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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-10 · Heft 19 (10.5.1895) · p. Seite 222

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 19 (10.5.1895)
Date
1895-05-10
Page
Seite 222 (sequence 8)
Language
German
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222 A Ein Vorschlag;um Vorschlag. Von Dr. Siegmund Feßler, Rabbiner in Halle a. S. -l'Lu dem in der jüngsten Nnnimer dieses Blattes unter der Spitzmarke „Auf der Schule" gemachten Vorschlag möchte auch ich mir erlauben, das Wort zu ergreifen. „Alles schon dagewesen", wie Ben Akiba im Uriel Acosta sagt, oder wie das ältere Bibelwort lautet: „Nichts Neues unter der Sonne". Das läßt sich auch auf den Antisemitismus anwende». Diese beiden Aussprüche enthalten nämlich in gewissem Sinne eine stumme Resignation, ein Sich-fügen in unangenehme, unglückliche Lebensverhältnisse. Wen die Macht der Gewohnheit gleichsam mürbe, gefügig gemacht hat, für den giebt es nichts Neues unter der Sonne, für den ist Alles schon dagewesen! Was immer das Mißgeschick gegen ihn ersinnen mag — ihn sicht es nicht an, ihn überrascht es nicht, ihm ist es nicht neu — er ist abgestumpft durch die Gewohnheit. Diese ist eine tüchtige Erzieherin, und wie Börne sagt: „Selbst die Kerkerlnft ist angenehm, wenn man sich an sie gewöhnt hat!" — weiß sie dem Schmerzlichsten seinen Stachel gu nehmen. Die Gewohnh eit au den leidigen Antisemitismus, der in dem neuen deutschen Reiche herrscht, diese Gewohnheit kann es nur sei», die eine» Pädagogen von der Bedeutung des Herrn Dr. Lhon-Dresden für die Beibehaltung des ursprünglichen Textes des Rückertschen Gedichtes eintreten läßt. Nur die antisemitische Kerkerluft, die im Königreich Sachsen am meisten verspürt wird, hat es ihm angethan, wenn dieser Manu das „Zucken" beim ersten Lesen für ungefährlich erklärt. Daß eine solche Behauptung den Thatsachen nicht entspricht, will ich durch folgendes Erlebniß an meinem eigenen Kinde erhärten. Mein noch nicht achtjähriger Junge besucht die zweite Klasse der Vorschule des Gymnasiums. Vor einigen Monaten hatte er vom Klassenlehrer ex diligentia zu lesen aufbekommen. Es war das in dem für deutsche Volksschulen von Hunger herausgegebene Lesebuch Seite 96 abgedruckte Gedicht „Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt." Da ich, wenn es meine Zeit erlaubt, mich mit meinem Jungen selbst beschäftige, forderte ich ihn auf, mir das Gedicht vorzulesen, was auch geschah. Als er aber an die vierte Strophe kam „Aber . . . ging der Jude durch den Wald" :c., da stockte das Kind, und als es mit sichtlicher Bestürzung die Stelle gelesen, betheuerte es ganz kindlich: „Ja, ja, Papa, hier steht es!" Dieses Stocken des Kindes und diese naive Betheuernng, daß ich ihm glauben möge, es stehe das Unglaubliche wirklich in diesem Buche, schnitt mir in die Seele! Ich las in demselben die ganze Leidensgeschichte unseres Stammes, und die Verzweiflung unserer Jugend schien mir entgegen zu grinsen. Ich ließ das Gedicht zu Ende lesen, ohne etwas zu sagen, setzte mich aber sofort an den Schreibtisch, um die Angelegenheit dem Herrn Stadtschulrath zu unterbreiten. Ich bemerkte ihm, daß es eine pädagogische Taktlosigkeit vom Lehrer sei, dieses Gedicht gerade zum Ueben im Lesen zu geben, falls er seinen Inhalt gekannt, und sollte das nicht zutreffen, so hat er sich einer pädagogischen Unterlassungssünde schuldig gemacht, da der Lehrer erst selbst lesen und kennen muß, was er seinen Kindern zu lesen giebt. Ich bedeute ihm, daß es von den am Talmud nörgelnden Antisemiten eine ungerechte Forderung sei, daß die Juden getvisse Stellen aus dem Talmud, die ihnen unangenehm, ausmerzen oder den ganzen Talinud verbrennen, wenn eine moderne Schulverwaltung es noch immer nicht über sich gewinnen konnte, ein Lesestück ans der Schule zu verbannen, das auf die Kinderseele wie ein geistiger Mehlthau sich legen muß. Wie viele Kinder dürften gleich meinem Jungen anfschreien mit den Worten: »Ja, ja. Papa, hier steht es!" Die Angelegenheit wurde, wie ich von meinem nichtsahnenden Kinde erfahren habe, in der Weise beglichen, daß der Lehrer beim Lesen bemerkte: „Kinder, in manchen Büchern steht nicht „der Jude", sondern „der Kaufmann!" Dem Herrn Stadtschulrath gegenüber, der auf diese Angelegenheit noch später zurückgekommen und der übrigens meinen Standpunkt in dieser Sache getheilt, bemerkte ich: Wir haben heute keine „Juden mit langem Bart und großem Sack", und >ven» es solche gegeben hat, so ist es wahrlich nicht die Schuld der Juden oder des Jndenthums, und für fremde Sünden sollen unsere Kinder nicht bestraft werden! Herr Dr. Lyon möge mir verzeihen, wenn ich »sich auf die Seite des Herrn Seifensieder stelle, der in diesem Punkte entschieden Recht hat. Nichts destoweniger halte ich dessen Vorschlag: „Hinweg mit derartigen Stücken aus unseren Schulen, hinweg mit den Lesebüchern, die derartige Sücke enthalten", für tvenig geeignet, dem bcregten Uebelstande zu steuern, denn nicht um die jüdischen Schulen handelt es sich, sondern um die weit größere Zahl jener Anstalten, die entweder simultan, oder spezifisch-christlichen Charakter (christlichkatholisch oder christlich-evangelisch) haben. Diese werden wenig Geneigtheit zeigen gegenüber dem Vorschlag, die bisher in Anwendung gekommenen Bücher durch andere ersetzen zu wollen. Was den Stachel, der in das Herz unserer Kinder durch ähnliche Lesestücke, wie das in Rede stehende, getrieben wird, wenn auch nicht ganz zerbrechen, jedoch abstumpfen könnte, wäre nach meinem Dafürhalten nur das Eine, wenn wir sie mit dem undurchdringlichen Panzer umgeben und nmgürten würden, der Liebe zmn Jndenthum heißt. Im Hause der Eltern, in allen unseren Kreisen, in die unsere Jugend tritt, darf sie nicht immer ächzen und stöhnen hören über die Unbilden, denen das Judenthum in der Gegenwart ausgesetzt ist, sondern sie muß darauf hingewiesen werden, um wieviel schöneres sei, daß Andere uns gegenüber unedel oder ungerecht sind, als daß wir unedel oder ungerecht sein sollten. Unsere Kinder müsse» uns selber die Begeisterung für das Judenthum, für das echte wahre, schöne und edle Judeuthrnn anmerken, dann werden sie auch begeistert sein. Es muß ihnen durch unser eigenes Verhalten imb freudiges Verharren im Jndenthum klar werden, daß, wer als Jude edel denkt und rechtschaffen handelt, von seiner Ehre nichts einbüßt, ob auch dieser oder jener Flachkopf unsere Ehrbarkeit nicht anerkennen will! Seufzen wir nicht, klagen wir nicht vor den Ohren unserer Kinder, sondern prägen wir ihnen ein das Wort des Nehemia (eap. 8,10): „Seid nicht betrübt, die Freude an Gott und am Göttlichen im Judenthum ist euere Stärke!" Me jüdische Schiachtmethode. Von Regierungsrath Dr. D. H. M a y e r in Karlsruhe. as „Wochenblatt des Landwirtschaftlichen Vereins im Groß- Herzogthum Baden" enthält in seiner Nr. 51 vom 19. Dezbr. 1894 folgende bemerkenswerthe Notiz: „Gefährlich ist der Genuß des Blutes tuberkulöser Thiere. Bollinger hat beobachtet, daß Impfung desselben bei Meerschweinchen Tuberkulose hervorries. Diese Thatsache hat, obgleich Rinderblut kaum als Nahrungsmittel Verwendung findet, gleichwohl praktische Bedeutung, da es kein absolut blutfreies Fleisch giebt, vielmehr bei den üblichen Schlachtmethoden etwa die Hälfte des Blutes im Thierkörper verbleibt. Da aber bei den

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