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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-17 · Heft 20 (17.5.1895) · p. Seite 236

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
Seite 236 (sequence 10)
Language
German
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236 Aus M. Amts Nachlaß. Mittheilungen von Prof. Dr. Ludwig Geiger. Leopold Zunz. on Zunz' Beziehungen zu Veit habe ich früher gesprochen. (Vgl. Zeitschr. f. Gesch. d. Juden in Deutsch!. V., 236 fg.) Damals lagen mir nur die Briefe Veits vor. Bereits damals hatte ich Gelegenheit zu erwähnen, daß durch die Bemühungen Veits Stücke aus dem freilich stark dezimirten und in größter Unordnung befindlichen Nachlaß Lazarus Bendavid's in die Hände von Zunz gekommen waren. Dem mag nun für die, welche sich für jenen würdigen Sonderling, einen echten Angehörigen der Mendelssohnschen Zeit, interesstren, die Nachricht angefügt werden, daß andere Stücke des Nachlasses an Beit übergingen und nun in dessen Nachlaß sich finden. Dazu gehören Berechnungen und Pläne für eine städtische Altersversorgungsanstalt, Rentenkasse und Aehnliches. Veit widmete auch Bendavid einen hübschen Nachruf (Bl. für litter. Unterhaltung, Nr. 199, 200, 17., 18. Juli 1831), in dem namentlich die auf Grund der persönlichen Bekanntschaft über Wesen und Aeußeres gemachten Bemerkungen interessant und wichtig sind. Besonders interessant ist ein aus diesem Nachlaß geretteter Band, das Protokollbuch der „philomatischen Gesellschaft" 1800—1806, über das ich an anderer Stelle berichtet habe (Voss. Ztg. vom 10. und 11. April 1895). Aus den mir früher bekannt gewordenen Briefen Veits an Zunz konnte ich auch entnehmen, daß bei dem Verkehr beider Männer, der ja. da Beide, außer ganz kurzer, reger Jnterimszeit, ständig in Berlin lebten, mehr ein mündlicher als schriftlicher sein mußte, buchhändlerische, politische Angelegenheiten und Zunzs Stellung als Seminardirektor die Hauptrolle spielten. Gerade darüber, außer über die Seminarangelegenheit, enthalten die verhältnißmäßig wenigen vorhandenen Briefe Zunz' nicht viel. Sie bringen manches Litterarische und Persönliche, Notizen über den alten (1822 fg.) und neuen Kulturverein, Dank für litterarische Gaben Veits. Interessant und neu dürfte vielen Kreisen die Mittheilung sein, die Zunz am 11. März 1841 dein Freunde machte: „Der Minister Uwaroff habe befohlen, ihn zu fragen, „ob ich geneigt sei, eine höhere Staatsdiener- oder Lehrerstelle in Rußland, mit einem Gehalte von 13—1400 Thalern anzunehmen." Eine allgemein charakteristische, echt Zunzsche Stelle findet sich in einem Briefchen vom 4. Februar 1839 auf einem der bekannten Zunzschen Zettel. Nachdem er über Mosers Nachlaß gesprochen, soweit er den alten Kulturverein betrifft, schließt er: „Der Verein hat 39 Mal 40 Tage bestanden und die Tage, in denen Moser, Gans, Heine, Zunz, Rubo ihrer vergessen sich nationalen Interessen mit solchem Eifer Hingaben, waren sie nicht schöner als die heutigen mit ihrer herzlosen Selbstsucht?" Drei größere Briefe sollen aber wörtlich mitgetheilt werden. Zum Verständniß des ersten muß nur Folgendes bemerkt werden: Gelegentlich der Wahl eines Rabbiners in Berlin — die ernstlichen Verhandlungen hatten schon 1836 begonnen — war auch Rapoports Name genannt worden. (Vgl. Geigers Geschichte der Juden in Berlin II, 259). Doch war diese Kandidatur ernster, als ich bisher annehmen mußte. In einem Schreiben der Nettesten an ihren Kollegen Veit (29. Juni 1840) war davon gesprochen, „daß der Vorstand seit längerer Zeit sein Augenmerk auf Rapoport gerichtet hat, um denselben als Oberrabiner für die hiesige jüdische Gemeinde zu gewinnen". Veit, der ebenso wie ein anderer gerade in letzter Zeit vielgenannter Vorsteher, Joel Wolff Meyer, damals eine Reise nach Prag unternahm, wllrde gebeten, mit Rapoport die offiziellen Verhandlungen zu führen. Ob dies wirklich geschah, vermag ich nicht zu sagen; eine förmliche Berufung Rapoports fand Glicht statt. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß für den direkten Versuch, sich um Rapoport zu bemühen, der folgende Brief Zunz' (26. April 1840) den Ausschlag gab: Aus meiner bis jetzt elfjährigen fast ganz der Wissenschaft ge widmeten Korrespondenz mit Herrn Rapoport, die mit unbeträchtlicher Ausnahme von beiden Seiten in deutscher Sprache geführt wird, theib ich Ihnen, auf Ihren Wunsch, beifolgend einige Stellen aus Briefen Rapoports an mich wörtlich mit. Möchten viele deutsche Schreier und Schreiber diesem Polen an Kenntnissen, Gesinnung, Geist, Sprachfertigkeit und Ausdruck gleich kommen. Achtungsvoll und ergebenst Berlin, 26. April 1840. Zunz. Auszüge aus der Korrespondenz Rapoports mit Dr. Zunz. Dezember 1832. ... Ich weiß nicht, für was ich Ihnen mehr danken soll, ob für Ihren unendlich guten Willen, mir soviel unverdiente Ehre und Reputation zu verschaffen, oder für die wirklich vielen Belehrungen und Erläuterungen mancher Ansichten, die ich durch Ihr sehr gehaltreiches Buch erhielt. Bei dem bewundernswürdig systematischen Gange der Untersuchungen, der so viel zur Ueberzeugung des Lesers beiträgt, wäre der Nutzen, den auch ein großer Theil unserer Glaubensgenossen in Polen daraus ziehen könnte, unberechenbar. Ihre kritischen Untersuchungen eignen sich mehr für solche Israeliten, die, wie noch in unserem Polen, so zu sagen in den talmudifchen Studien auferzogen werden, als für solche, die nach der neueren Weise in Deutschland ihre Erziehung genießen, und auch die Ersteren dürften von solcher Art Werke den größten Nutzen, zur Aufhellung ihrer bisherigen Anstchten, ziehen. Es geht einem solchen Leser ein neues Licht auf über alle. von ihm bisher für weit älter und daher auch weit heiliger gehaltenen Bücher, und das Nachdenken überhaupt drängt sich ihm nun auf über sein ganzes Glaubenssystem. März 1833. . . . Ich wünsche Reform, Wissenschaft und deutsche Vorträge, ich stürze in meinen Ansche Schern durch unwiderlegliche und einleuchtende Beweise den Sohar vom Throne; aber irgendwo muß mau doch stehen bleiben. Wenn man Reform will, muß man nicht den Grund aufwühlen.Ich meinerseits weiß sehr gut, wie nützlich und nöthig die lichtvolle Krikik zu allen biblischen Büchern ist. Man sollte jedem Buch und auch jedem Verse, wenn es möglich ist, durch angestrengtes Forschen seine Stellung in Zeit und Ort anweisen, ja seinen Charakter herauszubringen suchen —, aber es muß mit Achtung und Schonung zu Werke gegangen werden. Juni 1836. . . . Haben wir nur das Nöthigste, was wir brauchen, so können die Schlechtigkeiten unserer sogenannten Verehrer uns keinen Kummer mehr verursachen. Was sollten wir auch von einem gewöhnlichen russischen oder italienischen Arzte hoffen? Die ganze Welt sieht er als einen Patienten an, bei welchem er blos die Geldseite berücksichtigt; ist letztere nicht zusagend, so wird über die Freundschaft mit ersterm bald der Stab gebrochen und jede frühere Zuneigung ist dahin. . . . Weg von diesen Alltags-Homunkulen zur tröstenden Litteratur! Dezember 1837. . . . Was mich mein fleißiges Nachdenken lehrte, das ist daß jede plötzliche Reform-Erklärung immer blos geschadet, indem sie einen großen Theil der Volkes, welcher für sie noch unreif war, um hunderte von Jahren zurückgeworfen hatte. . . . Der Zeit allein muß Alles überlassen werden, das Ihrige zu thun. Will man ihr aber Gewalt anthun und sie überholen, dann rächt sie sich fürchterlich. Nur ein kleiner Theil ist im Stande, fortwährend zu laufen, wobei er aber auf Dornenwege geräth, am Ende verlassen stehen bleibt, und sich eine neue Bahn zu suchen genöthigt ist. Der Zurückbleibende, und dies ist der weit größere Theil, wird weithin zurückgeworfen, so daß erst wieder manche Säkulums vergehen müssen, bis er zur Stelle zurückkommt, von welcher er durch die Tollkühnen weggeschleudert wurde. . . . Nun betheure ich Ihnen noch dieses, daß ich immer ein Mann des Fortschritts gewesen und es noch bin . . . aber weil ein Ministerium in München unsere Studenten nicht zuzulasien drohet, wenn man ihnen nicht erlauben würde, am Sabbath zu schreiben, sollen wir sogleich nachgeben, wir, die wir so lange jedem gewaltigen Versuche widerstanden haben? — Sollen

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