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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-10 · Heft 19 (10.5.1895) · p. Seite 220

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 19 (10.5.1895)
Date
1895-05-10
Page
Seite 220 (sequence 6)
Language
German
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220 Der jüdische Wohlthätigkeitssinn, in Italien nicht geringer als in den andern Ländern, hat hier eine stattliche Anzahl von Anstalten ins Leben gerufen: Das wohleingerichtete Krankenhaus, dem erst vor einigen Monaten ein bedeutendes Legat von dem hier verstorbenen Cesare Carmi zugefallen (das demselben eine jährliche Rente von sechs- bis siebentausend Franken sichert), das Asilo Infantile (Jüdischer Kindergarten), die Societa Israelitiea di Arti e Mestieri (Handwerkerunterstützungsverein), die unter der Leitung des Stadtraths Cav. Dott. Ernesto Levi steht, zwei Krankenpflegervereine (Misericordia Israelitiea und Societa di Assistenza ai Malati) die Societa Israelitiea Fiorentina di Mutno Soecorso e Beneficenza, All)ero di Vita (Ez Chajiin, Verein zur Unterstützlmg armer Studenten der Theologie), Ohawe Thora (Verein zur Pflege des Thorastudiums), die beiden letzten in der Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden; Verein Zorclie Methim, welcher der Chewra Kaddiselia in Deutschland entspricht; außerdem eine Reihe wohlthätiger Vereine und Legate, die von dem Consiglio d’Amministrazione verwaltet werden. Gustav Freytag. Ein Nachruf. än dem Manne, welcher am 30. April d. I. in seinem Altersheim zu Wiesbaden die leuchtenden Augen schloß, hat _ Deutschland einen großen Dichter, die Welt einen ausgezeichneten Menschen verloren. An der allgemeinen Klage um den Edlen, der dahingegangen, darf auch das Judenthum theilnehmen. Gustav Freytag gehörte zu den in Deutschland nicht seltenen Männern, die ihr Lebenlang sich mit allerlei Bedenken gegen Juden und Judenthum umhergetragen haben, bis zu dem Momente, wo die ersten Keime einer antisemitischen Strömling in die Erscheinung treten. Von diesem Augenblicke an wurden sie, die mau vordem eher als Gegner anzusehen geneigt war, die wärmsten Vertheidiger der angegriffenen Juden, des verhöhnten Judenthums. Es ist von großem psychologischen Interesse, diese Entwickelung gerade in dem Leben eines, so bedeutenden Mannes wie Gustav Freytag zu verfolgen. Schon in jungen Jahren hat er zu diesen Fragen eine sehr bestimmt ausgeprägte Stellung eingenommen. Als sein Oheim und Lehrer, der Pastor Nengebauer in Kreuzburg, am 16. März 1843 sein 50jähriges Amtsjubiläum feierte, saßen in brüderlicher Vereinigung neben dein evangelischen Geistlichen der katholische Pfarrer und der jüdische Kultusbeamte an der Festtafel. Dieser Anblick inspirirte den damals 27jährigen Privatdozenten zu einer Parabel, die wir als litterarisches Kuriosum im Jahre 1892 (Nr. 14) dieser Zeitung mitgetheilt haben. Der Dichter spricht da von dem Wein aus dem Thale Hebron, dem Lacrymae Christi und dem deutschen Rheinwein, durch die drei müde Wanderer gerettet wurden, und schließt sein Gleickmiß mit folgenden Versen: Und so, Ihr Freunde, kamen drei Arten von Wein In unser Erdenleben hinein. Kennt Ihr den heil'gen Wein? Und jedes Menschenkind kannte die Drei, Doch wer den einen trank. Trug vor dem anderen düst're Scheu. Ihr wißt, das war eine böse Zeit auf Erden. Doch besser und glücklicher sollten wir werden. Heut' seht Ihr eine Tafel sich festlich erhöhen Und alle drei Weine in friedlicher Mischung droben stehen. Nicht wahr, Ihr Herren, die Mischung dünkt Euch gut? — Da fragt Ihr, was die Reben so zusammen gebracht? Das hat die ehrliche, brüderliche Liebe gemacht. Die Liebe, die hoch über den Wolken schwebt. Die Liebe, die in jedem Herzen schlägt. Drum sei auch noch so verschieden der Wein, Alle können wir einig in dem Einen sein. Drum reicht Euch die Hand und hebt den Pokal: Hoch lebe die Bruderliebe beim heutigen Mahl. So, im Geiste Lessiugs, pries der junge Freytag die versöhnend'. Bruderliebe damals als das Evangelium der Toleranz. Zehn Jahre später war er freilich anderer Meinung. Sein Hanptiverk: „Soll und Haben" (1855 erschienen), mag als der beste deutsche Roman, als die Verherrlichung der Arbeit und Tüchtigkeit, als ein Fortschritt der nationalen Entwickelung mit Recht gepriesen werden: ein hohes Lied der Toleranz wird ihn auch der begeistertste Verehrer des Dichters nicht nennen können. Ja, die armen Juden kommen in diesem sonst so vorzüglichen Roman recht schlecht weg; sie sind der wahre Sündeubock, denen alle Schuld und Verderbnis; aufgehüuft wird; wenn es keine Juden gegeben hätte, wenn die adligen Herren keinen jüdischen Wucherern in die Hände gefallen wären, was müßte das für ein Leben gewesen sind, wie schuldlos, wie naiv und vor Allem wie behaglich! Insofern ist es unrichtig zu sagen, daß auch das adlige Wesen und die adlige Sitte unvollständigrund einseitig in dem Roman gezeichnet seien. Jene sind nur die Opfer, die Inden aber sind die Schuldigen. Selbst ein streng christlicher Benrtheiler behauptete damals: „Gleichwohl wäre „Soll und Haben" uns lieber, wenn in diesem klassischen Gemälde deutsche» Arbeits- und Geschäftslebens nicht so ziemlich alle Bösewichter und Narren in orientalischen Kehltönen sprächen." Beitel Jtzig, Schmaje Tinkeles, Löbel Pinkus, der alte Ehrenthal mit dem kleinen Komtoir und der großen Brieftasche, die schöne, kokette Rosalie, die stattliche Frau Ehrenthal mit den fetten von Ringen strahlenden Fingern, du lieber Gott, wer hätte das nicht Alles gesehen, aber wer wird darum in diesen Typen gerade das Wesen der deutschen Juden allein erblicken? Selbst der Idealismus des jungen Bernhard Ehrenthal ward dem Dichter zur Zielscheibe des Spottes. In seinen viel später geschriebenen „Erinnerungen" sagt Freytag gewissermaßen sich vertheidigend, daß er die in dem Roman geschilderten „jüdischen Händler" gründlich kennen gelernt habe, da er „als Bevollmächtigter eines lieben Verwandten jahrelang vor Gericht gegen einige von ihnen zu streiten hatte." Er gestand also selbst ein, daß er einige bestimmte Individuen schlechthin als Typen gezeichnet; damit hatte er aber auch sein Unrecht gegen die Juden als solche eingestanden. Die Freunde des Dichters belehrten uns damals, daß die Juden sich durch die nioralischen Fußtritte, die ihnen in diesem Roman zugetheilt wurden, eigentlich hätten geschmeichelt fühlen müssen, da ja der Roman ein böses Prinzip so wenig entbehren könne wie das Drama. Die Juden waren freilich anderer Ansicht, und auch heute »och, wo vierzig Jahre über diesen Roman dahingegangen, sehen wir in jenen Schilderungen den einzigen Schatten, der auf die sonst so sonnige Landschaft fällt, und müssen mit Fr. Kreyßig sagen: „Wir gäben viel darum, wenn wir den künstlerisch vollendetsten und iuhaltreichsten sozialen Roman dieser Zeit von diesen Härten frei wüßten, die seiner kulturhistorischen Bedeutung doch wohl nur in einer vom Verfasser nicht beabsichtigten Richtung zu Gute kommen." Und — wir müssen es heute sagen — in der That auch zu Gute gekommen sind! Juden und Christen sahen in Freytag fortan einen Vertreter des Judenhaffes in der Litteratur. Wie die Folgezeit erwiesen hat, allerdings mit Unrecht. Gustav Freytag war eine

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