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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-10 · Heft 19 (10.5.1895) · p. Seite 224

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 19 (10.5.1895)
Date
1895-05-10
Page
Seite 224 (sequence 10)
Language
German
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224 Mimischen Leben befähigte. Er scheint es Anfangs mit der wissenschaftlichen Laufbahn versucht zu haben. Wenigstens finden wir ihn 1708 in Leyden, wo er für den nachnials an die Universität Frankfurt an der Oder übergegangenen, durch seine Schriften über die hebräische Accentlehre bekannten Philipp Ouseel34) eine hebräische Darstellung der Kabbala in 22 Kapiteln unter dem Titel: NQ2N ausarbeitete.33) Von hier scheint er in den Dienst des polnischen Residenten in Halberstadt, Berend Lehmann, als Sekretär, Uebersetzer und Kassirer, wie wir ihn in dem Cessionsinstrument an Linange bezeichnet finden,3a) übergetreten zu sein. Vielleicht hat er als solcher die Interessen dieses großen Handlungshauses in Amsterdam vertreten. Jedenfalls war es hier, wo er mit Langallerie und Linange in Verbindung trat. Seine gelehrten Neigungen wie seine finanziellen Fähigkeiten mögen ihn in gleicher Weise in Beziehung zu diesen Aufsehen erregenden Abenteurern gebracht haben. Ein Zeugnis; seines lebhaften Interesses für alle religiöse» Vorgänge ist uns noch in der Abschrift der Briefe R. Gabriel Eskelcs' ans Nikolsbnrg und R. Samuel Aboabs in Venedig gegen Chajjun aufbewahrt, die er sorgsam im Jahre 1713 in sein Notizbuch einhestete34); offenbar stand er mit seiner Ueberzeugung ans Seiten R. Zewi Aschkenasis gegen die aufwieglerischen Tendenzen des sabbathianischen Sendlings Chajjun. Seine Kenntniß der französischen Sprache wird Alexander den Umgang mit den französischen Kavalieren erleichtert habe», mit denen er bald in die innigsten Beziehungen trat. Ein Brief Beider aus dem Haag vom 25. April 1716 an ihn zeigt3"), das; nicht nur er selber, sondern auch sein damals noch lebender Vater und sein Bruder eine lebhafte Verbindung mit dem Abenteuercrpaare unterhielten. Daß es nichtein rein akademisches Bündniß war, das Alexander mit ihnen verband, zeigt das am 6.Mai 1716 vor dem Notar Marolles in Amsterdam ausgestellte Instrument einer Cessio», durch die der frühere Sekretär Berend Lehmanns seine Forderungen an diese» dem Landgrafen von Leiningen, dem Großadmiral der Theokratie vom göttlichen Worte, Linange übertrug. 25,360 holländische Gulden hatte Alexander bei Lehmann zu fordern. Diese sollte nun Linange durch die auf ihn vollzogene Uebertragung zu Geld machen können und für den Betrag Alexanders Schuldner werden. Alexander machte sich aber auch bei der Ausstattung der beide» Ritter nützlich, die jetzt darauf bedacht sein mußten, ihrem neuen Stande gemäß auftreten zu können. So finden wir denn in seinem Notizbuch, in dem er auch sorgfältig alle Titel des Marquis von Langallerie verzeichnet, auch die Eintragung, daß er für seine hochfürstliche Durchlaucht Prinz von Chabanois und Landgraf von Leiningen zwei kupferne Kannen mit allem „Zugehörsel" für 500 holländische Gulden von Manasse Mendes da Costa erstanden habe 30). Tiefer aber als alle diese Aeußerlichkeiten führt uns die Thatsache, das; wir in dein Notizbuche des jüdischen Grammatikers und Korrespondenten den geheimen Vertrag der beiden Himmelsstürmer mit dem türkischen Staatsmanne in authentischer Uebersetzung und, was bisher gar nicht bekannt war, die Uebersicht des neuen Hofstaates, der da errichtet werden sollte, in Abschrift finden, 3T) in die 3I) Steinschneider, bibliographisches Handbuch 106. 3-'J Wolf, bibliotheca hebraica III., Nr. 308 c. s3) S. pieces justiticatives Nr. 4. (Revue a. a. O. p. 210.) 34) S. Kaufmann in etl- Fuchs II, 8 ff. 36) S. Pieces justificatives Nr. 2. (Revue a. a. O. p. 208.) 3Ö) Ib. Nr. 5 a a. 0. p. 210. 37) Ib. Nr. 3 a. a. D. p. 209 f. Natur dieser engen Beziehungen zwischen Langallerie, Linange und Alexander Süßkind ein. Trotz der oft fehlerhaften Gestalt, in der uns der Vertrag in dieser Abschrift entgegentritt, zeigt er in seiner größeren Knappheit, Sachlichkeit und abweichenden Uebersetzung, daß er wirklich aus dem Originale selbst geflossen ist, das nach der Angabe der Memoiren italienisch abgefaßt gewesen sein soll. Die Abschrift des bereits am 9. Mai 1716 fertiggestellten Entwurfes über den Hofstaat der neuen Theokratie bereichert das Bild, das wir von diesem Narrenunternehmen bereits hatten, um neue Züge. Wir erfahren, daß neben den beiden Oberhäuptern ein drittes zur Würde des Seneschalls ausersehen war, und daß diese Drei nach dem Bilde der Dreieinigkeit eine Einheit bilden und darstellen sollten. Besser als auf den himmlischen Theil ihres Geschäftes verstanden unsere Religions- und Staatengründer sich jedenfalls ans den irdischen, da es ihr Hofstaat, wenn er nach ihren Gelüsten zu Stande gekommen wäre, mit dem jedes Potentaten hätte ausnehmen können. Ich will nicht mittheilsamer sein als meine Quellen, ich kann aber die Vorstellung nicht unterdrücken, als wäre unser Alexander Süßkind zum Schatzmeister der neuen Theokratie, wie er mit dem Sitze in Amsterdam ausdrücklich im vierten Punkte der Aufstellung des neuen Hofstaates vorhergesehen ist, bereits ins Auge gefaßt und vielleicht gar ernannt gewesen. Der Inden wird in dem Vertrage mit der Türkei nur im achten Artikel gedacht, wo auch für sie freie Niederlassung und Religionsübung in den Staaten des Sultans ohne besondere Abgaben zur Bedingung gemacht wird, der einzige geschichtliche Niederschlag der angeblich so engen Beziehungen, die Langallerie mit den Juden so vieler Gemeinden unterhalten haben will. Soll ich auch noch den Ausgang dieses Mummenschanzes erzählen? Er konnte nicht anders als jämmerlich sein. Man hatte beschlossen, erst noch eine Reise durch Deutschland anzutreten, in» einflußreichen Persönlichkeiten daselbst Mittheilung von dem Abschlüsse des weltbewegenden Vertrages zu machen 3j). Man schiffte sich nach Bremen ei», wo Langallerie von Linange sich trennte, um auf dem Landwege nach Hainburg zu gehen. Aber schon in Stade 33>, das er einst als General August des Starken hatte in Brand stecken und einäscheru helfen, ward Langallerie von kaiserlichen Soldateii festgeuommen und für verhaftet erklärt. Sei» Gefolge, das aus etwa zwölf Personen bestand, wurde eiitlassen, er selbst mit seinem Kammerdiener, dem Schweizer Mulher, nach Wien eskortirt, wo er als einstiger österreichischer Feldmarschall-Lieutenant vor das Forum des Hofkriegsrathes gezogen und in den Kerker gesetzt wurde4tl) Sein Plan gegen den Papst war entdeckt und erstickt worden, als der erste Rauch aus dem Feuer aufstieg, mit dem er gespielt hatte. Ein Fluchtversuch, zu dem ihm sein Freund Graf de Bonneval behilflich war, mißlang44), er ward in den Kerker zurückgebracht; seitdem soll aber kein Wort und kein Seufzer Uber seine Lippen gekommen sein. Standhaft verweigerte er seit jenem Augenblicke, Nahrung zu nehmen, die man ihm gewaltsam einznflößen suchte, bis ihn am 20. Juni 1717 der Tod seinen Leiden und seinen Erinnerungen entrißt). Der Kriegsrath soll ihm weiiigstcns ein aa) Memoires p. 434. 80; Langalleries Journal in oock. 6968, 6971, 6972 und 6966 der k. und k. Hosbibliothek in Wien (s. tabulae codicum manuscriptorum in bibl. Vindobonensi V, 82 f.) bricht in Stade am 13. Juni 1716 ab. 4,)) P. 435. «) P. 445. 42) P. 448. Marcilly p. 446 giebt den 18. September 1717 als Datum von Langalleries Tode an.

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