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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-03 · Heft 18 (3.5.1895) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
Seite 210 (sequence 8)
Language
German
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210 und altgewohnte Zeremonie, daß auf dem Boden religiöser Gesinnung! ein Ideal emporkeimen muß, für das man mit aller Kraft eintritt. : Die Orthodoxen imputiren den Freisinnigen, daß cs ihnen nur um Bequemlichkeit zu thun sei, daß sie nichts mehr als die opferheischenden religiösen Gebote zerstören wollen. Das ist einfach nicht wahr. Die Freisinnigen vertreten ein Ideal, das Ideal, das Judenthum von den beengenden Fesseln des Formalismus z» befreie», damit es, wenn auch nicht der Zahl seiner Bekenner, aber seinem Wesen und seinen Anschauungen nach sich als das zeige, als was es vom Anfang an zu sein bestimmt war — eine Weltreligion, und es wäre das größte Unglück, das der Antisemitismns anrichteu könnte, wenn j die Juden diese Bestimmung des Judenthums vergäßen, vom poli-! tischen Leben zuriickgedrängt, auch der Schwungkraft des Geistes ver-! lustig würden und im engen Gebiete des Formalismus, i» den vier j Ellen der Halachah, vollständiges Genüge fänden. Ein Unglück j darum, weil ein künftiges, in bessern Zeiten lebendes Geschlecht entweder von vorn anfangen müßte oder mißmuthig dem Judenthum den Rücken kehren würde. Die böhmischen Juden bildeten immer die Elite der Juden Oesterreichs; die meisten der österreichischen Juden, die einen Namen haben, stammen aus Böhmen, und die reaktionäre Zeitströmung berührt noch kaum mit ihrem Wellenschlag die böhmische Judenheit. Aber der rege religiöse Geist, der die Schaffenskraft gebiert, beginnt langsam zu erschlaffen. Das beweisen manche Borkommnisse. In einigen der fortgeschrittenste» Gemeinden wählte man konservative Rabbiner, beileibe nicht ans Gcsinnnngstüchtigkeit. sondern ans Jndisferentismus, weil es den Leute» ganz gleichgiltig ist, ob dort oben auf der Kanzel ein Schüler der Hochschule oder des orthodoxen Seminars steht; auf ihr Leben gestatten sie ja dem Rabbiner nicht den mindesten Einfluß. Die kleine» Gemeinden, die nach dem neuen Gesetze auch einen Rabbiner haben müssen, wählten den Kantor, den Volksschullehrer oder den Schochet zum Rabbiner. Der Religionsunterricht liegt im Argen bis auf einige Gemeinden, wo ernstlich strebende Rabbiner trotz des unbrauchbaren ziemlich allgemein verbreiteten Lehrplanes über diesen Lehrplan hinweg nach eigener Methode ein klares Ziel beim Religionsunterricht ins Auge fassen. Doch ist noch kein Grund zum Verzweifeln. Die Ermüdung und Erschlaffung fängt ja nur an zu Tage zu treten, und ein energisches Wollen vermag heute noch alle bösen Geister zu bannen. Da wäre nun die Kultusgemeinde Prags berufen, in die Bresche zu trete», und der Präses derselben, Dr. Rosenbacher, hat ja Energie und warmes Herz für das Judenthum genug, der richtige Mann am richtigen Platze zu sein. Aber der leidige Widerstreit zwischen Prag und Landgemeinden! Wie eine nnausfüllbare Kluft trennt sie, was vereinigt uub zielbewußt handeln sollte. Man kann die Prager Kultusgemeinde von der Schuld nicht freisprechen, dort lebt noch der kleinliche Geist vergangener Jahrhunderte, der Jeden, welcher nicht ein Prager war, einen „Draußigen" nannte und das größte Maß der Geringschätzung in diesen Ausdruck zu legen ivußte. Ein Draußiger hat keine Rechte und keinen Verstand lind darf keinen Willen haben und darf nicht mitzählen, denn Prag ist sich selbst genug, und so richtet sich Jeder auf eigene Faust zu Grunde. Denn Prag will nichts thun, die Landgemeinden sind es ohne Prag nicht im Stande, und so verkümmert Alles. Welche Mühe kostete es, nur den Rabbiner-Verband ins Leben zu rufen! Dreimal mußte es von den Rabbinern der Landgemeinden versucht werden, und es wäre ihnen nie gelungen, wenn nicht das neue Gesetz die Dispensrabbiner zu Tage gefördert hätte, gänzlich unwissende Leutchen, die früher als untergeordnete Gemeindebeamte ihr Leben fristeten und plötzlich zur Würde eines Rabbiners gelangten. Der Rabbinerverband wurde zunächst gegründet, um diese Leutchen von sich fern zu halten. Jetzt ging nun wieder von den Rabbinern der Landgemeinden die Anregung aus, einen brauchbaren einheitlichen Lehrplan sestznstellen, die größte That, die der Rabbinerverband überhaupt leiste» kann, und schon hört man, daß Prag nicht offene, sondern versteckte Opposition macht. Die Rabbiner der Landgemeinden riefen eine neue Monatsschrist ins Leben, die von Dr. Stern in Saaz redigirte „Jüdische Chronik", welche für einen Gemeindeverdand eintritt. Die Vorsteher der größer» Landgemeinden erkennen die Nothwendigkeit eines solchen Verbandes, aber Prag ist sich selbst genug und will nicht mitthun. Man wirft uns Juden Solidarität vor; ach, wenn nur dieser Borwurf gerecht wäre! Wenn wir nur eine gut organisirte Solidarität hätten, wenn wir uns nur gewöhnen wollten, immer eine» Führer zu wählen, von dem wir Verhaltungsmaßregeln empfange» und befolgen. Wir leben in einem großen Kampf, und Jeder marschirt getrennt und wird getrennt geschlagen, Jeder rettet ans eigene Faust das Judenthum und blamirt oft Alle. Wie wohlthätig würde ei» Genieiudeverband wirken, wen» dort die Weisesten und Beste» überlegten, was zu thun, was zu unterlassen sei, wann gesprochen und wann geschwiegen werden muß. Aber, wie das Sprichwort sagt, die Geschichte wird studirt, um ihre Lehren nicht zu befolgen, sonst müßte man ja ans dem Buche der Richter wie in einem Spiegel das Bild unserer heutigen Zeitverhältnisse erblicken und sofort erkennen, was noth thnt, daß eine Rettung nur möglich, wenn ein Führer in Israel, unter dessen Leitung Alle vereinigt marschiren- Das ist das Erste, >vas der böhmischen Judenheit noth thnt, und in Böhmen ist noch Zeit, weil wir vom Antisemitismus noch nicht viel zu leiden haben und eine Abwehr noch möglich ist. Aber Prag ist sich allein genug! Ploni. Pariser Briefe. Paris, im April. CJgfcn Ergänzung zu meinem letzten Briefe theile ich den wertheu Lesern heute mit, daß die Kommission der französischen De- (3^ putirtenkammer, welche beauftragt war zu untersuchen, ob unser Glaubensgenosse, Herr R a y n a l, früherer Minister be? Innern, in Anklagezustand versetzt werden sollte, weil er, als Minister, mit den Eisenbahnkompagnien Konventionen abgeschlossen hatte, die seine Ankläger als dem Staate sehr nachtheilig schilderten, endlich vor einigen Tagen einstimmig, den Erklärungen des Berichterstatters Tartan gemäß, Herrn Raynal für Glicht schuldig erklärt hat. Letzterer, ebenso wie die hochgestellten Würdenträger, welche die Kommission ins Verhör genommen, hatten nämlich sonnenklar bewiesen, daß jene Abmachungen zum größten Vortheile des Staates stattgefunden hatten. Ich ergänze ebenfalls meine letzten Mittheilungen, was den Ezkapitän As red Dreyfus betrifft. Die treue und unermüdliche Gattin desselben, eine geborene Hadamard, hatte am 19. Februar die Erlaubnis; erlangt, ihren unglücklichen Mann auf der Insel R< zu besuchen. Ihr Bruder begleitete sie dahin; sie allein durfte jedoch in die Citadelle dringen. Es wurde -ihr gestattet, nur in einer Entfernung von drei bis vier Metern nur in französischer Sprache und in Gegenwart eines Hauptmanns der Besatzung, mit Herrn Dreifns zu sprechen. Weder dessen Prozeß, noch das Regime, dem er im Gesängniß unterworfen war, sollten in ihrem Gespräch berührt werden. Sie beabsichtigte, ihren Eeutahl den Tag darauf abermats

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