Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- Seite 215 (sequence 13)
- Language
- German
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215 macht, innerlich non der höchsten Unwahrscheinlichkeit. Was in aller s Welt soll die Inden, und noch dazu in großer Zahl, bewogen haben, j iuem Hirngespinste nachzujagen und einem Manne, der ihnen als j alber Narr erscheinen mußte, Geld und Gut zu opfern? Seine geologischen Grillen mußten ihnen gleichgiltig. wenn nicht gar widerwärtig erscheinen. Seine politischen Pläne, von denen er aber in Frankfurt am Main selber noch keine Ahpung verrathen haben ounte, waren von einer allzu offenbaren Aussichtslosigkeit und greifareu Gefährlichkeit, als daß die im Laufe einer so langen traurigen j beschichte aller Politik entfrelndeteu Juden für so lächerliche Chimären! ch hätten gefährden wollen. Es wird daher, wie es bei allen j leberlieferungeu solcher Art zu gehen pflegt, ein Kern geschichtlicher > Wahrheit zu solch maßloser Uebertreibung enoeitert worden und an em Berichte der Bkemoiren nur so viel richtig sein, daß einzelne! cklden mit Laugallerie befreundet gewesen und seinem Unteruehnlen,! cherlich freilich mehr aus geschäftlichen als aus konfessionellen oder! ar politischen Rücksichten, aus ihren Mitteln förderlich zur Seite j estanden haben. •-1 — «AN 1 1 FEUILLETON g 3 M an* -1 — 7 '! ' ■■ —' ' 1 - ----- 1 —i n.^prL>i:'iSvv Aufgeg'angene Saat. Ein Zeitbild von Jenny Hirsch. HI. *n seiner idealististen Lebensauffassung hatte May bisher, trotz Allem, was er sah und hörte, der antisemitischen Bewegung doch nicht die Bedeutung, die ihr von Andern gezollt ward, beigelegt. seinem Hause durfte in seiner Gegenwart nur selten davon gesprochen werden, und besonders war er bemüht gewesen, die uner- - uickliche Erscheinung unserer Tage so viel wie irgend möglich von j einen Töchtern fern zu halten, wobei es ihm zu Statten gekommen mir, daß sie während der Krankheit und nach dem Tode der Butter sehr zurückgezogen gelebt. Hatte er doch nicht hindern können, aß in ihrem Beisein, namentlich durch seinen ältesten Sohn, Aeußeungen fielen, die grelle Streiflichter auf die obwaltenden Verhältusse warfen, so hatte er den dadurch hervorgebrachten Eindruck -inner geschickt abzuschwächen gewußt, und Bernhard Höxter, Linas! Verlobter, war ihm dabei erfolgreich behilflich gewesen.! In Altrode, wo inan seit Jahren mit allen umwohnenden vamilien im freundschaftlichsten Verkehr gestanden, hatte er sie ollends vor jeder unliebsamen Berührung geborgen geglaubt und mir deshalb um so mehr erschrocken und empört gewesen, als er ^gleich bei seiner Ankunft Anzeichen vorgefunden, daß das Gift auch! 1er scholl tief eingedrlUlgen sei. Zoru uiid Groll war jedoch bald! weder verschwiinden. Mochten lvähreud seiner lind der Seinigen! Abwesenheit Schatten aufgestiegen sein, sie konnten nicht Stand; alten vor der Einwirkung ihrer Persölilichkeit. Seine Arbeiter - wußten, was sie all ihm batten, die Mehrzahl würde sich durch > wetzer imb Schreier nicht beirren lassen.! Er ließ seine Töchter unbesorgt ihre Fahrt antreten und berief j m Bewußtsein seiner reinen, lineigelliiützigen Absichtell, eiltschlossen,! :ch nicht voll seinem vorgezeichneten Wege abdrängeu zu lassen, die ältesten und intelligentesten Arbeiter zu einer Berathung Zusammen. I Während des ganzen Winters hatte er sich mit der Ansarbeitung eilles Planes beschäftigt, der die Krönung bestell sein sollte, was er bisher für feine Arbeiter gethan — mit einem Plan, vermöge bestell sie nach Maßgabe ihrer Leistungen schrittweise dazu gelangen sollten, Theilhaber seiner Unternehmungen, alls ^Proletariern Kapitalisten, aus sorgen gequälten Arbeitern Menschen zll lverdeu, die sich und den Ihrigen auch einen bescheidenen Lebensgenllß gönnen tonnen. In dem großen Saal des Arbeiter-Versammlungshauses, wo die eintressellden Wallderlehrer ihre Vorträge, die Gesangvereine ihre Hebungen hielten, all einem in der Mitte stehenden Tisch sitzend, las May den um ihll gruppirten Leuten mit bewegter und klarer Stimlne seinen Entschluß vor und schloß.' „Der Plan, wie ich ihn vorläufig festgestellt habe, weist gewiß Lücken. Schwächell, Ungeschicklichkeiten auf, deshalb tooüen wir ihn miteinander beratheu, menn wir nicht verziehen, ihn vorläufig so wie er ist allzunehmen, ulid durch die Praxis zu erfahren zu suchen, lvas richtig, was fehlerhaft ist unb verbessert werden muß." May ließ das Blatt sinken und schaute im Kreise umher, aber von der freudigen Zustimmung, der er zu begegnen erwartet hatte, war nichts zu entdecken; fein Auge begegnete nur verlegenen, zlveifelnden, sogar finftern und höhnischen Mienen. Mehrere Minllten herrschte ein beäugstigelldes Schweigell in der Versammlung. „Nun?" fragte er endlich, von der Anfnahllle, die seine Vorschläge fanden, bis ins imlerste Herz getroffen und erkältet, „hat Niemand etwas dazu zli sageil?" Es entstalld eill Gemurlllel, man stieß sich unter einander an, Einer ermunterte den Andern zum Reden. Elldlich erscholl voll einer der letzten Bänke der Ruf: „So Hals über Kopf können wir da doch nicht einspriugen; wir miissen uns die Sache erst genaller ansehen." „Gut, seht sie Euch gellauer an, berathen lvir," elltgegnete May völlig gelassen. Nlln erhoben sich aber voll allen ©eiten Rufe: „Oho, so geht das nicht. Was verstehen wir von solcheil Geschäften? Da muß man sich doch besser vorsehell imb erst Leute hören, die es gut.mit uns meiilell." „Aber Lellte, meine ich es benn nicht gut mit Euch? Habe ich Euch das llicht stets belvieseil?" fragte May, lloch ilnmer feine Fassung bewahrend. „Ja, ja, Herr May, das haben Sie!" riefen einzelne Stimmen; sie wurden übertäubt von anberen, welche schrieen: „Spiegelfechterei, Sand in die Allgen! Wir wissen es jetzt besser." „Aber Killder, wie komnlt Ihr aus solche ©ebanten?'" rief May händeringend. „Seht Euch um, was ich Alles für Euch geschaffen habe, llicht, daß ich niich dessen rühnlen will." „Haha! Aus anderer Leute Fell ist gut Rieulen schneiden. Mit unserm eigenell Fett silld wir begoffell!" scholl es dagegen. „Durch beit neuen Plan, den ich soeben vorgelegt habe, begebe ich mich eines großen Theiles meines Gewilllles!" fllhr May fort. Jetzt sprang einer der Arbeiter auf die Bank unb schrie: „Fürchtet die Juden, besoliders wenn sie Geschellte bringen! Habt Ihr die Schrift gelesell, Kameraden? Merkt Ihr was?" „Leute, so seid doch vernüllftig! Wie föiuit Ihr solchen Hetzereien Gehör geben?" rief May in den tobenden Hallfen unb nannte einige der Arbeiter mit Namen. „Böhme, Metzner, Krüger! Ihr solltet mich doch besser fennen! Es lverden doch llicht alle voll der Epidemie ergriffen sein." Die Angerusellell stlltzteil, mad)teu bedauernde Gesichter, es hatte aber keiner beit Muth oder die Lust, sich auf des Herrn Seite zu stellen, nur der alte Geschäftsführer und einige Beamte und Werkführer traten wie schützend zu ihm heran.