangelegerrheiten: „Ihr Rachmonus ehrend, muß ich doch bitten, es entweder auf die Anstalt und ihre Lehrer auszudehnen, oder es ganz zu überwinden; man kann dadurch wohl sich zur Aufnahme in ein Lazareth, nicht aber in ein Seminar bewogen fühlen. Hospitiren ist ein Ausdruck, den das Seminar gar nicht verträgt, in seltenen Fällen bei der erster: Klasse ausgenommen. Bei der Verantwortlichkeit eines Serninars für Alle, die den Kursus durchmachen, müssen absolut Unfähige nicht geflissentlich ausgenommen, sondern entfernt werden." Die Briefe, welche sich auf das Seminar beziehen, haben folgenden Wortlaut: Sehr geehrter Freund! Verbindlichst danke ich Ihnen für Ihre Mittheilung vom 18. d. M., deren Inhalt mir zum Theil unerwartet gewesen, auch Carlos ahnte nicht, daß er Entfremdung für Freundschaft zu halten habe, und scheiterte an diesem Jrrthnm, und Posa — mit ihm. Sie bezeichnen das Votum der 27, i. e. der 13, mit Vandalismus, und doch war in jenem „mir unerwarteten Schreiben des Vorstandes" kein anderes enthalten. Der Erste, der bei allen diesen Verhandlungen zu hören gewesen, war ich; die Streitigkeiten sind nichts als Aufhetzungen, Ränke wider mich und die Anstalt. Darum mag man den Friedensweg denen empfehlen, die allein den Krieg unterhalten, die allein zerstören und zum Aufbauen bewiesener Maßen unfähig sind. Ich ertrage keinen versteckten Direktor, und das jüdische Pfaffenthum wird mich gerüstet finden. Hier in Berlin zwar erkennt man mir nur bei: hohlen Namen zu, gönnt mir auch die Anstrengung, die Entbehrung, allenfalls die Verfolgung; das „ein Haus machen", die Aufmerksamkeiten und die hoben Gehälter gebühren dem Paradepferd. 25 Jahre habe ich nunmehr für Wohlfahrt und Ehre der Juden, für Anbau und Würdigung jüdischer Wissenschaft verlebt, darunter 10 Jahre in Aemtern bei der hiesigen Gemeinde; Europa kennt mich, hier bin ich —ein Kommis, ein Söldling, den der erste Gelbschnabel inores lehrt. Was sagen hierüber die Männer im Auslande? aucliarnus! Dr. M. Sachs (17. Dez. 1842). „Mögen Ihnen—weder Katzen noch Hunde etwas anhaben, und statt stillen Mäkelgeldes Ihnen die laute Anerkennung werden, die Sie verdienen, und bei Kundigen doch auch genießen, und die sind es doch wohl, an denen etwas gelegen ist." Rabbiner Rapoport (21. Dez. 1842): „Wir haben nun. Jeder für sich genug, um auf den Namen Zaddik stolz sein zu können, den: nun einmal Ruhe hienieden abgesprochen worden." Religionslehrer Dr. Wessely (15. Jan. 1843): „Es ist in der That schmerzlich, wenn bei aller gepriesenen und ausposaunten Bildung unseres heutigen Judenthums dennoch so wenig Pietät und aufrichtige Theilnahme sich für jene Männer findet, die die Juden sonst, wo es sich um die eigenen materiellen Vortheile handelt, mit Selbstgefälligkeit als die Ihrigen nennen, ohne daß die Engherzigkeit derselben auch nur durch ein kleines Opfer sich ein gutes Recht auf solches Eigenthun: erworben hätte." Rabbiner Dr. Frankel (15. Nov. 1842): „Halten Sie sich versichert, daß, wenn ich als der erwartete Rabbiner nach Berlin kommen werde, ich die freundschaftlichen und achtungsvoller: Beziehungen, in beite» ich jetzt zu Ihnen stehe, nicht nur befestigen, sondern sie um jeden Preis zu vermehren suchen werde, da die Aussicht, in Ihrer Nähe und mit Ihnen zu leben, einen großen Einfluß auf den gefaßten Entschluß, das dortige Rabbinat zu übernehmen, geübt hat." vear, liear! Sollten nun die auf den Rabbiner wartenden Schwätzer sich von diesen: einen Dank verdienen? Sie sehen, sehr geehrter Freund, daß ich Vertrauen mit Vertrauen erwiedere: Das Nähere über das Seminar enthält rnein gestriges Schreiben an den Vorstand. Mit achtungsvoller Freundschaft der Ihrige Berlin, 25. Januar 1843. Zunz. Der Brief an den Vorstand liegt nur nicht vor. In derselben Angelegenheit schrieb Znnz an Herrn R. S. G n mpertz folgenden Brief: Hochzuehrender Herr und Freund! Wenn mein gegenwärtiges Schreiben Unmuth athmet, so darf Sie das nicht befremden, denn ich bin solche Vorwürfe von Ihnen nicht gewohnt, zumal unverdiente. Wie, ich wäre der, der den Frieden stört und dem Seminar schadet? Wahrlich, das fehlte noch, zu den Kränkungen der Widersacher Anschuldigungen der Freunde! Nur Sie durften so etwas sagen, denn Sie haben sich als Freund erprobt, und das kann