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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-03 · Heft 18 (3.5.1895) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
Seite 212 (sequence 10)
Language
German
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212 Jedenfalls schrieb er nun, als er von seinen Aemtern zurückgetreten, sich in Zeitz einer, freilich nur kurz währenden Ruhe erfreute, in ganz anderm Tone über die Juden als früher. Als Verleger dieser zweiten Schrift: „Ueber das Verhältniß der Juden zu den christlichen Staaten", wußte er keinen Bessern als Veit, der gegen die erste aufgetreten war. Die Schrift selbst ist heute ziemlich vergessen. Sie führte den Titel: „Ueber das Verhältniß der Juden zu den christlichen Staaten. Zweite Schrift unter diesem Titel, 1844." (Vergl. Rießers Bemerkungen dagegen, Schriften III., 507—565. Ferner Geiger, Geschichte der Juden in Berlin I., 188 fg. II., 255.) Besser jedoch als eine kurze Wiedergabe des Inhalts, die, namentlich bei dem Anstreben möglichster Kürze, immer unvollständig bleiben müßte, können einzelne zufällig erhaltene briefliche Aeußerungen des Verfassers Streckfuß an Veit über seine An- und Absichten aufklären. Diese Briefe lassen uns zwar unklar über die Entstehung der Schrift und über die Gründe, sie gerade Veit in Verlag zu geben, aber sie gewähren uns einen guten Einblick in die Anschauungen des Verfassers. Zeitz, den 5. Juni 1843. Mein verehrter Herr Doktor! Gestern von Dresden zurückgekehrt, habe ich die Nevisionsbogen, die auch noch mancher Korrektur-Nachhülfe bedurft haben, vorgefunden, und ermangele nicht, sie Ihnen hierbei zurückzusenden, mit der Bitte, vor dem Abdrucke noch einmal sorgfältig nachzusehen, ob auch alle von mir angegebenen Berichtigungen und Aenderungen bewirkt worden sind. Nach dem Abdrucke erbitte ich mir die Aushängebogen, um die unserer Sorgfalt entgangenen Fehler noch am Schluffe anzeigen zu können. Die angenehmen Erfahrungen, die Sie selbst in der letzten Zeit über die Verminderung des christlichen Vorurtheils gemacht haben, sind mir in hohem Grade erfreulich gewesen. Indessen lassen Sie sich dadurch über den Stand der allgemeinen Meinung nicht täuschen. Eine tüchtige und ausgezeichnete Individualität wird sich in dem Kreise, in welchem sie lebt, überall zur Geltung bringen. Auch wird kein Geist, wenn er nicht zu der allerschlechtesten Sorte gehört, — zu einer Sorte, von von welcher die vornehmsten Stände Exemplare unter sich haben — leicht so roh sein, einem Manne Ihrer Art gegenüber zu zeigen, daß er an eine Verschiedenheit des Glaubens denke. Dazu kommt, daß Viele, welche von wahrer Liberalität sehr weit entfernt sind, doch sich bemühen, den Liberalismus der Zeit im Aeußern zu zeigen, woraus auch manche öffentliche den Juden günstige Erscheinung sich ohne die Annahme, daß das Vorurtheil im Begriffe sei zu verschwinden, leicht erklären lassen. Hätten Sie aber meine Erörterungen mit Personen der verschiedensten politischen Färbung, selbst mit entschiedenen liberalen, mit angehört, so würden Sie überzeugt sein, daß Sie den Christen in dieser Beziehung zu viel Gutes zutrauen, und daß der Gesetzgebung, der allgemeinen Bildung und den Juden selbst noch viel zu thun übrig bleibt, um den Zustand herbeizuführen, welchen wir Beide wünschen. Jetzt kommt es darauf an alle Ausnahme-Gesetze dem gesundenMenschenverstande als völlig absurd zu zeigen, ohne über den Stand der öffentlichen Meinung irgend eine Behauptung aufzustellen, welche von den Gegnern durch andere sehr bestimmte Thatsachen widerlegt werden könnte. Auf solche Art habe ich durch meine Schrift zu wirken gesucht und hoffe, daß sie nicht ohne die beabsichtigte Wirkung bleiben wird. Diese Wirkung würde beeinträchtigt werden, wenn man dasjenige nicht selbst zugestände, was man nicht abläugnen kann, und wenn man dadurch die eigene Unbefangenheit zweifelhaft machte. Sehr freuen würde ich mich, wenn die Zukunft zeigte, daß die Meinung wirklich bereits zu demjenigen Punke gelangt sei, auf welchem Sie solche zu erblicken glauben. Die Wirkung meiner Schrift würde dann um so vollständiger und schneller sein. Zeitz, 24. Juni 1843. Mein verehrter Herr! Ich ermangele nicht, Ihnen den richtigen Eingang Ihrer Zeilen anzuzeigen, und dabei mein Bedauern auszusprechen, daß ich Sie, ohne noch einige Tage abzuwarten, mit einer Erinnerung belästigt habe. In letzterer mögen Sie nur mein Interesse für die Sache erkennen. Was die von Ihnen gestellten Bedingungen anlangt, so bin ich vollkommen damit einverstanden und überlasse Ihnen, das Weitere danach einzurichten, das Honorar aber, wie ich schon früher gebeten, an Ihren Herrn Bruder auszuzahlen. Was unsere Meinungsverschiedenheit anlangt, so kann über solche wohl nur die Zukunft entscheiden. Daß das Judenthum nicht ohne Einwirkung aus die allgemeine religiöse Entwickelung bleiben werde, glaube ichselbst, nicht aber, daß diese Einwirkung sich durch äußere Spuren kund thun werde. Denn diejenigen Juden, welche zu dieser Entwickelung beiwirken, finden so viele an Zahl nach weit überwiegende Mitarbeiter unter den Christen selbst, daß ihr Antheil an dem Werke kaum erkennbar sein und die Geschichte dasjenige, was ihnen darin zukommt, kaum besonders bemerken dürste. Doch, wie gesagt, nur die Zukunft kann hierüber entscheiden, und zwar eine Zukunft, die für die jetzt lebende und die nächstfolgende Generation noch nicht in die Gegenwart treten dürfte. Mein hauptsächlichster Wunsch ist, daß die Schrift die beabsichtigte Wirkung Hervorbringen möge. Geht dieser Wunsch in Erfüllung, dann wird mein Nebenwunsch, daß Sie auch als Buchhändler mit dem Unter, nehmen zufrieden sein mögen, nicht unerreicht bleiben. Ich habe alles dasjenige zusammengestellt, was die Christen bewegen kann, den seit herigen Weg gänzlich zu verlassen, und Alles vermieden, was sie dagegen bedenklich machen könnte. Mögen nun jüdische Schriftsteller, in ihrem Eifer zur Förderung der Sache, nicht vielleicht Dinge in die Welt schicken, die dem Zwecke nachtheilig werden könnten. Auch die Juden haben oft Ursache, sich mehr vor ihren Freunden als vor ihren Feinden in Achl zu nehmen. Mit herzlichster Hochachtung und Ergebenheit. Der Ihrige St reck fuß. Nun ist es überaus interessant zu sehen, wie zu einer solchen Schrift der alte Streitrufer in der Judenfrage, Rießer, sich stellte: Er hatte es übernommen, eine kurze Rezension darüber zu schreiben: bei seiner schwerflüssigen Art wurde jedoch ein ganzes Heft daraus, das naturgemäß nicht wenige Wochen, sondern einige Monate nach Veröffentlichung der Schrift fertig wurde. Er wollte es, wie er am 28. November 1843 schrieb, in die von dem als Lexikographen bekannten W. Freund gleichfalls im Befischen Verlage erschienenen Hefte, „Zur Judenfrage in Deutschland. Vom Standpunkte des Rechts und der Gewissensfreiheit" geben, wo es, wie er meinte, ein ganzes Heft füllen würde, nur glaubte er, nach einer Andeutung Freunds, annehmen zu müssen, daß die Hefte bald aufhören würden, im alten Verlage zn. erscheinen, und wollte in diesem Falle Veit das Verfügungsrecht über die Besprechung wahren. Wirklich nahm Veit die Schrift als besondere Broschüre in seinen Verlag (1844), womit Rießer sich am 17. Februar 1844 einverstanden erklärte. Aus den unmittelbar folgenden Jahren ist kein Zeugniß einerbrieflichen Verbindung erhalten. Erst das Jahr 1847, welches in Preußen manche Hoffnungen auf eine erfreuliche Neugestaltung bei jüdischen Verhältnisse erregte, rief solche hervor. Am 17. April 1847 schickte Rießer einen von ihm verfaßten, von 27 der angesehensten Hainburger Juden unterschriebenen Dankbrief an „den wärmsten und beredtesten Vertheidiger des Rechts der Inden bei den Rheinischen Landständen" (Beckerath, vgl. Rießers Leben S. 376, weder Dankbrief als ein von der „Gesellschaft für soziale und politische Interessen" ausgehender bezeichnet wird), und bat Veit um eine persönliche Abgabe des Briefs. Den zu Berlin stattfindenden Ver Handlungen des vereinigten Landtags schenkte Rießer die größte Aus nrerksamkeit. (Ueber diese Verhandlungen des vereinigten Landtage und deren Resultat darf kurz auf Geiger 1. c. I., S. 194, 196 hin gewiesen werden.) Das Votum vom 20. Mai war ihm, wie er schrieb (25. Mai 1847), unerfreulich. Doch hoffte er, nach den Andeutungen eines andern Berliner Korrespondenten, daß in der Hauptschlacht die Entscheidung anders fallen könnte. „Ich hoffe, es sind noch eine Anzahl Stimmen vorhanden, die sich nicht dazu erheben konnten, den Knoten in scharf prinzipieller Weise durch den Wunsch des Wegfalls jeder religiösen Qualifikation für da§

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