Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- Seite 208 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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208 merksamkeit wünschen wir der Waisenpflege zugewendet; wir streben möglichste Durchführung der Waisenpflege an und verlangen namentlich auch frühe und sorgfältige Berücksichtigung des künftigen Berufs und der voraussichtlichen sozialen Stellung der Kinder. Den siechen Kindern wird die ihnen gegenwärtig fehlende besondere Fürsorge gewidmet werden müssen. Unserem Siechenhause und unserer Altersversorguugsanstalt soll, wie bisher, das Interesse unserer Gemeinde zugewendet bleiben. Auf dem Gebiete der Armenpflege streben wir möglichste Centralisation an, daneben neue Einrichtungen, die arbeitsfähigen Armen die Möglichkeit der Arbeit schaffen, namentlich auch die von ihnen längst gewünschten Pflegestätten zur Unterbringung ihrer Kinder während der Arbeitszeit. Die Finanzwirthschaft der Gemeinde sei nicht engherzig; aber mit verständiger Sparsamkeit geführt. Mit Nachdruck fordern wir, daß "Alle, die gesetzlich zur Steuerleistung verpflichtet sind, auch dazu herangezogen werden. Als Kandidaten für die Repräsentantenversanmllung werden wir nur solche Vertreter unserer religiösen Richtung aufstellen, die eines solchen Ehrenamtes würdig, aber auch entschlossen sind, ihre Pflichten voll zu erfüllen. Müssen doch in der Repräsentantenversammlung schwierige Fragender Verwaltung sachverständig entschieden, ernste dauernde "Arbeiten opferfreudig geleistet werden. Dies das Programm unseres Vereins, für das wir Ihre Zustimmung und Mitwirkung erbitten. Unser Verein steht im Zeichen der Treue: der treuen Fürsorge für unsere Gemeinde, der Treue für unfern Glauben, der Treue für die Ideale der Menschlichkeit und des religiösen Fortschritts, der Treue für unser deutsches Volk und Vaterland. Mögen uns geringe Meinungsverschiedenheiten kein Mitglied, keinen Mitarbeiter fernhalten. Wer die Gefahr vermieden wissen will, daß die Berliner jüdische Gemeinde in den Tagen des Antisemitismus im Geiste des Gewissenzwangs verwaltet werde, schließe sich uns an. (Folgen die Unterschriften.) Gin Heim der Menschenliebe. Berlin, 26. April. einem der schönsten Gedichte, welche je dem Erbarmen mit dein Waisenkinde gesungen worden, hat unser Leopold Kompert mit großer poetischer Kraft das Geschick eines Hauses geschildert, das geschützt, bewahrt Nor Sturm und Wetterbrans friedlich liegt in stiller Ruh', bis plötzlich aus des Schicksals dunklem Sitze der Tod vernichtend hervorbricht. Wo ist das Haus? sagt an! Daß Gott erbarme, Ein Waisenkind ringt seine zarten Arme! Der Schrei tönt fort lind fort, er wird zum stummen, heißen Dankgebet. . . Du sturmgebeugte, arme Menschenblüthe, Gefunden ist, daß er dich treu behüte. Ein Wächter, der in Gottes Diensten steht! Und nun fährt der Dichter fort: Vernichtet ward das Haus, des Blitzes Raub; Der Vater ruht im kühlen Erdenstaub. — In Schutt und Moder in der Bau zerfallen. Doch wunderbar! Es steigen neue Hallen Aus den geborstenen Trümmern auf! Nun ist dein Haupt, du müdes Kind, geborgen. In deiner: Augen lacht der junge Morgen, Nun erst beginne muthig deinen Lauf! Denn der dem Feld schickt Thau und warme Winde, Er schickte Labung seinem Waisenkinde. * Und der die Raben letzt auf wüster Flur, Dem Würmchen zeigt der kargen Nahrung Spur, Das Vögelchen auf seinem Flug begleitet, — Er hat, der Herr . . . das Menschenherz besaitet Und es erklingt in seiner Hand! Er hat's bestellt als seinen liebsten Boten, Der wandelnd zwischen Lebenden und Todten In treuer Wacht behüt' das theure Pfand! Erbarmungsvoll die neue Heimath gründe Und Vater sei dem armen Kinde! Es sind nun gerade fünfundzwanzig Jahre her, daß der nnvergeß liche Kompert dieses Gedicht mir für die erste Nummer einer neue» Zeitung sandte, die ich damals begründet hatte. Ein Vierteljahrhunder — und doch stand mir dasselbe so lebendig vor der Seele, als hättich es eben gelesen, nachdem ich heute die neue Erziehungsanstalt fiu Knaben und Mädchen kennen gelernt, die Herr Rudolf Moste ge schaffen hat. Ich bin überzeugt, daß es lebhaftes Interesse bc: meinen Lesern finden wird, wenn ich ihnen etwas Näheres über diese in ihrer Art einzige Anstalt mittheile. Auf einem großen, weiten und freien Platze, fern von dem beengenden Brodem der Großstadt, zwischen Wilmersdorf und Schmargendorf, erhebt sich der Prachtbau dieses neuen Instituts, welches etwa vor einem Monat ohne Sang und Klang eröffnet wurde und seither ebenso still und geräuschlos, aber darum »ich! weniger segensreich wirkt. Schon der erste Eindruck des stattliche» Kuppelban's mit den beiden geräumigen Seitenflügeln von der Straße aus ist ein vortrefflicher. Aber dieser Eindruck steigert sich zu auf richtiger Bewunderung, wenn sich das Haus öffnet und wir d» praktische Einrichtung des Ganzen und jedes einzelnen Theils kennen gelernt haben. Hier ist Alles schlicht, einfach, praktisch und behaglich, aber ohne jeden Luxus. Einen einzigen Luxus hat sich der Begründer der Anstalt gestattet, nämlich — mit Licht und Luft! Eine solche Fülle von Licht und Luft haben wir in keinem ähnlichen Institute und auch in keiner Schulanstalt bisher noch gesehen. Das Parterre des Hauses enthält die Lehrzimmer für die dn» in der Anstalt vorhandenen Schulklassen, die Wohnungen des Direktors, der Lehrer und Lehrerinnen und den Speisesaal. Ich muß hier gleich widerrufen, was ich kurz vorher gesagt habe, denn dieser prachtvolle, hohe und weite Speisesaal, in dem 100 Kinder bequem verpflegt werden können, mit seinen gemalte» Bogenfenstern, ist wohl luxuriös zu nennen und würde jedem Schlosse zur Zierde gereichen. Es soll aber doch nicht unerwähnt bleiben, daß dies der ausdrückliche Wunsch des Begründers der Anstall ist, alle Räume so einfach wie möglich und gerade den Speisesaal so elegant wie möglich zu gestalten. Ein schönes Gemälde von Bernhard Plockhorst gereicht diesem Saal noch zur besonderen Zierde. Im ersten Stock befinden sich die Schlaf- und Waschräume der Kinder. Auch hier ist Alles breit und geräumig, hell und luftig, praktisch und einfach. Ueberall sind die strengsten Forderungen der inodernen Hygiene und Schnlpädagogik zur Ausführung gebracht. Im zweiten Stockwerk sind die Arbeitsräume und Spielsäle der Kinder; in dem für die Knaben fallen uns die besondem Einrichtungen für den Handsertigkeitsnnterricht angenehm auf. Das Haus hat einen Vorgarten, nach rückwärts einen Gemüsegarten und weite Spielplätze, auf denen sich die Kinder sehr behaglich umhertummeln können. Fachmänner mögen die Einrichtung der Anstalt im Einzelne» vom pädagogischen Standpunkte aus beurtheilen, ich für mein Theil muß bekennen, daß dieselbe auf den unbefangenen Besucher einen wahrhaft großartigen, ja, wenn er ein rechter Kinderfrennd ist, sogar auch einen erhebenden Eindruck macht. Die Hausglocke