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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-03 · Heft 18 (3.5.1895) · p. Seite 214

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
Seite 214 (sequence 12)
Language
German
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214 Da ereignete sich ein Vorfall, der die fast geschwundenen Lebensgeister Langalleries zu ungeahnter neuer Kraft entfachte. Ein Tschausch Chiaoux, ein außerordentlicher Gesandter der Pforte, Namens Osman Aga, war eben damals im Haag erschienen, um ein Konstantiuopeler Schiff, das von den Holländern weggenommen worden war, bei den Generalstaaten znrückzufordern^). Die beiden Eondottieri und Gesellschaftsretter hatten den Einfall, dein tiirkischen Staatsmanne im Haag sich vorzustellen und mit der Darlegung des Planes sich Zn nähern, den sie in Betreff der Errichtung eines neuen Staatswesens mit einer neuen Religionsform ausgeheckt hatten. Merkwürdig genug, Osman Aga, der Anfangs sich ablehnend verhalten hatte, ging auf die tollen Abenteuererphantasien ein und lieferte sogar die Mittel, durchweiche die armen Narren plötzlich in einer dem Pöbel imponirenden Weise sich zu drapiren und aufzutreten vermochteil. In diese Zeit fällt auch die Beziehung, in die Langallerie zu dem Holland besuchenden srallzösischen Philosophen und Theologen Guillot de Marcilly getreten war. Dieser junge, bekehrnngssüchtige. feurige Katholik hatte es sich in Amsterdam in den Kopf gesetzt, ben berühmten Abtrünnigen Frankreichs unb des Katholizismus zum Aerger der in Holland ansässigen reformirten französischen Rvfugids in den Schoos; der römischen Kirche zurückzuführen. Langallerie, der die Gewohnheit hatte, Alles in hochtönenden Vorträgen mit Aufzählung seiner Titel abzumachen, verpflichtete sich durch einen förmlichen Ver-! trag auf sein Ehrenwort, zum katholischen Glauben zurückzukehren, sobald ihn Marcilly seines Jrrthnms überführen würde^). Die langen theologischen Disputationell und Korrespondenzen, in denen langallerie den Katholizismus an griff und Marcilly ihn gelehrt vertheidigte, haben nur einen litterarischen Niederschlag, das Buch Marcillys, seinen geschichtlichen und theologischen Bericht über eine Reise nach Holland, zurückgelassen, dessen Widmung Ludwig XV. annahm. Trotz eines Verkehrs und Briefwechsels, der über mehr als vier Monate, bis Ende August des Jahres 1715, sich erstreckte, mußte Langallerie von Marcilly die Enthebung von feiner Vertragspflicht verlangen, da jetzt Verhandlungen mit einer fremben Macht, wie wir wissen, mit der Türkei, sein ganzes Denken einnühmen und ihn bald voraussichtlich in die Lage bringen würden, mit der vollen Prärogative, zu der seine Geburt und seine Vergangenheit ihn berechtigen, aufzutreten.^) Statt der unnützen theologischen Diskussionen sah er ein neues Feld für seine militärischen Fähigkeiten sich eröffnen; es waren nicht länger schattenhafte Ideen, Chimären, denen er nachgejagt hatte, sondern geschichtliche Kräfte, die eine Umwälzung in der Ordnung dieser Welt verhießen und mit den Waffen in der Hand Durchführung erheischten und zu ermöglichen schienen. Die Verhandlungen mit den! Chiaoux der Pforte, der Anklang, den dieser Plan in Konstantinopel fand, führten bald zum Abschluß eines Vertragesden die beiden alten Eondottieri, Langallerie, jetzt Obergeneral der neuen Theokratie vorn göttlichen Worte, und Linange, ihr Groß- Avmiral, mit Osman Aga, als dem Vertreter des Sultans, zu einem Unternehmeil vereinbarten, das die ganze christliche Welt in Staunell lmd bald freilich in Heiterkeit versetzell sollte. Denn es war auf llichts Geringeres als darauf abgesehen, den Papst ans der ewigen Stadt zu vertreiben und so, in seinem Oberhaupte, den; ganzen Katholizismus gleichsam zu entthronen. Der Sultan sollte? sich verpflichtell, zehlitansend Reiter und fünfzig Kriegsschiffe auszurüsten, die ihn, ullter dem Kommando der beiden Helden, zuni Herrn von Rom machen sollteil. Erst bann, wenn Rom in seine Hände gefallen fein würde, sollte er ihnen gewisse Inseln und Pro- 21) P. 415. Relation p. 20 f. 1b. 420, 4M. vinzen einräumen, in denen sie souverän als Könige regieren und sicherlich den neuen Staat vom göttlichen Worte aufrichten würden. Sie hatten aber in diesem Vertrage, der am 25. des Monats Dsul Hedja des muhammedanischeu Jahres 1128 im Haag unterzeichnet wurde24), noch nicht ihr letztes Wort gesprochen. Dieses sollte erst der Großherr in Konstantinopel aus ihrem eigenen Munde erfahren. Das abenteuerliche Ziel konnte nur noch durch die Abenteuerlichkeit der Mittel übertroffen werdell. Die Pforte sollte ihnen Ooi Allem einen ihrer Häfen auf einer Insel im griechischen Archipel einräumen, den sie als Freihafen für alle Seeräuber und Freibeuter, welche damals die Meere unsicher machten und bis dahnauf Madagaskar sich festgesetzt hatten, eröffnen wollten. Die Verträge mit den Piraten hatte Linange angeblich noch bei seiner Anwesenheit in Petersburg und Archangel geschloffen^). Diese wollten mit sechzig Kriegsschiffen dem neuen Unternehmen zn Hilfe kommen. Eine zweite, noch verwegenere Chimäre galt der Kirche von Loretto. deren unbenutzt aufgespeicherte Schätze diesen frommen Gemüthern wie ein nationalökonolnisches Verbrechen zum Himmel zu schreien schienen. Zehntausend Menschen sollten als Arbeiter, Handwerker. Bettler, Pilger und Reisende Italien überschwemmen und vor Loretto sich ein Stelldichein geben. Den Handstreich sollte vom Meere her die Flotte unterstützen, so daß an dem Gelingen dieses Werkes kein Zweifel sei und das volle Nest in tiefster Ahnungslosigkeit sich werde ausheben lassen.^) Wie Langallerie noch vor dein Abschlüsse des Vertrages, als er nur.in naher Aussicht stand, einem der vornehmsten Juden iw Haag sofort von dem günstigen Stande der Verhandlungen Mittheilung machte^), so ging er jetzt gleich daran, von dem Zustande konnnen des Planes die Juden zu verständigen^), die sich nun angeblich nicht länger mehr besannen, das Unternehmen auch ihrerseits zu unterstützen und zur gegebenen Zeit und am geeigneten Orte auch durch Geldmittel fördern zu wollen, was sie, wie Langallerie angiebt, auch zum Theil ausführten. Wir sind in Betreff dieser unbegreiflichen angeblichen Beziehungen unseres Abenteurers zn den Juden bisher lediglich auf das Zeugnis seiner Memoiren angewiesen, die aber keineswegs in ihrer Authentizitrn unbestritten sind, vielmehr Manchem als ein auf den Namei Langallerie gefälschtes apokryphes Machwerk gelten20). Die jüdischen Namen, die er anführt, sind nicht zu verificiren, die Angaben, die er 24) p. 424—30. Jrrthümlich durch einen Lesefehler heißt der Monai in den Memoires p. 430: Silherzi. 2*) P. 431—33. 26) P. 433 f. 2T) P. 421: Sortant de son Hotel [sc. Osman Aga] yallai voir ui des premiers Juifs de la Haye, pour lui apprendre le bon train qur prenoient nos Affaires. -H) P. 430:, Des que l’Expedition autentique nous en fut faite nous nous appliquämes ä en faire usage pour achever de persuadev les Juifs, qui etoient dejä ebranles, de le solidite de notre Projet. Noeff'orls ne furent point vains. Us s’engagerent avec nous ä en favorisei l’Execution, promettant d’emploi'er en tems et lieu les Tresors qu’il. reservent et augmentent tous les jours, pour se procurer la Liberb qu’un faux zele leur ravit. Nous en reqümes des avances. Marcilly der selber mit Juden in Amsterdam verkehrt hat, wie er denn einer Beschneidungsfeier in einem der reichsten Häuser dort angewohnt hm (a. a. O. p. 81), berichtet nur, daß er mit Langallerie in der Synagoge zusammengekommen sei, ib. p. 72. Marcilly erzählt auch, daß der Friedhof von Douverkerk, offenbar Ouderkerk, an der Amstel für die mehr als 20,000 über Holland verbreiteten jüdischen Familien die einzige Begräbnißstätte biete (p. 91). 20) Nouvelle Biographie generale 29, p. 384.

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