Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- Seite 235 (sequence 9)
- Language
- German
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235 ver chinesischen Phonetik wie p bzw. t und I aussprechen. Von den Lokalen, zu deren Bezeichnung sie gleichfalls Punkte verwenden, rautet e wie ie. Im Jahre 1857 wurde die jüdische Kolonie in Kai-fong in Folge einer Expedition der mächtigen Taiping-Rebellen auseinander gesprengt. Hierdurch sind unsere Glaubensgenossen, nachdem sie sich oorher in Anbetracht der Fruchtbarkeit der Hoangho-Ebene eines peinlichen Wohlstandes erfreut hatten, jetzt ganz verarmt und wurden von Dr. Martin vor ungefähr dreißig Jahren nur noch in einer Anzahl von 300—400 in jener Stadt angetroffen. Cordier hat zwei oder drei Juden in Shanghai gekannt, von denen der eine sein Schneider war. Nach den Letzteren zu urtheilen, haben die Juden in China die charakteristische» Gesichtszüge, wenn schon Jene chinesisch gekleidet waren und den Zopf trugen. Aus dem Leben König Karls von Uumänien. Von Theodor Braun. II. ie Memoiren des Königs von Rumänien, von denen ich schon gesprochen, bieten noch viel Interessantes über die Juden. Die europäischen Mächte beruhigten sich nicht bei den Beschwichtigungsversuchen Rumäniens und es beginnt nun die Aktion der europäischen Kabinette in der rumänischen Judeufrage, zunächst mit folgenden interessanten Aktenstücken. 14 /26. Mai. Frankreich, England und Oesterreich remonstriren gegen die administrativen Maßregeln, welche die der Landstreicherei beschuldigten Israeliten so hart getroffen haben, und der Minister verspricht, das Vorgehen der Jaffyer Kommission auf das Genaueste zu untersuchen, um jedem ungerecht Vertriebenen die Rückkehr ungesäumt zu gestatten. Abends erhält der Fürst folgende Depesche vom Kaiser aus Paris: Je ne dois pas laisser ignorer a S. A., combien l’opinion publique s’ement iei des persecutions dont on dit les israelites viclimes en Moldaioe Je ne puis croire que le gouvernement eclaire de Votre Altesse autorise des mesures si eontraires a l’humanite et ä la civilisation. Napoleon. Fürst Karl antwortet sogleich: Votre Majeste peut etre assure que je n’ai pas moins de solicitude qu’ Elle m§me pour les populations israelites. Les mesures que le gouvernement ä cru devoir prendre, n’ont rien d’exceptionnel et rentrent dans Je droit commun. Je vais du reste proceder ä une enquete severe pour voir si les employes subalternes n’ont pas outrepasse leurs instructions Les coupables seront punis avec tonte la rugeur des lois. Charles. Bratianu ist nunmehr genöthigt, der öffentlichen Meinung gegenüber sich zu vertheidigen, aber es gelingt ihm dies nur in sehr ungenügender Weise, wie folgende Nachrichten bezeugen: 16 /28. Mai 1887. Bratianu veröffentlicht im „Moniteur" alle Gesetze gegen die Juden, die seit dem Jahre 1804 in der Moldau erlassen worden sind Das Pachten von Gütern, Schänken und Krügen war ihnen-stets untersagt, und Bratianu hat nur die seit 1804 bestehenden, 1830, 1831 und so fort, zuletzt 1866 erneuerten Bestimmungen wiederum in Erinnerung gebracht. 18 /30. Mai. Der rumänische Geschäftsträger in Paris meldet, daß Cremieux in der „Patrie" einen Brief veröffentlicht habe, der für den Fürsten schmeichelhaft, für das Ministerium ganz vernichtend sei; Cremieux zitiere eine Unterredung über die Judenfrage, die er soeben mit dem Kaiser gehabt, — die scharfen Worte desselben besäßen eine unleugbare Tragweite. 20. Mai /1. Juni. Die leidige Judenfrage nimmt in der auswärtigen Presse immer größere Dimensionen an, und das rumänische Volk, das toleranteste aller christlichen Völker, erscheint in dem Licht eines religiösen Fanatismus, wie ihn nur das Mittelalter gekannt hat! Das rumänische Volk ist das toleranteste aller christlichen Völker — aber leider nur nach der Ansicht des Herausgebers dieser Memoiren. Die Welt ist damals wie heute anderer Ansicht darüber gewesen, und wir wundern uns deshalb gar nicht über die folgende Nachricht: 9./21. Juni 1867. Die französischen Journale bemächtigen sich des sogenannten Judenverfolgung [m Rumänien immer von Neuern und schaffen dadurch eine sehr gehässige Stimmung gegen die Donaufürstenthümer. Der „Siecle", der eine Vertheidigung der rumänischen ministeriellen Maßregeln veröffentlicht hatte, bringt neuerdings von Cremieux einen Brief, worin Bratianu auf's Heftigste angegriffen wird. Zugleich veröffentlicht er eine Depesche der Jaffyer israelitischen Gemeinde, nach welcher die offene Verfolgung zwar aufgehört habe, die versteckte aber mit unerbittlicher Härte fortgesetzt werde. Anstatt der Gewalt gebrauche man jetzt die List, um sich der israelitischen Mitbürger zu entledigen, die doch selbst nach rumänischen Geschichtsforschern seit der Verfolgung unter Titus im ersten Jahrhundert n. Chr. im Lande ansässig sein sollen und nun plötzlich als „Vagabunden" behandelt werden! Auch Kaiser Napoleon fühlt sich veranlaßt, in einem Schreiben vom 20. Juni dess. I. noch einmal auf die Frage zurückzukommeu, in dem es heißt: . . . L’affaire des israelites a vivement impressionne le public parce qu’il a vu dans cette persecution, digne d’un autre age, le desir, de flatter les mau vais instincts de la foule. Napoleon. Jnzischen ist der Fürst sechs Wochen von Bukarest abwesend. Nach der Rückkehr (10./22. Juli) findet er „verschiedene Berichte uub Briefe aus Paris vor, die alle darin übereinstimmen, daß die Maßregeln, die das Ministerium gegen die Juden getroffen hat, ihm und dem Lande in den Augen Europas sehr geschadet hätten." Auch der Vater des Fürsten, Fürst Karl Anton von Hohenzollern. fordert ihn nunmehr auf, Bratianu fallen zu lassen. „Es ist ein Gebot hoher Politik," setzt der Fürst hinzu, „sich denn jenigen Umständen zu fügen, die man nicht beherrschen kann". Frankreich sei augenblicklich die einzige Stütze Rumäniens und dürfe daher nicht beleidigt werden. Die Judenfrage habe ganz Paris außer sich gebracht. Die Presse werde durch jüdisches Geld beherrscht, lasse also nichts aufkonnnen, was die Sache in einem anderen und besseren Lichte darstelle." Auch Fürst Karl Anton ist, wie man sieht, in dieser Angelegenheit nicht ganz frei von vorgefaßten Meinungen. Bei der Fülle von Zündstoff ist natürlich der geringste Vorfall geeignet, Aufsehen zu erregen. So heißt es einmal in den Memoiren: In Jassy ist ein Jude auf der Straße tobt umgefallen und von der Polizei ins Hospital gebracht worden, um sezirt zu werden. Dieser Absicht wiedersetzten sich die Seinigen, ihrer religiösen Vorschriften wegen, und in einem Auflauf haben zwei Unruhestifter festgenommen werden müssen. Das wird bei der gereizten Stimmung gegen die rumänische Regierung neue Veranlassung zu Geschrei über Judenverfolgung geben. Eine interessante Nachricht melden die Memoiren am 13./25. August 1667. Der englische Generalkonsul Green stellt dem Fürsten den Baronet Moses Montefiori vor, der aus England eingetroffen ist, um sich über die Lage seiner israelitischen Glaubensgenossen in Rumänien zu unterrichten. Derselbe muß eingestehen, daß nach seinen Ermittelungen keine Judenverfolgungen im Lande stattgefunden haben, und als Fürst Karl ihm zum Ueberfluß die Versicherung giebt, daß er religiöse Verfolgungen auch niemals dulden werde, und ihm dann eine Schilderung der Moldauer Juden macht, verzichtet Montefiori auf eine Reise in die Moldau, die ihm auch bei seinem vorgerückten Alter höchst beschwerlich geworden wäre. Mit seiner gewöhnlichen Liebenswürdigkeit lädt Fürst Karl Sir Moses Montefiori für den folgenden Tag zur Tafel.