Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- Seite 234 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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234 deutschen Sprache die französische und die türkische. Zweimal wöchentlich erhalten sie auch Gesangsstunden. Das Alter der Schüler beträgt zwischen 6 und 13 Jahren. Die Zahl der Klasser: ist vier, davon zwei mit zwei Jahrgängen. Nach Absolvirung der obersten Klasse ergreifen die Jünglinge ein Handwerk oder widmen sich dem Kaufmannsstande. Me Juden in China. Von Willi Cohn. s ist sehr auffallend," sagt Henri Cordier, Professor am Seminar für orientalische Sprachen zu Paris *), „die geringe Aufmerksamkeit zu bemerken, welche die europäischen Inden ihren Glanbensgeiiossen in China entgegengebracht haben." Sie sind im Gegensatz zu dem, besonders von katholischen Missionüren ben'iesenen Interesse mir einmal mit denselben durch einen jüdischen Kaufmann ans Wien gegen Ende der sechziger Jahre in persönliche Berührung gekommen. Vielleicht ivird wenigstens jetzt, wo Aller Augen ans China gerichtet sind, eine Skizze über die chinesischen Inden insonderheit deutschen, lehrbegierigen Israeliten, um die Worte des gelehrten Murr-) zu wiederholen, angenehm sein. Früher hielt man die in China befindlichen Juden für lieberreste aus dem Zehnstämme-Reich Israel, die nach der Einnahme von Samaria Jahrhunderte vor Christi Geburt dorthin verschlagen worden seien. Zn dieser Ansicht würden die Worte des Jesaja, welcher zur gleichen Zeit in Juda als Prophet auftrat, sehr gut passen: „Jene werden kommen vom Lande Sinim". Neuere Autoren indessen lassen erst nach der Zerstörung Jenisalems durch Titus unter dem chinesischen Kaiser Miug-ti, der in den Jahren 58 bis 75 unserer Zeitrechnung regierte, Juden im chinesischen Reiche ankommen. Dieselben hielten sich jedenfalls längere Zeit in Persien auf, wofür der Umstand spricht, daß sie noch mehrere persische Wörter in ihrer Sprache haben?) Ans ihrem Weitermarsche berührten sie dann noch Samarkand. Chinesische Geschichtsschreiber erwähnen ihre Ankunft in Ning-H'io am obern Hoangho zur Zeit der Dynastie H'an (206 vor bis 221 nach Chr.). Die Erlaubniß zr>m Bau einer Synagoge in Kai-fong-fu, einer größern Stadt der Provinz Honan, die ebenfalls am Hoangho, und zwar dicht vor dem Mündungsknie liegt, erhielten sie erst in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts. Ter Tempel der „Wahrheit und Reinheit"^) verbrannte zwar um die Wende des sechzehnten Jahrhunderts, scheint aber doch 0 Les Juifs eu Chine, Paris 1891 (Libraine Leopold Cerf). -) Versuch einer Geschichte der Juden in Sina, Halle 1806. 3) Lettres edifiantes T. XXXI. A) A- Gtover hat iin Babylonian and Oriental Record (September- November 1891) eine interessante Inschrift aus demselben, die in der Mitte dieses Jahrhunderts entdeckt wurde, veröffentlicht. Ich will aus derselben ein Bruchstück aus der biblischen Geschichte wiedergeben. Danach war Ao-loo-h'an (d. i. Abraham) der neunzehnte Nachkomme von Puan-ku, dem chinesischen Adam. Jener Patriarch überlieferte die offenbarte Religion dem großen Lehrer und Gesetzgeber Mai-schi. Dieser erhielt die heiligen Schriften auf der Spitze des Szei-na-Hügels, wo er vierzig Tage und Nächte fastete. XB. Im Allgemeinen sind bei den in diesem Aufsatze vorkommenden Transskriptionen chinesischer Zeichen die angewendeten deutschen Buchstaben genau so zu lesen wie gewöhnlich. Besonders zu bemerken ist nur, daß h‘ wie der Konsonant in dem Worte „ach" lauten muß, wie überhaupt der spiritns asper als scharfer Hauch auszusprechen ist, ng wie in dem Worte „Angst". wenigstens zum Theil wieder aufgebaut worden zu sein; den» Lt Jesnitenpater Gozoni liefert uns eine Beschreibung desselben -u einem Briefe aus dem Jahre 1704. Danach liegt ihr Gotteshau- (li-pai-sse) nach Westen, also Jerusalem, an welches auch die Bauart erinnert, zu und zerfällt in drei Theile. In dem Mittelrau befindet sich der Mosesstuhl, sowie Räncherpfannen für Abrahai;,. Jsaac, Jakob und die zwölf Geschlechter. Das Allerheiligste heisi Himmels-Halle (t‘ien-t‘ang). Zu beiden Seiten liegt je ein Betsa ch der, in Uebereinstimmnng mit dem Psalmisten, Morgens, Mitta - und Abends seinem Zwecke dient. Allerdings macht sich in den zahlreichen Verbeugungen, die;t beim Beten »ach alle» möglichen Richtungen hin machen, chinesisch:! Einfluß geltend, wie sich in ceremonieller Hinsicht überhaupt mmn Gebräuche nicht rein erhalten, sondern mit chinesischen vermißu haben. So tragen die Rabbiner beim Gottesdienst eine gelbe Müs . über welche ein Tempeldiener einen rothen Schirm ausgespannt hä::. Ebenso feiern sie zwar sowohl den Sabbath als auch den Be söhmmgstag streng, beim Passah jedoch zeigt sich eine Vermisch»! mit dem chinesischen Fest der Frühlingsnachtgleiche. Während ab die Chinesen bei dieser Gelegenheit Schafe und Ochsen opfern, scheu: es, als ob sich unsere Glaubensgenossen dabei mit den Früchten d> Jahreszeit begnügen. Vor allen Dingen aber haben sie das Gebe Vater und Mutter zu ehren, welches in China bekanntlich die Grundlage des ganze» Staatslebens bildet, auch bis zu dem dort üblich::: Ahnenknltus ansgebildet, wobei freilich bei ihnen im Allgemein: blos Räucherpfannen zur symbolischen Verwendung gelangen, wu wir es schon oben mit Bezug auf die Stammväter sahen. Dahingegen müssen die jüdischen Mandarinen, aus deren Zal: uns der Provinzialbeamte Tchon-fu-ting-wang genannt wird, ebens wie alle übrigen chinesischen Staatsbeamten, die üblichen Ahnen täfelchen aufstellen und verehren. Desgleichen bringen sie den chinesischen Nationalheiligen Confucins zu Ehren in dessen Temp.: Thieropfer dar, jedoch, wie ausdrücklich bemerkt wird, keu Schweinefleisch. Trotz alledenr ist an dem Henotheismus der chinesischen Jude: nicht zu zweifeln. Bei ihrer Bezeichnung für Gott, Kien, ist daran zu erinnern, daß die Chinesen nach der eigenen Erklärung des b: rühmten Kaisers Kanghi (1662—1722 nach Chr.) unter diesen Worte nicht de» materiellen „Himmel" verstehen, sondern den unendlichen Geist, der in demselben wohnt und die Welt beherrsch: In diesem Sinne ist auch der Ausdruck t‘ien-kiao („Himmelslehre": aufzusassen, welchen die Juden in China für ihre Religion anwendei: Außerdem bezeichnen sie selbige als ku-kiao („alte Lehre") uw ferner als diejenige, welche tiao-kin („auszieht Sehnen"), iir Hinblick auf das Verbot „die Spannader auf dem Gelenk bcr Hüfte zu essen". Was die heilige Schrift betrifft, so ist, seitdem die Pergamen: rollen des Pentateuch gegen die Mitte des siebzehnten Jahrhunderte-, wie schon zweihundert Jahre früher, durch Wasserfluthen beschädig worden waren, dieser „große Kanon" (ta-king) auf chinesisches Papi: geschrieben worden. Uebrigens ist die Kenntniß der hebräischen Sprache bei ihnen nur noch sehr gering. Das alte Testament zer fällt nach persischem Muster in 53 Bände (küän). Darunter bc finden sich die Psalmen und die beiden Bücher der Makkabäer. In großen Ehre» steht unter ihnen Esther, der sie den Beinamen „groß: Mutter" geben. Vor Allem siel es den Jesuitenpatres auf, daß di: Stelle in dem bereits oben angeführten Propheten, welche die Verheißung des Messias enthält (Jes. 7, 14), verstümmelt war. In sprachlicher Beziehung will ich blos erwähnen, daß di: Juden in China die hebräischen Konsonanten t>, ä und rentsprechend