Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- Seite 209 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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209 läutete gerade zu Mittag, als ich die Anstalt verlassen wollte. Ich konnte es mir nicht versagen, noch einmal den Speisesaal zu betreten, wo sich die kleine Bevölkerung des Hauses auf das ersehnte Zeichen rasch angesammelt hatte. Helle Freude auf allen Gesichtern, leuchtende Augen, rothe Backen . . . Denn der dem Feld schickt Thau und warme Winde, Er schickte Labung seinem Waisenkinde! Und nun zum Schlüsse noch einige flüchtige Notizen über die Organisation der Anstalt, in der sechs Lehrkräfte, drei männliche und drei weibliche, wirken. Bis jetzt sind neunzig Kinder im Hause untergebracht, darunter etwa 44 protestantische, 40 jüdische und 4 katholische, die sämmtlich den Religionsunterricht ihrer Konfession erhalten. Die Anstalt hat, wie bereits bemerkt, vorläufig nur drei Schulklassen. Die anderen Kinder besuchen das Gymnasium oder Die höhere Töchterschule in Wilmersdorf. Die Kinder sind im Alter von 6—16 Jahren. Erwähne ich noch, daß das Haus zunächst Ramn für hundert Kinder bietet, und daß der Stifter die Besetzung von zehn Freistellen für außerordentliche Fälle sich Vorbehalten hat, so habe ich wohl das Wichtigste über die äußere Organisation der jungen Anstalt gesagt, die kaum seit vier Wochen besteht und doch schon einen so durchaus fertigen Eindruck macht, als wäre sie seit Jahren im vollen Gange. Das ist im Wesentlichen das Verdienst des Stifters wie des Leiters der Anstalt, deren Direktor Dr. Georg Heinitz, ehedem Lehrer an der Jacobson-Schule in Seesen, mit Liebe und Eifer, aber auch mit großer Sachkenntnis; dem Werke sich widmet. Und nun gestatte man mir noch ein Wort über den Gesammtcindruck. Die neue Erziehungsanstalt ist in sozialer wie in pädagogischer Hinsicht von großer Bedeutung. Der Begründer derselbe» hat nicht die Absicht gehabt, zu den bereits bestehenden Waisenhäusern noch ein neues hinznzufügen. Die Anstalt nimmt ausdrücklich auch Kinder auf, deren Eltern noch leben, und hilft dadurch einem große» sozialen Mißstande ab. Und ferner: In einer Zeit, wo man von allen Seiten die Steine herbeiträgt, uin die scheinbar schon abgetragene Mauer konfessioneller Vorurtheile wieder aufzurichte», ist j hier ein Heim der reinen Menschenliebe geschaffen worden, in dem der Keim gegenseitiger Dllldung und Achtung schon in die Kindesseele gelegt werden soll. Und schließlich noch ein allerletztes Wort, das man mir von meinem religiöse» Standpunkte schon gestatten muß: Es ist gar keine Frage, daß durch diese Anstalt in vielen Kreisen der Antisemitismus verschwinden und einer besseren Einsicht vo» Juden und Judenthum Platz machen wird. Lernen und spielen doch hier die Kinder pommerscher Gutsbesitzer und die Mündel westfälischer Pastoren neben armen jüdischen Kindern ans allen Theilen des Reiches. Das ist eine Thatsache von hoher sozialer Bedeutung. Es stünde uns gerade schlecht an, den Mann zu loben, der dies Heim der Menschenliebe erschlossen hat. Es ist dies auch nicht »öthig. Das Werk wird selbst den Meister loben, und die höchste Befriedigung wird der Stifter dieses Werkes nicht in der Anerkennung der Menschen, sondern in dem Gedeihen desselben finde», s Anders als in alten Tagen ivird heute die Frage, wer bei Lebzeiten schon glücklich zu preisen sei, beantwortet werden. Biele aber werde» sicher die Ueberzeuguug theilen, daß der Manu glücklich zu nennen ist, dem es beschieden, dieweil noch im Lichte der Sonne wandelt und sich seines Lebens freut, das Werk zu schauen, das seine» Namen ( dauernd erhalten wird. 6. K. j Briefe ans Böhmen. ^^j^Tar einmal die Kultusgemeinde Prag mit den Kultusgemeinden des Landes in Uebereinstimmnng? Die Geschichte j 0 meldet davon nichts, aber vom ewigen Zwist und ewigen Hader zwischen beiden wird oft berichtet. Prag mit einem Viertel aller Juden Böhmens sollte tonangebend für alle böhmischen Gemeinden sein und die Führung in jeder Frage übernehmen, die das Interesse der Juden berührt. Es ist dies aber nicht der Fall, die Anregung zu neuen Schöpfungen kommt vom Laude, und Prag, sich selbst genug, erhebt immer Widerspruch, der selten besiegt, und wenn besiegt, nie gänzlich besiegt werden kann. Die Rollen sind vertauscht, die Landgemeinden sind noch schöpferisch und fortschrittlich, Prag allein in Böhmen konservativ, um nicht reaktionär zu sagen. Bei Leibe nicht die Einzelnen, ich glaube nicht, daß sich auch nur ein Fünftel der Prager jüdischen Familien am Pessach vom Clianiez- Brod und Bier fern hält, ich glaube nicht, das; auch nur ein Prozent aller jüdischen Bewohner Prags Sabbath nach Vorschrift hält, eher weniger, von Terefah und Mikwali gar nicht zu reden; aber die Gemeinde will konservativ heißen, die Flagge soll Alles decken, die Institutionen müssen unverändert bleiben, mag auch die Form eines jeden Inhaltes entleert sein. Heute ist die Prager Kultusgemeinde zahlreich, aber bedeutungslos für die Entwickelungsgeschichte des Judenthums. Es muß ja nicht so bleiben, es bedarf ja nur eines ernstlichen Wollens, und die Eisdecke berstet. Wenn einmal Dr. Rosenbacher, der Vorsteher in Prag, erkennen wird, daß die zehn orthodoxen Familien, die in Prag etwa sein mögen, nicht das Recht haben, den Hemmschuh überall anzulegen, wenn er einmal glauben wird, daß die anderen viertausend Familien nur darum so indifferent sind, weil sie unmöglich Interesse nehmen können an Dingen, die ihrem geistigen Horizont gänzlich entschwunden sind, dann wird er sich selbst an die Spitze einer frischen, schaffensfreudigen Bewegung stellen. Früher war Prag eine politisirende Gemeinde, die Gemeinderathsstube war die Durchzugsstation, um Abgeordneter des Landtages und des Reichsrathes zu werden. Tie politischen Kreise Böhmens rechneten mit dem Präses der israelitischen Knltnsgemeinde, und ihm war ein Reichsraths- oder wenigstens ein Landtagsmandat gesichert. Die Kultnsgemeinde war ein Posten des deutschen Casinos, und der Präses der Kultnsgemeinde war eine politische Persönlichkeit, die in der liberalen Partei Einfluß besaß. Infolge der neuen halbkonservativen und gar nicht liberalen Strömung ist auf Jahrzehnte hinaus für die Jude:: kein Platz im öffentlichen politischen Leben Oesterreichs, die Inden haben unfreiwillig Zeit und Muße, an de» Ausbau ihres Jndenthums zu denken, und sie wären verblendete Thoren, wenn sie die Hände in den Schooß legen wollten, anstatt Alles zu befestigen und zu vertiefen, damit das Judenthum im Stande sei, eine endlich doch wieder anbrechende Zeit der Freiheit und des Aufschwunges zu ertragen. Es liegt ja auf der Hand, daß eine durch den äußern Druck motivirte orthodoxe Strömung bei anbrechendem Sonnenschein alle edleren und besseren Elemente abstoßen wird und Kämpfe innerhalb des Jndenthums entfesseln muß, die nur jetzt ruhen, weil es den gemeinsamen äußern Feind zu bekämpfen gilt. Klug ist es gerade von den Orthodoxen nicht, daß sie, darauf bauend, in ihren Ansprüchen maßlos werden, und edel ottdj nicht. Aber Beides kann von ihnen nicht erwartet werden, denn „verwandelt tvohl der Mohr seine Haut und der Leopard seine Flecken?" fragte schon Jeremias, als ihm die Orthodoxie Palästinas gegenüberstand, die auch nicht begreifen wollte, daß die Religion etwas mehr sei als Lippeuwerk