Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- Seite 216 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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216 „Ihr seid also nicht gesonnen, auf meinen Plan einzugehen?" fragte May. „Wird wohl nur eine neue Art der Ausbeutung sein!" „Wenn der Jude einen Handel mit dem Christen macht, ist dieser immer der Geleimte." „Aus Gutheit gebt Ihr nichts, habt innuer Euren Profit dabei." „Haben uns lange genug an der Nase herumführen lassen, jetzt sind uns aber die Augen aufgegangen." „Unser ganzes Elend kommt durch die Juden. Ehe die nicht zum Lande hinausgejagt sind, wird's nicht besser mit uns." So schrie es durch einander. May war todtenbleich geworden. Die dunklen Augen hatten den Ausdruck eines zum Tode getroffenen Thieres. Der Geschäftsführer trat dicht an ihn heran und flüsterte ihm zu: „Kommen Sie, Herr May, mit den Leuten ist jetzt nicht zu reden." Auf ein zustimmendes Nicken des Fabrikherrn rief er: „Die Versammlung ist geschlossen, cs gehe Jeder an seine Arbeit." Er reichte dem Herrn seinen Arm, der sich schwer darauf stützen mußte, und führte ihn durch eine Seitenthiir aus dem Saal, den die Arbeiter unter dem Gesänge „Deutschland, Deutschland über Alles!" verließen. „O der schändliche Mißbrauch, der mit dem schönen Liede getrieben wird!" rief May die Hände zusammenschlagend. „Sagen Sie mir, lieber Leonhard, wie konnte das geschehen?" „Die Leute sind systematisch verhetzt worden," erwiederte der Geschäftsführer. „Antisemitische Agitatoren haben sich seit Monaten hier herumgetrieben und Versammlungen über Versammlungen abgehalten." „Warum haben Sie mich nicht davon in Kenntniß gesetzt?" „Ich habe in mehreren Berichten Andeutungen gemachr, Sie gingen nicht darauf ein, und was hätte sich auch dagegen thun lassen? Es ist dabei Alles ordnungs- und gesetzmäßig zugegangeu, die Versammlungen wurden am Feierabend abgehalten, waren angemeldet und überwacht." „Hat man etwa gar unser Versammlungshaus dazu benutzt?" fragte May bitter und trat mit Leonhard in sein Privatkomtoir, das sie inzwischen erreicht hatte». „Das denn doch nicht," war die Antwort. „Sie fanden überhaupt nicht in Altrode statt, an Lokalen fehlte es aber nicht. Die Herren Agitatoren waren überall bestens empsohlen und unterstützt und die Versammlungen keineswegs nur von Arbeitern besucht. Herr Amtsrath Vierthaler und die Herren Dietrich und Planer sogar. „Genug, genug," unterbrach ihn May, indem er sich auf das Sopha fallen ließ. „Bitte rufen Sie mir die Werkmeister her." Als die Herren nach Verlauf einer guten Viertelstunde eintraten, hatte May sich schon wieder gefaßt. Es war ihm jetzt klar, daß die antisemitische Bewegung sich ihm gegenüber von ihrer nichtswürdigsten, aber auch gefährlichsten Seite zeigte. Der Neid und die Begehrlichkeit der Arbeiter war aufgestachelt durch den Neid und das Uebelwollen seiner Konkurrenten, die ihn, den intelligenteren und geschickteren Geschäftsmann, der ihnen auch durch seine humanitären Einrichtungen sehr unbequem war, auf diese Weise aus dem Wege räumen oder hin: doch wenigstens einen Denkzettel geben wollten. „Mein erster Impuls war, die Fabriken zu schließen," redete Bkay die Eintretenden au, „ich bin jedoch schnell wieder davon zurück gekommen. Ich habe mich zur Lieferung von Maaren verpflichtet. die fertig gestellt werden müssen, und kann mich nicht entschließen, obwohl man sich unverantwortlich gegen mich benommen hat, hunderte von Familien aufs Pflaster zu werfen, denn ich zweifle, daß die Leute bei einem meiner Konkurrenten Arbeit fänden." „Kein Gedanke," sagte Leonhard, und einer der Werkführer bemerkte: „Sie haben Leute entlassen und die Arbeitszeit eingeschränkt, es scheint mit den Aufträgen nicht weit her zu sein." „Nun gut, wir wollen weiter arbeiten lasten," entschied May „aber sagen Sie den Leuten, daß Jeder, der sich noch ein respektwidriges Wort, Jeder, der sich die geringste Widersetzlichkeit erlaubt unnachsichtlich auf der Stelle entlasten wird, daß ich aber auä Niemand halten will, der nicht länger bei dem Juden arbeiten mag Es braucht Keiner die Kündigungsfrist iune 31t halten, ich gestatt» Jedem, sogleich auszutreteu." Die Herren entfernten sich und May begab sich in den Park. (Fortsetzung folgt. Spvechfaat. Geehrter Herr Redakteur! <Kn den „Briefen aus Rußland", II., (Allgem. Zeitung des Judenthuirü <33 Nr. 14) bemüht sich Herr L. E. zu beweisen, daß die Auswanderung nach Argentinien den russischen Juden nur Nachtheil bringen wird, und glaubt, daß man für die Zukunft diesem Kolonisations-Trugbilde nich: mehr nachjagen darf. Eine derartige Ansicht ist durchaus irrig, denn die russischen Juden erblicken keineswegs ihr Heil in einer Massenkolonisation, sie sind viel mehr überzeugt, daß nur ein ganz kleiner, dem natürlichen Zuwuchs nicht einmal gleichkommender Bruchtheil der russischen Masse nach Argentinien befördert werden kann. Auch die jüdisch-russische Presse hebt hervor, daß die Emigration selbst wenn sie viel intensiver als bis jetzt wäre, zur Lösung der so genannten „jüdischen Frage" in Rußland nicht führen kann, trotzden aber wird dem Baron Hirsch für sein hochherziges Unternehmen dei nöthige Dank gezollt. Die Anglo Jewish Colonisation Association macht sich zur Aufgabe, nicht die in Rußland ansässigen jüdischen Bauern zur Emigration 31; verleiten, sondern denjenigen Kandidaten die Ueberstedelung nach Argentinien zu ermöglichen, welche in Folge der geltenden Beschränkungen Grund und Boden in Rußland nicht erwerben dürfen und sich dennoc! dem Ackerbau widmen wollen. Hunderte von Familien, welche als Ackerbauer ihr Brod zu ver dienen gewohnt waren und die Wohnsitze auf dem Lande verlasse! mußten, können doch unmöglich in den ohnehin überfüllten Städtchen „des jüdischen Ansiedelungsrayons" warten, bis eine für uns günstiger. Strömung eintreten wird. Für diese Unglücklichen ist es eine wahre Wohlthat, wenn sie mi Hilfe des Komitees sich in Argentinien niederlassen und in der Fernc wenn auch im Schweiße des Angesichts, ein menschliches Dasein friste', können. Das Komitee ist auch mit Gesuchen um Transportirung feiten: Bittsteller dieser Kategorie derart überhäuft, daß es sich zuweilen ge zwungen sieht, in öffentlichen Blättern zu erklären, daß neue Gruppe: erst dann gebildet werden können, wenn die alten Kolonisten sich enl sprechend eingerichtet haben. Daß das Komitee vor der Hand nur mit dem Ackerbau vollkomme! vertraute Elemente wählt, ist unvermeidlich, denn das ganze Unternehme, müßte scheitern, wollte man den Kern der künftigen jüdischen Ackerbaue aus Leuten rekrutiren, die von Feldarbeiten keinen Begriff haben. Hingegen ist es zu erwarten, daß, nachdem die Kolonien einiger maßen zur Entwickelung gelangen, außer Bauern auch Handwerker uuder Landwirthschaft fernstehende Elemente ausgenommen werden Wenn die russischen Juden einst Bürgerrechte erlangen werden, rvin die Emigration an und für sich aufhören, inzwischen aber gebührt all Anerkennung dem hochherzigen Manne, welcher ein so segensreic: wirkendes Unternehmen, wie die Kolonisationsgesellschaft, ins Leben gerufen hat. Czenstochau, 19. April. Adolf Brüll Druck und Verlag von Rudolf Messe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Max Bauch Witz in Berlin.