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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-03 · Heft 18 (3.5.1895) · p. Seite 211

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
Seite 211 (sequence 9)
Language
German
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211 5« besuchen. Als sie aber in die Citadelle kam, war Herr Dreyfus schon auf dem Dampfer. Stadt St. Nazaire, auf dem Wege nach den lies du Salut. Dem Reporter, der das Erzählte aus dem Munde der edeln Frau erfahren, hat sie förmlich erklärt, sie habe schon bei der Behörde um die Erlaubnis; angehalten, sich zu ihrem Gatten begeben zu dürfen um seine Haft mit ihm zu theilen; ihre zwei Kinder überlasse sie der Fürsorge ihrer Muttter. Die Pariser Blätter waren vor Kurzem damit beschäftigt zu ermitteln, woher die Partei des Generals Bonlanger die ungeheuere Suinme von 7'/o Millionen genommen hatte, welche Boulangers Schwindel gekostet hat. Jetzt erfährt man aus völlig glaubwürdiger Quelle jEH. Laurent in der Zeitung Le Jour), daß Baron von Hirsch vier Millionen zweimalhunderttausend Francs dazu gegeben hat. Der Marquis von Breteuil und der Marquis von Beauvoir, zwei Häupter der royalistischen Partei, baten den Baron von Hirsch, ihnen für die Rechnung des Grafen von Paris 200,000 Francs vorzuschießen, die nöthig waren, um Boulangers Kandidatur im Norddepartement zu unterstützen. Der Baron händigte ihnen sogleich einen Cheque von diesem Belaufe ein und verbrannte in der Gegenwart beider Marquis den ihm von ihnen unterschriebenen Empfangschein. Gegen Ende desselben Jahres schoß die Herzogin von Uzes für die weitere Beförderung Boulangers dem Grafen von Paris drei Millionen vor, und bei dieser Angelegenheit spielte unser Glaubensgenosse, Herr Arthur Meyer, Direktor des „Gaulois", eine der Hauptrollen. Aber als im Januar 1889 Boulauger als Deputirter iu mehreren Departements ernannt wurde und dieser dem Grafen von Mun versprochen hatte, nach Kräften für die Monarchie thätig zu sein, bedurfte es einer neuen und noch bedeutenderen Anleihe, um Boulauger allmächtig zu machen. Da wandte man sich abermals an Baron von Hirsch, oer deni Herzog de la Tremonille vier Millionen ohne Bedingung auf Rechnung des Grafen von Paris vorschoß, voir welcher Summe 351,000 Francs übrig blieben rmd zur großen Unzufriedenheit vieler Royalisten dem Baron zurückgegeben wurden. In Paris wird schon seit mehreren Jahren bei H. Lamirault, 01, Rue de Rennes, ein Konservativns-Lexikon „la Grantle Encyclopedie“ in Lieferungen veröffentlicht, es sind ihrer schon über tüufhundert. Die Artikel, welche die Litteratur der Juden und deren Träger zum Gegenstand haben, lassen in mancher Hinsicht zu wünschen übrig. Eine Ausnahme muß jedoch für den Artikel „lull" gemacht werden, dessen Verfasser H. Theodore Reiuach ist. Mit großem Fleiß, merkwürdiger Umsicht und jener lichtverbreitenden Klarheit, die uns Franzosen so ziemlich eigen ist, hat er den überwuchernden Stoff einer Universalskizze des Judenthums bewältigt und in den engen Rahmen einiger Blätter zusammengedrängt. Es versteht sich von selbst, daß Herr Reinach keine Apologie des Judenthums schreiben konnte noch wollte und daß er, um bei Nichtjuden lein Mißtrauen zu erregen und jeden Schein von Voreingenommenheit zu Gunsten seiner jüdischen Glaubensgenossen zu vermeiden, den Gegnern unserer Religion hier und da irgend eine unbedeutende Konzession einräumen mußte, die seine Unparteilichkeit bethätigen sollte. Möglich ist es auch, daß der Verfasser ohne Berechnung, sondern aus voller Ueberzeugung dasjenige rügt, was ihm bei seinen Glanbensgenossen nicht gefüllt. Mithin kann man sich eines gewissen und unheimlichen Gefühls nicht erwehren, wenn man unter der Feder eines Glaubensgenossen, der. wie ich glaube, mit Leib und Seele am Judeuthum hängt, Aeußerungeu begegnet, die man gewohnt ist, nur auf der Zunge unserer Gegner zu finde». So z. B. betont Herr Reinach, daß die Juden wenig Geschmack oder Anlage (per, d’aptitude oude gout) für Beschäftigungen haben, die eine große physische Anstrengung erheischen, wie Ackerbau, Marine, mühsame Handwerke u. s. w. Abgesehen davon, daß die Juden bis zur Zerstörung des Tempels von jeher solche vorzügliche Ackerleute waren, daß sie aus den dürren Felsen und den sandigen sonnenverbrannten Ebenen, die das heutige Palästina ausmacheu, einst die köstlichsten Produkte zogen, die sie weithin ins Ausland versandten, abgesehen auch davon, daß sie zur Zeit der Hasmonäer, unter der Anleitung der Syrier, sich zu tüchtigen und geschickten Handwerkern heranbildeten, die selbst eine ganze Vorstadt von Jerusalem, die Bezeta, einnahmen, und daß sie unter den Ptolomäeru in Aegypten nicht nur blühende Korporationen von Handwerkern bildeten, denen sogar in den jüdischen Tempeln besondere Abtheilungen angewiesen waren, sondern auch fast ausschließlich das ganze Fluß- und Seewesen Alexandriens in ihren Händen hatten, so steht fest, daß sie selbst im Mittelalter, trotz der zahlreichen Einschränkungen, die es ihnen erschwerten, die mühsamsten Handwerke trieben, ja selbst da, wo es ihnen gegönnt ivar, ein Stückchen Erde zu besitzen oder zu miethen, dem Ackerbau sich ergaben. Daß dieses heut zu Tage noch bei vielen unserer Glaubensgenossen Thatsache ist, kann ich selbst bestätigen. Während eines zehnjährigen Aufenthaltes in Rumänien und einer unifassenden mehrnionatlichen Reise durch Südrußland war es mir, durch die Natur des Amtes, das ich bekleidete, gegönnt, mich aufs Genaueste mit den winzigsten Umständen des jüdischen Lebens daselbst vertraut zri machen. Ich konnte mich überzeugen, daß, weit entfernt den schwersten Handwerken abgeneigt zu sei», die Juden dort fast ausschließlich den Handwerkerstand bilden, der freilich die Handwerker, in Folge der ungenügenden Bezahlung, bei Weitem noch nicht zur Fertigkeit gebracht hat, und daß sie mit Vorliebe Ackerbau treiben da, wo ihnen keine gesetzlichen oder landwirthschaftlichen Hindernisse in den Weg gelegt werden. Während der zwanzig Jahre, seitdem ich nach Frankreich, meinem Vaterlande, zurückgekehrt bin, ist kein Jahr verstrichen, ohne daß ganze Gruppen von jüdischen Familien sich an mich gewendet haben, um mich zu bitten, ich möchte doch durch meine Vermittelung, deren Wirksamkeit sie zwar überschätzten, ihnen die Erlaubnis; und Mittel verschaffen, sich irgendwo ansässig zu machen, wo sie, sammt Frauen und Kindern, sich dem Ackerbau widmen könnten. An Geschmack und an Neigung für Ackerbau fehlt es also den Inden sicherlich nicht, wenn die Umstände danach angethan sind, und ivas die Anlage dazu anbetrifft, so wird »ran Ackermann, wenn man ackert, gerade wie man Schmied wird, wenn man schmiedet. G'est en forgeant qu’on deront forgeron. Ich behalte mir vor, künftig andere Aeußerungen zu erörtern, die mir in H. Reinachs Artikel anstößig erscheinen. Aniiti. Aus M. Veits Nachlaß. Mittheilungen von Prof. Dr. Ludwig Geiger. V. f er nächste Gegenstand der Rießerschen Briefe war eine sehr merkwürdige Schrift. Man erinnert sich des miliebsamen Aufsehens, das im Jahre 1833 die erste Streckfußsche Judenbroschüre gemacht hatte, die die Veranlassung zu der Korrespondenz zwischen Veit und Rießer gab. Seitdem war Streckfuß nicht blos älter, sondern milder geworden. Vielleicht hatte auch die persönliche Bekanntschaft mit gebildeten Juden, mit Veits Bruder, dem.Banquier Uhde Veit, und mit seinem Schwager Jos. Lehmann, manches Vorurtheil besiegt.

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