Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- Seite 233 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228094-3228115--51784-3272547- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2LS Anfangs beabsichtigte ich hier zum Schluß noch eine Anzahl von liirzlich gehaltenen guten Vorträgen anzugeben. Ich wollte damit l'cweisen, daß schon jetzt, da wir noch keine Centralisation in jüdischluterarischen Dingen haben, Brauchbares geliefert wurde. Allein ich l'iii hiervon aus mehrfachen Gründen abgekommen, namentlich weil ii!) durch die beabsichtigte Hervorhebung vielleicht der Kommission, bis ins Leben treten soll, durch Anweisung der Richtung präjudirt (litte, was nicht in meiner Absicht lag. Und ferner: die Persönlichluten, deren Werke ich hier citirt hätte, würden aus allzu menschlichen persönlichen Rücksichten für meine Sache bedingungslos eintreten, die;v ans sachlichen Gründen vielleicht in der einen oder anderen Richtung sonst abgeändert wissen wollten. Dies spreche ich ganz offen ans, ohne Furcht vor schamhaft-abwehrenden Widerlegungen. Und endlich wäre bei mangelnder Vollständigkeit in der Aufführung denen, d e nicht erwähnt sind, ohne Willen ein Unrecht geschehen. Dies iier mußte vor Allem vermieden werden bei einem Werke, das auf ii uuntliche Kräfte, die dem Jndenthnm nahe stehen, Anspruch macht. Briefe am der Türkei. Von Bernhard Stern. Konstantinopel, im Mai. un sind es bald zwanzig Jahre, daß die deutsch-jüdische Schule in Konstantinopel gegründet worden. Sie nimmt unter den Schulen der türkischen Hauptstadt eine ii uiz eigenthümliche Stellung ein, sie ist eine durch ihre Geschichte i wohl als ihre Kulturaufgaben besonders interessante, und ich! oute mich, als ich jüngst Gelegenheit hatte, sie kennen zu lernen. Im Jahre 1876 thaten sich mehrere arme Leute zusammen und sagten sich: „Sehet das Elend ringsum in dieser Stadt, wo Lasten und Verkominenheit den Kindern häufiger vor die Augen kommen i:;-3 in mancher andern Hauptstadt. Laßt uns eine Schule gründen i.iv unsere Kinder, daß sie an Zucht und Ordnung, an Fleiß und l ittsamkeit gewöhnt werden und wenigstens ein bescheidenes Maß i . ii Bildung gewinnen." Mit dem Plan waren Alle einverstanden — aber die Mittel!".itte Keiner. Endlich sparte Jeglicher von seinem bescheidenen v inshalt ein Möglichstes ab, und Alles zusammen reichte aus, um cwe Wohnstube als Schule, irgend einen armen Schlucker als Lehrer H engagiren. Die Geschichte dieser Begründung einer Schnle ist rührend nid rührte auch die Vertreter der Pariser Alliance ■-raelite, als sie davon erfuhren. Sie gewährten der muthig s Leben getretenen Schnle — trotzdem sie eine deutsche, nicht anzösische war — eine Subvention von 1260 Franken jährlich, ilb von 2400 und schließlich — seit 1880 — gar von 4000 Franken. Aber merkwürdig und doch ganz natürlich! Die Schule, die an- ' iigs aus nichts geschaffen wurde und mit nichts zu bestehen vermochte — die Schule darbte jetzt mit diesen 4000 Franken- -a, sie ist eben wirklich eine Schule — und eine große Schule geworden, zu der aus der ganzen Hauptstadt die armen -cute ihre Kinder schicken. Sie ist nicht blos eine Freischule, sie ist eine Wo h lthät i gk eits anstatt, die die ihr anvertrauten linder nicht allein geistig nährt, sondern auch kleidet; die sie nicht allein erzieht, sondern auch praktisch fördert. Es bildete sich hier ein Komitee aus einigen angesehenen Herren, welches die Administration der Schule in die Hand nahm, welches die Schule unter den Schutz der österreichischen Regierung stellte und alljährlich einen Ball gab, deffen Erträgniß bald einen kleinen Reservefonds zusammenscharrte. Nun aber werden die Verhältnisse wieder schlechter' die Jahresbeiträge vieler Mitglieder bleiben aus infolge schlechten Geschäftsganges, die Balleinnahmen veringerten sich, der Reservefonds begann zu schmelzen und zu schwinden. Da erstand der Schule ein neuer Retter in der Persönlichkeit des bekannten Philanthropen S. H. Goldschmidt, des Präsidenten der israelitischen Allianz zu Paris. Ja, sein Interesse für die Schule ging so weit, daß er ihr ein neues eigenes Gebäude ganz auf seine Kosten errichten ließ. Es ist ein schönes Gebäude mit genügenden Klaffenräumen für 300 Schüler; die Zimmer alle groß und licht und luftig. Es fehlt auch nicht an einem Spielplatz für die Kinder. Goldschmidt begnügte sich nicht allein mit dem Gebäude, er schenkte auch alles für ein Schulhaus Nöthige, die ganze innere Einrichtung an Bänken, Tischen, Tafeln. Das Haus ist fertig, aber »och nicht eröffnet. Das große Haus wird größere Ansprüche machen, die Zahl der Plätze wird belegt sein nach wenigen Tagen — aber werden die knappen Mittel der Schule hinreichen, um für alle die Schüler genügend Lehrer anständig zu halten? Es ist eine Gratisschule —aber es soll keine armselige Schule sein. Es ist vielleicht die einzige deutsch-jüdische Schule im Orient, deren Kulturwerk unberechenbar ist, die schon zahllose Kinder den gierigen Armen der Missionäre entrissen und schon zahllose Andere vor Elend und Verkommenheit bewahrt hat. Zwanzig Jahre sind ein mächtiger Abschnitt im Leben einer Schule. Zwanzig Jahre vermögen Früchte zu zeitigen und Erfolge zu beweisen. Man kann hier hänfig diese Früchte bewundern, diese Erfolge erkennen. Man sieht hier viele junge Leute, die aus dieser Schule hervorgegangeu sind und vorzügliche Stellungen einnehmen, Eltern und Geschwistern Stütze und Ernährer geworden sind. Daun wird auch das deutsche Element nicht zu unterschätzen sein, und es wäre darum wohl angebracht, wenn insbesondere die deutschen Juden sich für diese Schule interessirten. Ich wohnte jüngst einer Prüfung in dieser Schule bei, und ich war erstaunt, welche Resultate ich sah. Namentlich in der untersten Klasse war es interessant zu sehen, wie sich die Zungen ans allen möglichen Sprachdialekten in ein reines Deutsch hineinzuardeiten bestrebten. Mir fiel ferner die Nettigkeit der Knaben auf — ich sah kaum einen schmutzigen Buben oder einen mit ungekämmten Haaren. Das thut ordentlich wohl in dieser Stadt, wo die armen Eltern ihre Kinder sonst möglichst verkommen herumlaufen lassen, damit sie als Bettler ihr Brod verdienen. . . . Die Schule giebt fast allen Kindern außer dem freien Unterricht Bücher und Hefte. Bis vor zwei Jahren bekamen sie auch zweimal jährlich Kleider und Schuhe — jetzt, infolge der geringer werdenden Mittel, nur einmal jährlich, und dies wird nur ermöglicht durch die aufopfernde Mühe des Komitees, an dessen Spitze als Präsident und Seele des Ganzen seit Jahren der Arzt Dr. S. Fried sich befindet. Die Zahl der Kinder beträgt gegenwärtig 150. Früher waren es ausschließlich Kinder der Aschkenasim, der Eltern, die aus Rußland und Rumänien hierher geflüchtet waren und unter dem Schutze des Sultans Freiheit und Frieden fanden, die sie in ihrer Heimakh nicht haben konnten. Seit einigen Jahren schicken auch viele Spaniolen ihre Kinder in diese Schule, um sie Deutsch lernen zu laffen. Die Zahl der Lehrer betrügt vier, sie sind sümmtlich geprüft. Drei von ihnen erkheilen wöchentlich 31 Unterrichtsstunden, der Oberlehrer 29. Zwei der Lehrer sind aus Ungarn, einer ans Deutschland, einer durch die Alliance Israelite in Paris dem dortigen Lehrerseminar entnommen. Die Kinder lernen außer der