Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1895)
- Date
- 1895-05-10
- Page
- Seite 228 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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228 verunglückten Dampfers sichtbar. Mir selbst war dies Alles ganz egal; mich peinigte nämlich ein solch heftiger Zahnschmerz, daß ich völlig stumpf gegen alle Wahrnehmungen von außen wurde; hatte ich doch an den inneren genug. Da bohrte und klopfte es in meinem Kinnbacken, daß ich das ganze Register spanischer Fluchworte, a» die man sich leider bald gewöhnt, aufbranchte. „Tarifa" ertönte es Plötzlich aus dem Innern des Wagens, „der südlichste Punkt Europas!" Aber ich kümmerte mich den Teufel um Tarifa oder Europa. Für mich existirten nur die beiden verfluchten Dinger in meinem Kiefer und die satanische Art und Weise, wie sie sich bemerkbar machten. Ein Mitreisender — es tvar ein Mann mit feiugeschnittenen Zügen, intelligent, den Stubenhocker und Gelehrte» verrathend — fragte mich nach dem Grund meines Unbehagens, und ich war froh, wenigstens einer menschlichen Seele mein Leid klagen zu dürfen. „Ich bin Arzt; wollen Sie mir einmal den kranken Zahn zeigen?" sprach der Fremde in gutem Spanisch. Nach kurzer Untersuchung meinte er, die beiden Zahnruinen, die Wurzeln des Uebels, müßten entfernt werden, wenn ich wieder Ruhe haben wollte. Mich packte der Ingrimm gegen die elenden Trümmer, die mir so schmählich das Leben in dieser herrlichen Gegend vergällten; auch flößte mir der artige Arzt Vertrauen ein — kurz, ich entschloß mich zur Operation auf der Stelle. An einem Küstenwächtcr-Häuschen, hart am Kap Tarifa, ließen wir den Postwagen halten. Ich stieg mit dem Arzt aus, und in der Bretterbude des armen Wächters setzte ich mich auf die Marterbank. Mit bewundernswerther Geschicklichkeit lind Eleganz waltete der Arzt seines Amtes. In großem Bogen warf ich die Trophäen der ärztlichen Bemühung in die schäumende See und — meinen Schmerz mit ihnen. — Es war mir nach kurzer Zeit wieder pudelwohl. Jetzt sah ich erst wieder die Wunder der südspanischen Meeresküste mit allen ihren Farbenzanberil. Jetzt konnte ich wieder lachen und scherzen. Meinem Retter in der Roth hätte ich mögen um den Hals fallen. Ich bestürmte ihn mit Dankes- und Lobesworten. Ein Honorar lehnte er kurz und entschieden ab. „Auf der Reise durchs Leben muß Eilier dem Andern helfen," meinte er knapp und trocken. Ich gab ihm meine Karte mit der Bitte, mich in Madrid zu besncheil und mein Gast zu sein. — Mein Name, welcher meine Abstammung von dm „Söhnen Lcvi's"^) deutlich verrieth, schien auf den Mann einen überraschenden Eindruck zu machen. In einer gewissen Erregung fragte er mich nach meiner Heimath, und als ich ihm das schwäbische Städtchen am Fuße des Hohenzollern nannte, war sein Erstaunen noch größer geivordeu. Der Mann entpuppte sich dann als Rabbiner und Schriftsteller, der auch — nach Art der alten jüdischen Theologen in Spanien — medizinischen Studien obgelegen und, wie es mir schien, eine ausgebreitete Praxis hat. Er war zu einem Schwerkranken nach Eouil berufeil worden und kehrte nlin wieder nach Hause zurück. „Hoffentlich sehen wir uns bald in dem neuen jüdischen Reich in Palästina! Das möchte ich noch erleben, dann will ich gerne sterben," meinte der merkwürdige Mann. Ich entgeguete mit aller Schonung, daß ich meine deutsche Heimath über Alles liebe und deshalb seinen Wunsch nicht theilen kömre. Das fand er unbegreiflich. Als ich ihm vollends sagte, daß ich voriges Jahr zu dem besonderen Zweck nach Deutschland gereist sei, um meiner Militärpflicht zu genügeu, da verrietheu seine Züge tiefe Wehmuth. Dann legte er mir die feinen Hände segnend aufs Haupt und murmelte ei» hebräisches Gebet. Vielleicht beschwor er die Dämonen des Anti- Zionismus in niir. Es war Nachts 10 Uhr geworden, als wir todtmübe, gerüttelt und geschüttelt, vor der lonäa italiana ir, Algeciras anlangten, wo wir uns trennen mußte». Lange noch werde ich an die südspanische Post, an den spanischen Wunderrabbi und seine Zahnoperatiou am Kap Tarifa denken. Spverhfaal. Geehrter Herr Redakteur! & Nr. 16 der „Allg. Zeitung des Judenthums" macht Herr Mai Stein-Berlin eine Mittheilung über die geringe Benutzung der Rohrschen Handwerkerstiflung in Posen und führt im Anschlüsse daran Klage darüber, daß in den Kreisen unserer Glaubensgenossen dae Handwerk so sehr vernachlässigt werde. Wenn es vielleicht auch wahr ist, daß das Handwerk bei uns noch immer nicht die Beachtung und Berücksichtigung findet, die ihm gebührt, so war ich doch über diesc Mittheilung einigermaßen verwundert, da ich schon die Erfahrung ge macht habe, daß die zur Beförderung des Handwerks unter den Juden ins Leben gerufenen Stiftungen so sehr in Anspruch genommen werden daß sie gar nicht allen Gesuchen zu genügen im Stande sind. Um nur Gewißheit zu verschaffen, und zugleich um den an Geldüberfluß leidenden Herren ein bischen auf dix Beine zu helfen, wandte ich mich an ein Mitglied des Kuratoriums und erhielt allerdings einen Bescheid, der die Sache in einem wesentlich anderen Lichte erscheinen läßt, nämlich: 1. Die Stiftung ist laut Statuten nur für Petenten bestimmt, die in Jarotschin, Posen oder Bojanowo heimathsberechtigt find. 2. Auch aus diesem engen Kreise ist an Gesuchen nie Mange! gewesen. Da von Seiten des Kuratoriums eine Richtigstellung in der letzten Nummer nicht erfolgte, erlaube ich mir, diese meine Erfahrungen Ihnen zur Verfügung zu stellen. Sie thun vielleicht ein gutes Werk, wenn Sie etwas davon veröffentlichen: einmal, damit unsere Glaubensgenossen doch nicht unnöthig in einem schlechteren Lcchte erscheinen, als sie es verdienen, und dann, damit Andere nicht erst überflüssige Hoffnungen hegen und sich unnöthige Schritte ersparen. Czarnikau, im Mai. Ihr ergebener 8. F. * Sehr geehrter Herr Redakteur! ^^ielleicht würden Sie die Güte haben, in Ihrem geschätzten Blatte eine Anregung zur Gründung eines Hilfsvereins, verbunden mit Stellennachweis für kaufmännische Angestellte jüdischen Glaubens zu veröffentlichen. Angesichts der Zunahme der anti semitischen Bewegung in kaufmännischen Kreisen und der Ueberschwemmung jüdischer Geschäftshäuser mit christlichen Angestellten, dürfte nunmehr ein derartiger Verein für Berlin unentbehrlich sein. In der Hoffnung, obige Bitte nicht unerfüllt zu sehen, zeichne Berlin, 2. Mai. Hochachtend B. L. * Hochverehrter Herr Redakteur! haben wohl die Liebenswürdigkeit, in der nächsten Nummer der „Allg. Zeitung des Judenth." durch Abdruck dieser Zeilen zu bestätigen, daß die „Briefe aus Böhmen", deren ersten die Nr. 16 Ihrer verehrten Zeitschrift veröffentlicht, nicht von dem Unterzeichneten Verfasser der „Böhmischen Briefe" I —VIII sind, welche die „Mg. Ztg. d. Judth." in den letzten Jahren veröffentlichte. Hochachtend Prag, 3. Mai. Dr. A. Kisch.!) Der Verfasser ist der Sohn des bekannten Lehrers und Rabbinatsverwesers Levi in Hechingen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.