Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1895)
- Date
- 1895-05-10
- Page
- Seite 226 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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226 „Welche?" cntgegnete May mit traurigem Lächeln. „Können wir unfern Arbeitern verbieten, in ihrer Mußezeit eine gewiß polizeilich angemeldete und genehmigte Versammlung zu besuchen?" „Aber wenn sie dort bis zn Thätlichkeiten aufgcreizt werden?" „Das darf ich nicht im Voraus annehmen, und geschieht cs doch, so müssen mich die Behörden schütze»; »och bin ich nicht für außerhalb des Gesetzes stehend erklärt." „Dann erlauben Sie mir wenigstens, daß ich hingehe und de» Lügen und Verleumdungen, die man gegen Sie Vorbringen wird, gebührend entgegentrete." „Ich habe Ihnen weder etwas zu erlauben, noch zu verbieten, ihnen Sie, tva? Sie für recht finden," antwortete May, dem treuen Manne die Hand reichend. Nachdem Leonhard ihn verlassen, begab er sich zu seinen Töchtern, die er heute zum ersten Male nach den gemachten trüben Erfahrungen wieder heiter und in lebhafter Geschäftigkeit nntras. Es war ein Freitag, und für eine spätere Nachmittagsstnnde stand die Ankunft der beiden Brüder bevor. Max, der jüngere, hatte Urlaub erhalten, Julius, der ältere, sich vom Geschäft frei gemacht, um den Sonnabend und Sonntag mit dem Vater und den Schwestern zu verleben. May brachte cs nicht übers Herz, ihre Freude durch die Mittheilung der soeben empfangenen Nachricht zu störe». „Was geht sie im Grunde diese Versammlung an?" sagte er sich, „sie brauchen garnichts davon zu erfahren. Sie gehen heute nicht in die Stadt, und ich werde Frau Schmidt verbieten, ihnen etwas davon zu erzählen." Seine Vorsicht erwies sich als vergeblich, denn beinahe das erste Wort, lvelches Julius sprach, nachdem er aus dem Wagen gestiegen war und den Vater und die Schtvestern begrüßt hatte, war: „Wißt Ihr, mit wem wir in demselben Zug von Berlin nach Liebau gefahren sind? Mit dem berüchtigten Walberg." „Er wurde am Bahnhof von einem ganzen Schwarm Verehrerin Empfang genommen; cs war ein Höllenspektakel," fügte Max hinzu. „Wir wurden auch mit einigen Ehrentiteln begrüßt. Ich hatte Lust, blank zu ziehen." „Ja, ich habe ihn mit Gewalt zum Wagen geschleppt; wenn der Junge in der Uniform sich zu einer Unbesonnenheit hinreißen ließ, man weiß nicht, welch ein Unglück es geben konnte!" sagte Julius. „Man muß dergleichen an sich abgleiten lassen wie Regen." „Wer das könnte!" murmelte Max und ballte die Fäuste. IV. „Nun ist es aber genug; habt Ihr Euch wirklich nichts weiter zu erzählen als von dieser Schmach des scheidenden Jahrhunderts?" sagte Emanuel May, der nach beendetem Abendessen im Kreise seiner Kinder saß. Die jungen Mädchen hatten den Brüdern ihre Erlebnisse erzählt, Max die seinigen in der Garnison berichtet und Julius Gehörtes und Gelesenes mitgetheilt, während May nur mit großer Zurückhaltung von dem gesprochen, was sich unter seinen Arbeitern zugetragen hatte. Ec mochte nicht Oel ins Feuer gießen und sparte sich eine eingehende Unterredung über die fatale Angelegenheit mit seinem ältesten Sohne und Geschnftstheilnehiner für den nächsten Morgen auf. „Setze Dich ans Klavier. Mar, und begleite Rosy," sagte er ablenkend; „singe mir „Ueberm Garten durch die Lüfte"! Ich habe das lange nicht gehört." Ein Wunsch des Vaters war den Kindern Befehl. Die Kerzen am Flügel wurden angezündet und die Noten aufgelegt. Max setzte sich an das Instrument und begann das Vorspiel; noch hatte Rosy aber nicht die erste Note gesungen, da wurde die Thür des Zimmers aufgerissen und mit schreckensbleichem Gesicht stürzte der alte Leonhard herein. „Herr May — Herr May! Um Gottes willen. Sie sitzen hier so ruhig und — und —?" Die Stimme versagte ihm, er rang nach Athem. Sie wollten Alle gleichzeitig mit Fragen auf ihn einstürmen. May winkte ihnen, den alten Herrn sich erst erholen zu lassen, Lina schob ihm einen Stuhl hin und füllte schnell ein Glas mit dem noch auf dem Tisch stehenden Wein, das sie ihm an den Mund hielt. Ertrank ein paar Züge und sagte dann: „Hören Sie den Tumult? Sie kommen." „Wer?" fragten May und seine Söhne. „Wer anders, als die unvernünftigen Menschen, die von den Hetzpredigern bis zur Tollheit gegen Sie aufgereizt sind? Ihre Arbeiter, die Arbeiter anderer Fabriken, Bethörte und Gesindel, das überall dabei ist, wo es Skandal giebt, Alles durcheinander. Sie haben mich beinahe gelyncht, als ich wieder ein Wort zu Ihren Gunsten sagen wollte. Mit genauer Noth bin ich ihren Händen entwischt und voran gelaufen. Hören Sie noch nichts?" Er lauschte in die Nacht hinaus. „Was wollen sie denn?" fragte Lina. „Plündern, zerstöre», sengen, brennen! Was weiß ich!" jammerte Leonhard. „Oho, so weit sind wir noch nicht, wir sind auch noch da!" rief Max May cmporfahrend. „Mit Ihnen, Herr Leonhard, sind wir hier vier Männer; die Werkmeister, der Kutscher, der Gärtner kommen hinzu, und alle Arbeiter werden uns doch nicht treulos sein. Hast Du keine Waffen, Vater?" „Dll weißt recht gut, daß ich Waffe» nicht besitze," erwiederte May. Er war kein Sportsmanu und hatte sich inmitten seiner Arbeiter stets so sicher gefühlt, daß er nie darauf bedacht gewesen war- Vertheidigungsmittel zur Hand zu haben. Max brummte unmuthig vor sich hin, und der Vater fuhr fort: „Es ist vielleicht besser so; ich möchte nicht, daß von unserer Seite mit Blutvergießen begonnen würde. Es muß uns doch von außen Hilfe kommen. War denn die Versammlung nicht überwacht?" „O doch, aber man ließ die Redner gctvähren," sagte Leonhard. „So muß die Behörde jetzt einschreiten, wenn —" Das Wort erstarb ihm im Munde. Man vernahm ein dumpfes Getöse, das mit jeder Minute stärker anschwoll und sich immer deutlicher als das Schreien und Johlen eines sich heranwälzenden Menschenhaufens erwies. Schreiend und jammernd stürzte Frau Schmidt ins Zimmer, gefolgt von dem aus Berlin mitgebrachten Stubennrädchen, welches schluchzte: „Das hat man nun davon, meine Mutter hat mich gleich gewarnt, zu Juden zu ziehen." „Schweigen Sie und helfe» Sie schnell die Lüden schließen!" gebot Julius. Ehe dies geschehen konnte, flog schon ein Stein durch die offenstehende Balkonthür, welcher indes; zu kurz geworfen war und Niemand traf. Ein paar andere folgten. „Geht in das Mittelzimmer, Kinder!" gebot May und schritt ihnen dahin voran. „Sie haben es zunächst auf die Fabrik abgesehen!" rief Julius, der scharf hiuausgelauscht und etwas wie ein Kommando vernommen hatte. „Schnell dorthin!" schrie Max. „Herr May, es ist nutzlos, die Uebermacht ist zu groß!" stellte ihm Leonhard vor.