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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-10 · Heft 19 (10.5.1895) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 19 (10.5.1895)
Date
1895-05-10
Page
Seite 219 (sequence 5)
Language
German
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219 den Zusammenhang des Artikels gestützte Auslegung dahin, es habe gesagt werden sollen, daß die so charakteristischen Eigenschaften und Handlungen der Juden bei ihnen durch Lehre und Gebrauch, wie sie in dem Artikel angegriffen worden, gezeitigt seien, keineswegs klar gestellt wird; daß durch bloße Schmähungen der Judenschaft als besondere Nationalität das Gebiet des § 166 des Strafgesetzbuchs nicht berührt wird, bedarf nicht der weiteren Ausführung." $ Dem Reichstage ist auch diesmal wieder eine Petition zugegangen, welche die Anordnung einer Uebersetzung des Schulchan-Aruch von Reichswegen verlangt. Der Petition ist zur Begründung ein Exemplar des vom Reichstagsabgeordneten, Frhr. v. Langen verfaßten Buches „Talmudische Täuschungen" beigefügt!! Eine ähnliche in einer früheren Session eingebrachte Petition wurde bekanntlich von der Petitionskommissiou als nicht geeignet für die Berathung im Plenum befunden. Die „Konservative Korrespondenz", das offizielle Organ der Partei, macht bereits Stimmung für die Petition und meint dabei, daß die Juden, wenn sie das Werk nicht für gefährlich erachten, doch nichts gegen eine Uebersetzung einwenden dürsten. Ganz Recht! Wir haben nicht das Geringste gegen eine Uebersetzung des Talmud und des Schulchan- Aruch einzuwenden; nur verlangen wir, daß diese Uebersetzung eine sachkundige sei und daß nicht Analphabeten auf dem Gebiete der hebräischen Sprache und Litteratur, wie die Verfasser fast sämmtlicher Schriften gegen beide Werke, die ihre ganze Gelehrsamkeit aus Eisenmenger, Briman u. s. w. holen, dabei betheiligt seien. Das ist doch wohl kein unbilliges Verlangen? * Zwei wackere Kämpfer auf dem Gebiete der Abwehr antisemitischer Angriffe hat der Tod in dieser Woche abgerufen: Gustav Freytag und Karl Vogt. Die Bedeutung Freytags würdigen wir an anderer Stelle; aber auch Karl Vogt war immer ein unerschrockener Vorkämpfer der Emanzipation, ein warmer Vertheidiger der Juden. Seine letzte Standrede gegen den Antisemitismus schloß mit dem Satze: „Unseres Erachtens liegt der Schwerpunkt der ganzen Frage gar nicht im religiösen Gebiete, sondern in dem instinktive» Hasse der Unbefähigten gegen die Befähigten, der Armen gegen die Reichen, der Behäbigen gegen die Rührigen." Ehre dem Andenken beider Männer! Briefe aus Italien. Von Dr. Adolf Weißmann. Hi. Florenz, im April. Cjjk n meinem letzten Briefe habe ich mich mit dem religiösen Leben f\n in Italien beschäftigt und zum Schluß versprochen, meinen ^$5 nächsten der Florenzer Gemeinde zu tvidmen, als einer von den wenigen, die in dieser Hinsicht eine Ausnahme von der Regel bilden. Florenz ist diejenige Stadt in Italien, die, wenn auch nicht die an Einwohnerzahl bedeutendste, doch schon in Folge ihrer unvergleichlich großen Vergangenheit für die höchstcivilisirte gilt; es ist freilich stark zu bezweifeln, ob sich von den alten Traditionen auf intellektuellem Gebiete noch viel hier erhalten hat, ob die jetzige Generation noch viele von den Fähigkeiten besitzt, die in der Vaterstadt Dante's nicht gar so selten anzutreffen waren; den guten Willen, in kultureller Beziehung die erste zu sein, kann mau ihr auch heute nicht abstreiten. Dabei war sie stets der Sitz zahlreicher Adelsfamilien und somit Stützpunkt der Monarchie, wie auf politischem, so auch auf religiösem Gebiete Reformen abgeneigt. In Italien, wo Juden und Christen zwanglos mit einander verkehren, unterstehen die Ersteren selbstverständlich den Einflüssen dieses traditionellen Konservatismus eben so sehr wie ihre christliche Umgebung; und so gehört denn Florenz zu den wenigen Gemeinden Italiens, wo auch heute noch religiöses Leben blüht und gedeiht und die besten Männer den Gemeindeaugelegenheiten ihre besten Kräfte widme». Run befindet sich allerdings die Florenzer „Universitä Israelitica“ in ganz besonderen Verhältnissen, und was ich als den hauptsächlichsten Grund für den Verfall des religiösen Lebens in Italien in meinem vorigen Briefe hervorhob, nämlich den Mangel an geeigneten Persönlichkeiten für die Leitung der Gemeinden, gilt nicht für die florentinische, die in Herrn Dr. Margulies einen Rabbiner gefunden hat, welcher seine Aufgabe mit hohem Ernste erfaßt und in seinem verantwortungsvollen Amte aufopfernd für die Förderung ihrer Interessen thätig 'st. Derselbe hat in de» vier Jahren seines hiesigen Wirkens, mit dem Maßstabe eines deutschen Rabbiners an die hiesigen Verhältnisse herangehend, mehrfache Aendernngen in den religiösen Institutionen durchgeführt. So war ». A. der Rabbiner (und diese Einrichtung besteht noch jetzt in allen andern Gemeinden Italiens) von Predigten »ach deutschen Begriffen dispensirt und nur zu einer „Derascha" an den dem Oster- und dem Versöhnungsfeste vorausgehenden Sabbathen verpflichtet; Herr Rabbiner Dr. Margulies, der die italienische Sprache mit außerordentlicher Eleganz handhabt, hat die Predigt nicht nur an den Festen und bedeutenden Sabbathen, sondern auch bei Trauungen, wo eine solche bisher in Italien nicht üblich war, obligatorisch gemacht. Die Synagoge, ein prächtiges Bauwerk in maurischem Stil, »vurde im Jahre 1882 mit den der Gemeinde aus der Nachlassenschaft von David Levi reichlich zufließenden Mitteln erbaut, der mit aufopferndem Edelsinn sein gesanuntes Vermögen diesem Zwecke bestimmt hatte. Sie ist nicht groß und hat ettva denselben Umfang wie die Lindenstraßensynagoge in Berlin, wenn mein Gedächtnis; mich nicht trügt; auch innen ist sie ein architektonisches Meisterwerk. Der Ritus ist der spanische. Neben dem Haupttempel existiren zwei kleinere, ein spanischer und ein italienischer. Die hiesige jüdische Gemeinde (etwa 8000 Seelen) zählt eine Reihe von Instituten, in denen die hebräische Sprache und Litteratur mit anerkennenswerthem Eifer und mit gutem Erfolge gelehrt wird. Die Aufsicht über diese Institute liegt natürlich Herrn Dr. Margulies ob, der auf diesem Gebiete eine hervorragende und segensreiche Thätigkeit entfaltet. Die administrativen Angelegenheiten unterstehen der von dem Vorstande (Consiglio d’aniniinistrazione, der sich in verschiedene Sektionen theilt) ernannten Schuldeputativn, die sich u. A. aus den Herren Baron Giorgio Levi, Professor Cesare d'Ancona und Advokat Olivetti zusammensetzt. Solche Institute sind: Die jüdische Elementarschule „Talmud Thora", die jüdische Mädchenschule und das jüngst von Herrn Rabbiner Dr. Margulies gegründete „Collegio Rabbinico“, dessen Aufgabe, wie schon der Name sagt, die Heranbildung von jungen Leuten zum Rabbiner- und Lehrerberufe ist. Dieses Collegio Rabbinico, in dem Herr Dr. Margulies und ein anderer Lehrer täglich je 2 Stunden dociren, soll mit der Zeit zum Range eines Seminario Teologico erhoben werden; es wäre dies das einzige derartige Institut in Italien, welches diesen Titel verdient; das römische entspricht seinem Zwecke, wie bereits erwähnt, nur sehr unvollkommen oder gar nicht.

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