Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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>9. Jahrgang. Ar. 20. Allgemeine Krrlin. 17. Mai 1895. eitung öes Dudmthums. Ern unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. ° Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, ) Postoder direkt von der Expedition in Berlin; unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. i Redacteur: Guftav K arpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig PhiUppson-Gonn. Verillgs-GrprLltion: Berlin, Ferufalemerflr. 48/49 Alle Zusendungen sllr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Verufserziehung oder Charaktererziebuncr? — Die Woche. — Ein Vorschlag. Von Fritz Stier-Somlo. — Briefe aus der Türkei, ^on Bernhard Stern. — Die Juden in China. Von Willi Cohn. — Aus dun Leben König Karls von Rumänien. H. Von Theodor Braun. — Aus Ai. Veits Nachlaß. VI. Von Prof. Tr. Ludwig Geiger. — Feuilleton: 'dufgegangene Saat. Von Jenny Hirsch (Forts). — Litterarische Mitcheilunaerr. — Sprechsaal. Der Gemeindedole. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Bromberg. Hamburg. Hildesheim. Landau, Oels. Wim. — Bon Nah und Hern. — Miseetteri. Berufser;ieh«ng oder Charakterrrüehnng? Berlin, 14. Mai. §rflge, wie es anzufangen ist, den Juden ein lebhaftes ^§8% Interesse auch in denjenigen Erwerbszweigen anzueignen, in welchen sie bis jetzt noch verhältnißmäßig wenig vertreten!!»d, ist u. A. auch in diesen Blättern bereits vielfach und eingehend erörtert worden. Wenn wir gleichwohl die Aufmerksamkeit der freundlichen Leser noch einmal auf diese Erziehungsfrage lenken, m verfolgen wir dabei lediglich die Absicht, die Verhandlungen zu eesumiren, damit in dem Eifer, gut und fördernd zu wirken nicht die Hauptsache übersehen wird. Vor Allem und zunächst ein Punkt: Es wird unendlich viel geschrieben und noch unendlich viel mehr gesprochen von de» ackerbautreibenden Juden in Palästina und gesagt, man niüsse lese Lieblingsbeschäftigung der Agrikultur den heutigen Inden wieder anerziehen, damit den Judengegnern nun auch in der Thal aer Beweis erbracht würde, daß lediglich der Einfluß der Gesetze >er Jahrhunderte es vermocht hat, die Juden von ihrer eigentlichen rationalen Beschäftigung, dem Ackerbau, zurückzuhalten. Nichts ist erkehrter als dieses Leitmotiv. Mit welchem Recht will die Majorität von einer kleinen Minorität verlangen, daß sie das Opferlamm stir die Erstere abgebe? Menschlich edel wäre eine solche Selbstverleugnung zweifelsohne; aber wenn es Selbstverleugnung kostet, ine gegebene Minorität einem Berufszweige zuzuführen, dem sie rächt mit ganzem Herzen und voller Hingebung zugethan ist, staubt man wirklich, daß solch ein Opfer sich nicht bitter rächen würde? Und welch weitere gefährliche Konsequenz versteckt sich nicht hinter diesem Verlangen! Weil wir Deutsche sind, auf deutscher Erde geboren, in deutscher Sprache, deutschen Sitten und deutschen Gebräuchen erzogen, dem deutschen Vaterlande, juristisch dein „deutschen Reich" angehören und auf Grund rechtlicher Normen, deshalb ist es uns nicht einleuchtend, mit welcher Berechtigung mau mit diesen uns zur Seite stehenden gesetzmäßigen Rechten nun noch eine Berufswahlpflicht fürunskonstruiren will, weil wir zugleich Juden sind! Wir sagen nochmal, daß derjenige, der angesichts der antisemitischen Strömung sich zum Opferlamm darbietet und einen Beruf wählt, der nicht seiner Neigung entspricht, vielleicht edel handeln mag, aber Ethik liegt für die übrige Judenschaft, die solch ein Opfer verlangen und annehmen kann, wahrhaftig nicht darin, und volkswirthschaftlich ist dieser Standpunkt geradezu ein Nonsens. Um Gotteswillen hüte man sich vor der Sucht, statt Kaufleute Bauern zu erziehen! Die Berufswahl ist ein Privilegium desjenigen, den es angeht, und wenn der Junge Kaufmann werden will, dann wäre es ein Verbrechen, ihn davon abzuhalte», wie es andererseits ein ebenso großes Verbrechen wäre, einen Jungen, der Lust hat Gärtner zu werden, nun gewaltsam dem Kaufmannsstande zuzuführen, weil das vielleicht etwas „feiner" ist. Soweit hierbei das Familienleben in Betracht kommt, ist es ja selbstverständlich, daß verständige Eltern nach den vorstehenden Maximen verfahren; soweit aber Erziehungsinstitute in Frage kommen, die lediglich dem Bemühen, den Kindern der Armen und den Verwaisten einen Hort zu schaffen, ihre Entstehung verdanken, ist es »othwendig, festzustellen, daß auch von diesen Anstalten das Prinzip der individuellen Berufswahl mit peinlichster Gewissenhaftigkeit gehütet wird, und daß es lediglich Ziel derselben ist, tüchtige, selbstständige und achtungswerthe Männer für das Leben heranzubilden. Daß nun im Allgemeinen für einen Knaben, der nicht durch besondere Gaben und Fähigkeiten sich für den Kaufmannsstand oder für den gelehrten Beruf qualisizirt, zumal wenn er nicht beniittelt ist, es am zweckmäßigsten ist, wenn er zum Handwerker oder zum Ackerbauer herangebildet wird, betrachten wir als einen durchaus richtigen Standpunkt. Denn einem unbemittelteil Handwerker bietet sich bei Sparsamkeit und Fleiß viel leichter die Möglichkeit, sich selbstständig zu machen, als einem Kaufmann; und wenn ein Kaufmann, von welchem heutzutage eine ganz besondere Fülle von Intelligenz verlangt wird, nicht hervorragend fähig ist, dann wird er es nie zu einer tüchtigen und geachteten Stellung bringen tönnen. Es ist aber nicht nur Aufgabe einer verständigen Erziehung, der ausgesprochenen Neigung eines Zöglings zu willfahren, — wesentlich ist noch, daß die Erzieher ihre Schützlinge auf ihre Veranlagung hin genau beobachten und die unbewußte, instinktive Neigung des Kindes zu dieser oder jener Thätigkeit nach Kräften zu fördern sich bestreben. Von einem gewissenhaften Erzieher, der seine Kinder lieb hat — und derjenige, der keine Liebe zu Kindern hat, sollte kein Erzieher werden — muß man dieses verlangen, denn das Bewußtsein einer unterdrückten Neigung im später» Alter muß nothwendig jedes Lebensglück und jede Zufriedenheit zertrümmern. Wenn also nach all' dem Gesagten von einer eigentlichen Berufserziehung keine Rede sein kann, wenn es vielmehr lediglich