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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-17 · Heft 20 (17.5.1895) · p. Seite 230

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
Seite 230 (sequence 4)
Language
German
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230 darauf ankommt, Berufs f re udigkeit zu erwecken, dann tritt neben dieser Aufgabe um so gewichtiger die Pflicht an die Erzieher heran, Charaktere zu bilden. Wir wollen hierbei nur die Knabenerziehung berücksichtigen und vor Allem die „Israelitische Erziehungsanstalt" zu Ahlem bei Hannover erwähnen, deren Einrichtungen, die, einmal ganz abgesehen von der dem ganzen Institute zu Grunde liegenden wahrhaft edelmüthigen Idee, es verdienen, daß schon um ihrer selbst willen die Aufmerksamkeit und Opferwilligkeit weiter Kreise der Anstalt sich zuwenden. Das Institut ist mit einem Kostenaufwand von rund 200,000 Mark von Herrn Konsul Simon- Hannover ins Leben gerufen und am 1. Juni 1890 eröffnet worden. Die gegenwärtige Präsenzstärke ist 41 Zöglinge, davon 20 Schüler (Knaben im schulpflichtigen Alter von 0 bis 14 Jahren) und 21 Lehrlinge, während die Präsenz bei der Eröffnung 9 Zöglinge (5 Schüler und 4 Lehrlinge) betrug. Die Kinder unterstehen der erzieherischen Leitung von zwei Elemeniar- und einem Fachlehrer; ferner, soweit die Lehrlinge in Betracht kommen, der Beaufsichtigung und Anleitung durch tüchtige, fachmünnische Kräfte. Das Kontingent der Zöglinge rekrutirt sich hauptsächlich aus Kindern armer Leute, aus Halb- und Ganz-Waisen, doch haben auch Angehörige wohlhabenderer Kreise ihre Kinder dem Institut übergeben. Wie wird nun dieses Institut seiner Aufgabe gerecht bei seinem allsgeprägten Zweck, Gärtner, Landwirthe und Handwerker heranznbilden, auch sonstige Mittelstandsvertreter aus sich hervorgehen zu lasse», und vor allem Charaktere zu erziehen? Ein gesunder Geist und ein offenes, gesundes Gemüth können nur in einem gesunden Körper sitzen. Von diesem Grundsatz ausgehend, ist es erster und vornehmster Zweck des Instituts, gesunde Kinder großzuziehen. Und das; dieser Zweck auch wirklich erreicht wird, dafür sorgt schon die frische Landluft, die die Kinder einathnien, die gesunde, einfache Kost, die ihnen verabfolgt wird, und die körperliche Bewegung, zu der reichlich Gelegenheit geboten ist. Aus allen Theilen Deutschlands stammen die vor Gesundheit strotzenden Jungen her, der eine mit der Absicht, Schlächter, der andere mit der Absicht Tapezier, Schlosser oder Tischler zu werde», die meisten aber mit der Neigung, sich der Landwirthschaft oder der Gärtnerei zuzuwenden. Daß sich bei den meisten der Kinder die Liebe zur Bodenkultur festsctzt, ist gar nicht zu verwundern. Ueberall, wohin sie sehen, erblicke» sie ja weiter nichts, als was die gütige Natur und des Menschen fleißige Hand geschaffen hat. Wie manches Blümchen und Reis haben sie im keimenden Frühling nicht selbst gepflanzt, und es gehegt und gepflegt und im Wachsthnm liebevoll beobachtet bis es sich zu schöner Pracht entfaliete! Wer so von Kindheit an die Natur betrachtet, der muß sie lieb gewinnen, und wer die herrliche Natur mit ihren ahnungsvollen Kräften liebt, der muß ein guter Mensch werden. Nun ist es ja nicht der Eindruck der Natur allein, der auf die Zöglinge in Ahlem lvirkt, — wer wüßte cs nicht, wie die menschliche Seele gelenkt und gezogen werden kann durch oft ganz unscheinbare Ereignisse! Es wäre daher auch aus diesem Grunde nichts verkehrter, als wenn die Erziehungsanstalt in Ahlem grundsätzlich ihre Zöglinge nur für die Bodenkultur heranbilden wollte. Nein, auf die Berufsivahl wird in keiner Weise eingewirkt, in dieser Beziehung wird lediglich der freie» Entwickelung vertraut. Als Erziehuugsinstitut an sich erblickt die Anstalt ihre Aufgabe lediglich darin, zufriedene Menschen, gesund an Körper und Geist, und weiter: Charaktere heranzuziehen. In dem Liberalismus, welcher durch die ganze Anstalt weht, iegt ja schon hinreichend Gewähr, daß die Kinder, die dort ihre Jugendzeit verleben, zu brauchbaren Gliedern der menschlichen Gr sellschaft heranreifen. Das ist eben das Kindliche, der Frohsinn, der überall, in jedem Eckchen lagert, die Liebe, die die Kinder leite! und den Sinn zum Erkennen öffnet des Guten und Bösen, Schäd lichen und Nützlichen. In dieser Richtung halten wir es auch fli außerordentlich werthvoll, daß die Lehrlinge mit ihren Lehrern o: den Abendstunden wieder vereint sind, wenn des Tages Last und Hit getragen ist. Und leicht ist der gärtnerische oder landwirthschaftlich Beruf wahrhaftig nicht. Zunächst genießen die Lehrlinge allabendlich zwei Stunde: Fortbildnngsschulunterricht, wobei Rechnen, Deutsch, Physik un Chemie die Hauptlehrfächer sind, doch wird auch Geographie, Botani und Gartenbaukunde gelehrt. Selbstverständlich gehört auch fachliche Zeichnen mit dazu. Neben diesen der elementaren Bildung g^ widmeten Stunden und Lehrfächern ist nun für den Freitag ei: absolut zwangloser Diskntirabend angesetzt worden. Wir scherzenicht: es handelt sich hier um wirkliche Vorträge und anschließend Debatten, wobei die 14—18jährigen Lehrlinge die Redner sind Zur Anleitung und Belehrung wohnt der Hauptlehrer diesen ihnsehr genußreichen Abenden bei. Ist der Zweck dieser Vortrüge auch mehr ein unterhaltender abgesehen von dem bildenden Zweck für den Redner, so gelange, doch auch Themata zur Erörterung, die den Theitnehmern de, ganzen Ernst des Lebens und der Anforderungen, die dasselbstellt, nahe rückt. Hierher gehören Vorträge, wie „über das Abfallen der Blätter", „der Gärtner — ein Künstler" (eine philosophische Deduktion), „meine Arbeiten bei den Rosen", „über den Einfluß des Lichtes ans die Pflanzen", „meine Arbeiten i> den Gewächshäusern während des letzten Winters", ». s. w. Es iß klar, daß durch diese Vortrüge die Lehrlinge sich in ihren Bern, vertiefen, daß sie vor allen Dinge» begreifen lerne», warn», die einzelnen Vorschriften und Maßnahmen z» beachten sind. Diese Debattirabende bieten aber noch mehr. Wenn eine Reihe von Abenden lediglich die Zöglinge ihre Ehre darin gesetzt haben möglichst erschöpfend und in angenehme» Formen das ihnen gesetzte Thema zu behandeln, dann setzt auch bisweilen der Hanptlehrc, ein mit einem Vortrag über Verfassungsleben. Er schildert seinen jungen Zuhörern dann, wie sich das große Vaterland zergliedert und welche Pflichten der einzelne Staatsbürger zu erfüllen hat. Wem dann am letzten Ende auch die Hörer das große Getriebe des staal lichen, in seinen vieltausendfältigen sozialen, wirthschastlichen und politischen Fragen zerfallenden Lebens nicht voll begriffen haben, wenn sie auch nur ahnen, daß das Vaterland ganze Männer ge braucht, und daß das große Interesse des gemeinsamen Vaterländer es verlangt, sich zu einem tüchtigen Vertreter seines Berus heranzubilden, daß es neben den eigenen persönlichen Interessen voll höhere Interessen, herrliche Ideale zu verfolgen gilt, dann lieg: in diesen wenigen Stunden dennoch ein großer Segen. Das ist das Geheimniß, welches die Erziehung zn lösen Hai: freundliche und doch stolze, bescheidene und doch selbstbewußle Männer, kurz, Charaktere heranzubilden, und daß diese Aufgabe von der Erziehungsanstalt in Ahlem bei Hannover erfüllt wird, davon geben die getroffenen Maßnahmen, unterstützt von der Für sorge der Beamten, des edlen Stifters und anderer uneigennütziger Männer hinlänglich Bürgschaft. Es liegt uns ein Aufruf vor, welcher von hervorragenden Männern aus Berlin, Frankflirt a. M., Hamburg, Hannover und andern Orten Nord- und Süddeutschlands unterschrieben ist und zu privaten Spenden auffordert. Wir haben nach dem Gesagten zu diesem Aufruf nichts hinzuzufügen, bemerken nur noch, daß derjenige, welcher

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