Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1895)
- Date
- 1895-05-10
- Page
- Seite 221 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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221 gesunde, innerlich kühle Natur, ein feiner Beobachter ohne jene fliegende Hitze und nervöse Reizbarkeit, die unfern Dichtern sonst so eigen ist. Er ließ die Dinge an sich kommen, arbeitete langsam und bedächtig und stand eigentlich immer abseits von der großen Heerstraße der Zeit. Haß und Zorn gegen eine Religion oder eine Rasse waren ihm sicherlich fremd; selbst die Angriffe, die wegen seines Romans gegen ihn erhoben wurden, konnten ihn nicht verbittern. Auch in seinen „Journalisten" hat der Dichter seinem Schmock, einer schönen Seele des modernen Journalismus, jüdisches Gepräge verliehen. Man mochte zugebe», daß es Schmock's ebenso gut wie Beitel Jtzigs unter den Juden gebe, aber es war doch Unrecht, gerade diese Typen aus dem jüdischen Leben zu nehmen, wenn man die Vertreter anderer Typen ebenfalls kannte. Freytag war mit zwei jüdischen Journalisten sehr innig befreundet: mit Jakob Kaufmann, dem er einen so schönen Nachruf gewidmet, und mit I. Knranda, von dem er die „Grenzboten" übernahm. Warum hat er es nicht vorgezogen, solche Charaktere in seinem Roman oder Lustspiel zu schildern? Ist der Dichter also von einer gewiffen Schuld keineswegs frei zusprechen, so wollen wir doch auf der andern Seite gern zugestehen, daß wir damals noch von etwas zu großer Empfindlichkeit gewesen sind, die man uns inzwischen freilich abgetvöhnt hat. Der Tadel traf allerdings mehr den Sitteuschilderer als den Dichter, aber es war doch schon damals jedem Einsichtigen klar, daß ein so ruhiger und gerechter Beobachter der Dinge, wie es Freytag war, im Laufe der Zeit doch auch zu andern Anschauungen über Juden und Judenthum gelangen müsse. Diese Meinung war eine berechtigte, denn nach 15 Jahren erscheint Gustav Freytag geradezu als Vertheidiger der Juden aut dem Plan. Es war im Jahre 1869. Damals wogte der Streit über das Judenthum in der Musik in Folge der gleichnamigen Schrift Richard Waguer's hin und her. Da trat Gustav Freytag in seinen „Grenzbvten" mit einer entschiedenen Erklärung gegen Wagner und für die Juden auf, die nach seinen Auticedenzien hüben wie drüben Verwunderung erregte. Es heißt in dieser Erklärung: „Wir halten gegenwärtig einen ernsten Angriff auf das jüdische Wesen unter uns nach keiner Richtung für zeitgemäß, nicht in Politik, nicht in Gesellschaft, nicht in Wissenschaft und Kunst; denn auf allen diesen Gebieten sind unsere Mitbürger israelitischen Glaubens werthe Bundesgenossen nach großen Zielen, auf keinem Gebiete sind sie vorzugsweise Vertreter einer Richtung, welche wir für gemeinschädlich halten müssen." Freytag führt nun diese Ansicht auf den Gebieten der Politik, des Handels und Verkehrs, der Litteratur und Knust durch und hält den Inden, welche unter der befreienden Wirkung moderner Bildung so große Wandlungen gemacht haben, eine volle Lobrede. Es scheint ihm, daß es ehrlicher und christlicher wäre, „die tüchtigen Seiten des jüdischen Wesens, welche sich in einem langen Jahrtausend der Unfreiheit und Absonderung ausgebildct haben, auf Rechuring ihrer nationalen Kraft zu schreiben, als da eine nationale Unkraft zu schelten, wo die werthvollen Leistungen Einzelner unter ihnen etwa gemeinsame Mangel erweisen." Mit feinem Humor behauptet Freitag schließlich, daß Richard Wagner „im Sinne seiner Broschüre selbst als der größte Jude erscheint", da er in seinen eigenen Werken die Eigenthümlichkeiten und Schwächen, welche er an jüdischen Künstlern tadelte, in höchst ausgezeichneter Weise selbst an den Tag gelegt hat. Mit freudigem Stolze dürfen wir es heute konstatiren, daß diese Anschauung über Juden und Judenthum die grundlegende im Leben Gustav Freytag's geblieben ist bis zn seinem Tode. Es war eine der nichtswürdigen Verleumdungen, in welchen der moderne Antisemitismus so erfinderisch ist, diese Wandlung in den Anschauungen Freytag's über die Juden, welche schon 1869 hervorgetreten, auf persönliche Motive zurückzuführen, die erst mehr als zwanzig Jahre später hätten wirksam sein können. Mit dem Momente, wo die Hetze gegen die Juden von antisemitischer Seite begann, trat Freytag in die erste Reihe derer, die mit dem Vollgewicht ihres Namens und mit guten Gründen für unser Recht eintraten. Im verworrenen Schlachtgewühl der Zeitideen wirkten sein Name und sein Wort klärend und befreiend. Die Erklärung der Notabeln zu Gunsten der Juden hat er zuerst mitunterschrieben. Erst im Jahre darauf hat Gustav Freytag eine Ehe mit einer Jüdin geschlossen, und nun hielt er es auch für eine Ehrenpflicht, gegen die Verleumdung der Juden entschieden aufzutrete». Ja, noch mehr, als sein Stiefsohn in die Schule eintrat, schrieb der deutsche Dichter Gustav Freytag folgenden Brief an den Klassenlehrer der betreffenden Schule: „Lieber, verehrter Herr Reichard! Meinem Stiefsohn, Hans Strakosch, bitte ich den Religionsunterricht durch den israelitischen Religionslehrer ertheilen zu lassen. Wiesbaden, 6. Mai 1892. Dr. Gustav Freytag." Ich verdanke diesen Brief der Güte des Herrn Oberkantors und Religionslehrers E. Traub in Wiesbaden, der diesen Unterricht selbst geleitet hat. Später, als Freytags Sohn das Gymnasium besuchte, hat er daselbst den israelitischen Religionsunterricht empfangen. Der Unterricht im Hebräischen wird in Wiesbaden in der Gemeindereligionsschule ertheilt; Gustav Freytag ließ aber seinem Sohne auch Privatstuuden im Hebräischen u. zw. in seiner Wohnung ertheilen. Es ist uns eine aufrichtige Genugthuung, diese Thatsachen heute veröffentlichen zu können; möchten sie all den saumseligen und indifferenten Eltern, die ihren Kindern keinen Religionsunterricht ertheilen lassen, eine Mahnung zur Umkehr werden! In der Folge ist Freytag »och zweimal an hervorragender Stelle für die Juden und gegen den Antisemitismus ausgetreten. In seiner letzten Psingstbetrachtung 1898 jagt er: „Fast plötzlich ist der Gegensatz zwischen jüdischer und deutscher Art zum Kampfgeschrei und j zum Stichwort politischer Aufregungen geworden. . . . Das Getöse ist; so heftig, daß auch verständige Männer frage», tvas daraus werden! solle. Es giebt darauf nur eine runde Antwort: Nichts wird daraus, j Für den Eifer und Haß der Feindseligen durchaus nichts, Auch dem! tüchtigsten Volke bleiben Erkrankungen des Gemüths nicht erspart, welche, Fiebern und Phantasien vergleichbar, das Urtheil verstören, leidenschaftlichen Haß aufrege». Solche Krankheiten haben in der Regel einen akuten Verlauf, aber die Nachwirkungen werden nur langsam überwunden." Freytag schließt seine Pfingstbetrachtungen mit der Hoffnung, daß „die Botschaft aus Judäa auch den Haß zwischen Konfessionen und Stammbäumen so überwinden wird, daß unsere Nachkommen desselben dereinst lächelnd wie einer alten gej schichtlichen Sage gedenken." \ Nun ist Gustav Freytag todt. Wir aber wollen seine Pfingsl-! botschaft als ein Testameiit des große» deutschen Dichters bewahren l und achten. Es ist nicht wahr, daß die Juden undankbar sind —! im Gegentheil: mit inniger Pietät gedenken sie derer, die je für sie j und ihr gutes Recht eiugetreten sind und bewahren ihre Namen zu . ewigen Gedächtnis; auf. In der Reihe dieser Männer wird der Name j Gustav Freytag immer mit Pietät genannt werden. G. K. 4