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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1895-05-03 · Heft 18 (3.5.1895) · p. Seite 207

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
59 (1895)
Issue
Heft 18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
Seite 207 (sequence 5)
Language
German
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207 Ablagerungsstätte gediente hatte. Als die „Egalite" zu Grabe getragen | ward, machte Marquis de Mores einigen Anarchisten — unter diesen J auch dem damals schon eine führende Rolle einnehmenden Charles Malato -- den Vorschlag, gemeinsam ein antisemitisches Kampfblatt herauszugeben. Die Anarchisten lehnten den Vorschlag jedoch ab, weil — wie Malato berichtet — die ultramontane Hand allzu sichtbar war. Einige Zeit nachher erschien unter Moros' Aegide die — „Libre Parole". Wir haben also hier ein Beispiel, wie umgekehrt die Antisemiten oder besser deren Hintermänner um die Koalition mit den Anarchisten buhlen. Malato zeigt in seinem Buche, wie der Ultramontanismus jede radikale und soziale Bewegung in Frankreich auszunützen sucht; er schildert in treffenden Zügen das rasche Emporblühen und den ebenso rasch eintretenden Verfall des Boulangismus, an den man jenseits der Berge so große Hoffnungen geknüpft hatte, und fährt dann fort: „Als die Kleriklalen den Boulangismus verloren sahen, organisirten sie den Antisemitismus. Die Verspottung des persönlichen Opportunismus j durch Drumont hatte eine Anzahl von Anarchisten für ihn gewonnen, i welche — gute Seelen, wie sie waren — sich dem Glauben Hingaben, der ungestüme Polemiker wäre zur anarchistischen Idee bekehrt, oder es fehlte doch nicht mehr viel dazu." Malato theilte freilich diese Ansicht nicht, denn er sah in Drumont ganz richtig den Geschäftsmann der j heute in Anarchismus, morgen in Antisemitismus macht, je nachdem er bei dem einen oder andern größere Aussicht auf Erfolg hat. Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 30. April. er liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde ist in diesen Tagen zum ersten Male mit einem Flugblatt in die Oeffentlichkeit getreten, welches die Grundzüge seines Programms, seine Wünsche und Forderungen in klarer und würdiger Sprache enthält. Das Flugblatt, welches an alle Mitglieder der hiesigen Geineinde versandt wurde, hat folgenden Wortlaut: Wir erbitten hiermit Ihre werkthätige Mitarbeit an unserem kürzlich begründeten Verein, der den Zweck verfolgt, „die religiöse Entwicklung innerhalb der jüdischen Gemeinde zu Berlin zu fördern und darauf hinzuwirken, daß die Verwaltung in liberalem Sinn geführt werde " Gewichtige Ursachen, eine dringliche Veranlassung haben zur Begründung des Vereins geführt. Eine Zeit harter Prüfung ist über uns Deutsche jüdischen Glaubens hereingebrochen. Die Heiligkeit unseres Glaubens, die Sittlichkeit seiner Gebote wird täglich neu bestritten, unser Anrecht auf unser deutsches Volksthum und Vaterland, unsere Stellung als gleichberechtigte Bürger täglich neu angegriffen. Aber dieser Ansturm von außen, so sehr er uns heute schädigt und verletzt, kann unserer guten Sache nur dann zu bauerndem Unheil werden, wenn wir den verderblichen Folgen, die er in unseren eigenen Reihen zu üben beginnt, nicht zu begegnen wissen. Diese Folgen treten sehr verschieden in die Erscheinung. Während die Einen das häßliche Schauspiel des Abfalls bieten, die Andern in stumpfe Gleichgiltigkeit verfallen, suchen Dritte das Heil in der Rückkehr zu starren Formen oder gar zu national-jüdischen Ideen. Wir erleben heute, was die Geschichte so klar aufzeigt: daß in Zeiten äußerer Bedrängniß stets 'Abfall und Zelotenthum gleichzeitig ihr Haupt erheben. Aber die Geschichte lehrt uns auch das Heilmittel dagegen erkennen -. die | Stärkung des religiösen Sinns durch neue innerliche Impulse, die daun! auch den Formen wieder den rechten lebensvollen Inhalt geben. Sie! Kultur-Entwicklung im deutschen Judenthum, wie sie Mendelssohn an- > geregt, die religiöse Entwicklung, wie sie Zunz und Geiger gefördert, I dürfen jetzt weniger denn je ins Stocken kommen Aber was wir wollen ist nicht gewaltsame Umgestaltung, sondern friedliche Entwicklung, die zuletzt immer geeinigt, noch niemals getrennt hat. Wir stehen auf dem geschichtlichen Boden unseres Glaubens; wir halten nicht blos seinen idealen Kern, sondern auch seine wesentlichen Formen hoch, aber eben darum wollen wir diese Formen weiter entwickelt wissen, damit sie nicht zu leeren Formen werden, sondern bleiben, was sie immer gewesen: der dem jeweiligen Kulturstand entsprechende gemeinsame Ausdruck religiösen Empfindens. Vor Allem in Berlin sind von jeher die geistigen Kämpfe des deutschen Judenthums ausgefochten worden. Wir wollen unserer Väter nicht unwürdig werden Wer mit uns der Ueberzeugung ist, daß die Förderung unserer religiösen Entwicklung gerade in diesen traurigen Tagen in Berlin nicht länger einer Pflegestätte entbehren darf, geselle sich zu uns! Aber auch eine nächste dringliche Veranlassung hat zur Begründung unseres Vereins geführt. Im Herbst dieses Jahres finden die Wahlen zur Repräsentanten-Versammlung statt. Schon heute haben die Liberalen dort kaum noch eine Mehrheit! Die Gefahr, daß die bedeutendste Gemeinde Deutschlands auf Jahre hinaus als Versuchsplatz reaktionärer Bestrebungen auf allen Gebieten unseres religiösen Lebens diene, ist eine brennende geworden! So entrollen wir denn die Fahne des religiösen Fortschritts im Judenthum. Liberale nicht blos dem Namen, sondern auch der Ueberzeuguug nach, wollen wir niemals Gewissenszwang üben. Unseren Glaubensbrüdern, die einen anderen religiösen Standpunkt einnehmen, sei die Erhaltung von Einrichtungen, welche diesem Standpunkt entsprechen, gern zugestanden, aber das Schlagwort der „Gleichberechtigung" j darf nicht mehr, wie in letzter Zeit, dahin verstanden werden, daß nur I jede Forderung der orthodoxen oder scheinorthodoxen Minderheit erfüllt werde — Gleichberechtigung auch für uns, die große liberale Mehrheit der Gemeinde! Noch entbehrt die Gemeinde eines Gotteshauses mit vorwiegend deutschem Gottesdienst, an dem Alle, namentlich unsere Frauen und Kinder, mit vollem Verständniß und darum auch mit rechter Erbauung theilnehmen können. Was unsere Vorfahren schon vor Jahrtausenden nothwendig fanden-, der Gottesdienst in der Landessprache, kann heute keine verderbliche Neuerung sein! Unsere Losung in allen Fragen des Kultus ist: wie wir keinen Gewiffenzwang üben wollen, so werden wir auch keinen Gewissenszwang dulden! Von größter Wichtigkeit ist uns der Religionsunterricht unserer Jugend. Die erhabenen Erinnerungen unserer Geschichte, die großen sittlichen Gebote unseres Glaubens müssen unseren Kindern in wärmster, eindringlichster Weise mitgetheilt werden. Mit Verständniß und echter Pietät wird dabei zu scheiden sein, was an den Vorschriften rein formal ist oder nur auf das ehemalige Volksbewußtsein Bezug hat, und was für das religiöse Bewußtsein wichtig und wesentlich ist. Dies religiöse Bewußtsein tief und unlöschbar in die jungen Herzen einzugraben, muß unsere wichtigste Aufgabe sein; besser als behördlicher Zwang verbürgt uns die Einrichtung eines solchen Unterrichts unsere Zukunft! Wir empfinden die Bedrängnisse der Gegenwart als ungerecht und erhoffen eine lichtere Zukunft für unsere Kinder; aber wenn es auch ihnen beschieden sein sollte, um des Glaubens willen zu leiden, so werden wir ihnen die trostvolle Erkennlniß einprägen, daß es ein köstliches, unsterbliches Gut ist, um dessentwillen sie leiden. Wir wollen unsere Kinder in dem Geiste erziehen, der uns selbst erfüllt: der Liebe zu unserem Glauben, der Liebe zu unserem deutschen Volke. Sie sollen bleiben, was wir sind: Deutsche nicht blos nach Sprache und Bildung, geschweige denn gar nur nach dem bestehenden Recht, sondern auch Deutsche der Empfindung nach. Darum erachten wir es als eine unabweisbare Pflicht unserer Gemeinde, jedem Versuch, die Echtheit dieser Empfindung zu verdächtigen, jedem Angriff auf unsere bürgerliche Gleichstellung thatkräftig entgegenzutreten und die Bestrebungen berechtigter Abwehr zu fördern. Wir wünschen, daß unsere Gemeinde die Wissenschaft des Judenthums unterstütze. Wir sind namentlich für den würdigen Ausbau der bestehenden Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums zu einer Hochschule unter Mitwirkung der Hauptgemeinden Deutschlands und möchten unserer Gemeinde die Initiative zu diesem großen und segensreichen Unternehmen gewahrt wissen. Für wünschenswerth halten wir auf gleicher Grundlage auch die Fortbildung der Lehrer-Seminare und die Errichtung einer Ausbildungsanstalt für Kantoren. Wir wünschen die würdige Erhaltung und Entwickelung unserer Humanitären Einrichtungen. Unser Krankenhaus muß auf der Höhe her modernen Wissenschaft und Humanität erhalten bleiben. Volle Auf-

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