Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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zg. r-hrgmg. «r.IS. «erlitt, 3. Äi 1895 HZeilcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes Iuöentkurns". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 2X2 Berlin, 30. April. Die diesjährige Generalversammlung des Kuratoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums fand am 28. d. M. im Hörsaale der Anstalt, Lindenstr. 48/50, statt. Der stellvertretende Vorsitzende, Sanitätsrath Dr. Neumann, ermattete Bericht über die Leistungen und Erfolge der Lehranstalt und gedachte mit besonderem Danke der wohlwollenden Förderung, welche dieselbe von Seiten des Vorstandes und der Repräsentanz der hiesigen üdischen Gemeinde auch in diesem Jahre erfahren hat. Daran knüpften inige Herren aus der Versammlung die Bitte, das Kuratorium möge ourch eifrige Propaganda auch bei den Mitgliedern das gleiche Interesse für die Lehranstalt zu wecken und zu gewinnen suchen, auf daß )ie idealen Ziele und Zwecke, die sie erstrebt, der gleichen werkthätigen Theilnahme sich erfreue, wie sie den Institutionen in so reichem Maße ugewendet wird, die der Linderung der materiellen Noth der Menschen gewidmet sind. Der stellvertretende Vorsitzende erklärte, das Kuratorium lverde in der Zukunft nach dieser Richtung hin so weit als thunlich zu wirken bestrebt sein und erbat sich hierzu die thatkräftige Unterstützung lller Anwesenden. Hierauf wurden die drei nach dem Turnus auscheidenden Mitglieder des Kuratoriums, die Herren Geh. Regierungsath Prof. Dr. M. Lazarus, Kommerzienrath B. Simon und Oberegierungsrath Dr. Paul Meyer, wiedergewählt. 2. Berlin,28. April. Das jüdische Lehrlingsheim in Pankow mt während der Zeit seines Bestehens so außerordentlich günstige Erfolge ^zeitigt, daß die Begründer dieses Instituts schon längst mit dem Plan ungingen, für die Zwecke des Heims, dessen Räumlichkeiten für die dort untergebrachten 15 Zöglinge schon jetzt kaum ausreichen, ein eigenes Grundstück zu erwerben. Der Plan ist nun realisirt. Zwei Herren ms der Mitte der „Gesellschaft zur Verbreitung des Ackerbaues und oer Handwerke unter den Juden in Preußen" haben durch Sammlungen ne Mittel zum Ankauf eines Grundstücks aufgebracht und solches in Pankow bereits erworben. Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, wird der Bau noch im Laufe dieses Jahres fertig gestellt und seiner Bestimmung übergeben werden. 2. Berlin, 29.April. Der Verein „Freunde der Taubstummen" fielt gestern Vormittags im Lokal des Brüder-Vereins seine diesjährige rdentliche General-Versammlung ab. Herr Geheimrath Marcuse erffnete die Sitzung und ertheilte dem Direktor der Taubstummenanstalt n Weißensee, Herrn M. Reich, das Wort zur Berichterstattung über die Tätigkeit des Vereins und die Wirksamkeit der vom Verein unteraltenen Anstalt im abgelaufenen Geschäftsjahr. „Der Verein," führte er Redner aus, „habe nunmehr ein Jahrzehnt seines Bestehens zurückelegt. Die Erfolge, welche der Verein erzielt hat, seien im höchsten firade befriedigend und so recht angethan, den Vorstand des Vereins ,\\t Genugthuung und alle seine Gönner und Freunde mit Freude zu rfüllen". Redner verwies auf eine bemerkenswerthe Thatsache: Während mmlich eine gleiche Anstalt in Frankfurt a. M., die im Jahre 1827 gegründet wurde, nur 30 Zöglinge beherbergt, unterhält der Verein .Freunde der Taubstummen" schon nach zehnjähriger Thätigkeit 34 Zögmge, die, in drei Klassen gesondert, von vier Lehrern und einer Lehrerin unterrichtet werden. Mit einem Appell an die Mitglieder, ihre Theilnahme auch den aus der Anstalt Entlassenen zu erweisen, da sie oft von nichtjüdischen Meistern zurückgewiesen werden, weil sie Juden, und von Mischen Meistern, weil sie Taubstumme sind, schloß Herr Reich seinen Bericht, und die Versammlung ging zu den andern Punkten der Tagesordnung über. Bei der Berathung des Etats entspann sich eine interessante Debatte, an der sich die Herren R. A. Kraft, W. Löwenthal, H. Landsberger, Louis Sachs, Maurermeister Fränkel u. A. betheiligten. Jndeß nicht die Höhe der Summe war es, um welche die Debatte sich drehte, — die Etatsvorlage des Vorstandes wurde nämlich ohne Weiteres einstimmig angenommen — sondern um die Frage, ob es zulässig sei, daß bei der Aufstellung des Etats die Ausgaben die Einnahmen übersteigen, wenngleich ein Fonds zur Deckung des Defizits vorhanden sei Die Mehrheit entschied sich für die Zulässigkeit, worauf die Ergänzungswahl des Vorstandes und die Wahl der Revisoren folgte. Auf einen Vorschlag aus der Mitte der Versammlung wurden sowohl die in diesem Jahre statutengemäß zur Ausscheidung aus dem Vorstand gelangten Herren Geheimrath Marcuse, Rabbiner Dr. Maybaum, Alfons Jacobson- Leipzig, Bankier Apelt-Halle und Maurermeister Fränkel, sowie die Revisoren Leichtentritt, Berlin, Straßmann per Akklamation wiedergewählt.? Berlin, 30. April. Der anti semitische Major z. D. v. Hagen in Weimar hatte im September v. I. im dortigen Gewerbeverein die Aeußerung gethan, daß den Juden durch das sogenannte Kolnidregebet bezw. den Talmud die reservatio mentalis, zu deutsch „Meineid", gegenüber Andersgläubigen gestattet sei, und hatte sich hierfür auf die Professoren Rohling (!) und Delitzsch berufen. Das „Berliner Tageblatt" hatte dem gegenüber bemerkt, daß der Major auch den Delitzsch nicht selbst gelesen oder wenigstens nicht verstanden haben dürfte, da im Delitzsch gerade das Gegentheil nachgewiesen wird, was Herr v. Hagen behauptet. Herr v. Hagen sandte in Folge dessen eine ganze Reihe von Verfichtungen auf Grund des famosen 8 11 des Preßgesetzes — durchschnittlich kam alle vier Wochen eine in der Redaktion an, in denen er behauptete, daß er den Delitzsch doch studirt (!) habe, — Berichtigungen, die natürlich nicht ausgenommen wurden. Herr v. Hagen strengte nunmehr das Berichtigungszwangsverfahren gegen das Blatt an. Heute stand in der Angelegenheit gegen den verantwortlichen Redakteur des politischen Theiles des „Berliner Tageblattes" Termin vor dem Schöffengericht an. Die Verhandlung endete damit, daß die Staatsanwaltschaft selbst die Freisprechung des Angeklagten beantragte, da die Berichtigung des Herrn v. Hagen eben keine Berichtigung im Sinne des § 11 des Preßgesetzes sei. Der Gerichtshof erkannte dem Anträge des Staatsanwalts, dem sich auch der Vertheidiger Rechtsanwalt Mosse mit eingehender Motiviruug anschloß, gemäß auf Freisprechung und legte die Kosten des Verfahrens der Staatskasse auf. xy. Schwersenz, 29. April. Der hiesige Lehrer Grünfeld beging am 19. d. M. seinen sechzigsten Geburtstag. Die Feier desselben gestaltete sich durch viele ehrende Kundgebungen für den sehr beliebten Mann, der seit mehr als drei Dezennien hier segensreich wirkt, zu einererhebenden. Die Schüler erwarteten Morgens in einem festlich ausgeschmückten Zimmer der jüdischen Schule denselben und brachten ihm ihre Glückwünsche dar. Sodann trugen einzelne Kinder Gedichte vor, und schließlich brachte Lehrer Broh auf Lehrer Grünfeld ein Hoch aus. Gegen 1/2 12 Uhr Vormittags begab sich eine Deputation der hiesigen jüdischen Gemeinde in die Wohnung des Lehres Grünfeld, um ihn zu beglückwünschen. Lehrer Broh, der ebenfalls zur Deputation gehörte, hielt eine Ansprache und hob in derselben neben dem segensreichen Wirken den offenen, biederen Charakter des Gefeierten, sowie dessen friedlichen Sinn in der Gemeinde und unter seinen Kollegen hervor, während der Schulvorsteher Lewinsohn demselben sehr werthvolle Geschenke von der hiesigen Gemeinde und seinen ehemaligen Schülern überreichte. In bewegten Worten dankte Lehrer Grünseld für die ihm bewiesene Theilnahme. Die zahlreichen Zuschriften, Telegramme und Blumenspenden gaben Zeugniß von der Liebe und Achtung, die er weit und breit genießt. Es verdient auch, zumal in heutiger Zeit, hervorgehoben zu werden, wie Herr Grünfeld darauf hinzuwirken versteht, daß unter seinen Pensionären und Schülern verschiedener Konfessionen das schönste Einvernehmen waltet. Herr Grünfeld erfreut sich noch der jugendlichen Frische des Körpers und des Geistes; möge es ihm vergönnt sein, bei uns noch lange segensreich zu wirken. r. Aus Schlesien, 24. April. Unter großer Betheiligung der Bevölkerung Oppelns wurde am 3. v. M. der in der Nacht zum 1. nach