Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 59 (1895)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1895)
- Date
- 1895-04-26
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 h ebräischer Sprache (und zwar aus dem Stehgreife) über das Leben und Wirken Rabbi Kalischers gehalten hat. Die Zuhörer lauschten jedem Worte mit Heller Begeisterung. Redner schloß seinen inhaltsreichen Bortrag, der ca. zwei Stunden in Anspruch genommen und einen starken Eindruck hervorgerufen hat, mit einem warmen Appell an die Anwesenden, daß sie den gottseligen, frommen und ehrlichen Mann stets vor Augen haben und seine edlen Werke zur Nachahmung nehmen mögen, worauf die Versammlung zu Ehren des Tobten von ihrem Platze sich erhob. Rumänien. <1. Belgrads 21. April. Es wird Ihre Leser zweifellos interessiren, daß unter den in den letzten Tagen von der Negierung ernannten Deputirten zu der Skupschtina in Serbien sich auch ein Jude, Namens Edija Bully befindet. Derselbe ist ein hochangesehener Banquier, bekannt wegen seiner Wohlthätigkeit und Einer der Führer der Fortschrittspartei, welche gegenwärtig am Ruder ist. Als Deputirter der Skupschtina war er auch vor etwa zehn Jahren thätig und hat durch seinen Einfluß viel für die Emanzipation der serbischen Juden beigetragen. Schweiz. & Bern, 22 April. Eine Anzahl Antisemiten, die sich als Thierfreunde ausgaben, hat es, wie Sie wissen, dahin gebracht, daß im Jahre 1898 durch allgemeine Volksabstimmung folgende Schlachthausbestimmung in die Bundesverfassung hineingelangte: „Dos Schlachten der Thiere ohne vorherige Betäubung vor dem Blutentzuge ist bei jeder Schlachtart und Viehgattung ausnahmslos untersagt." Obwohl der Verfassungsartikel allgemein vom Schlachten der Thiere redet, wendet man ihn nur gegen das Schächten von Vieh an. Letzter Tage ist es nun dem Sigerist der israelitischen Gemeinde in Basel passirt, daß er dem Polizeirichter angezeigt wurde wegen Schächten von Tauben! Er habe Tauben vom Leben zum Tode gebracht, ohne daß er sie betäubte vor dem Blutentzuge. Das Gericht sprach den Delinquenten frei. Die Presse der Stadt Basel betont, nach diesem Urtheil erscheine das Schächten von Wildpret, Hühnern, Tauben, Fischen re. gestattet. Jedenfalls werden diese Thiere beim Tödten viel mehr gequält als das Schlachtvieh beim Schächten, zumal nach Erklärung der Physiologen das Schächten kein thierquälendes Todtungsverfahren sein soll. Rußland. fg. Petersburg, 17. April. Aus einer sonst gut unterrichteten Quelle erfahre ich: Auf Verfügung des Zaren dürfen offiziöse und amtliche Blätter nicht mehr eine so judenfeindliche Sprache wie früher führen. Ter Zar hat seine Verfügung damit motivirr, daß er in seinem Staat den Antisemitismus nicht großziehen lassen wolle. Vielleicht in Rücksicht auf diese zarische Willenskundgebung haben auch manche hiesige Blätter, die ehemals als Judenkläffer groß thaten, sich in der Judenfrage Grenzen gesteckt. Im Königreich Polen wird der vom General Gurko auf die Judenschaft gesetzte Druck etwas gehoben. Graf Schuwalow gestattete, viele jüdische sistirte Fabriken wieder in Betrieb zu setzen itnb in weniger wichtigeren öffentlichen Behörden wieder jüdische Beamte anzustellen. Von solch einer Gunsterweisung ist anderswo im Reich natürlich keine Rede. Von Nah und Fern. ----- Am 17. d. starb hier der frühere Professor der Medizin an der Universität Bukarest Dr. M. Wertheim er im eben vollendeten 83. Lebensjahre. Die Beerdigung fand am 21. d. von der Leichenhalle des Friedhofs in Weißensee aus statt. — Im Jahre 1894 sind in Preußen 1480 selbstständige Personen naturalisirt, bezw. in den Staatsverband aufgenonnnen worden; darunter befinden sich der Religion nach 1050 evangelische und 406 katholische Christen und 24 Juden- Ehefrauen und minderjährige Kinder sind in den mitgetheilten Zahlen nicht enthalten. — Die Antisemiten haben abermals eine neue Partei gegründet. In Leipzig hoben die Herren Ahlwardt und Böckel, unterstützt von nicht weniger als siebzehn Vertretern aus ganz Deutschland, das Kind aus der Taufe. Es wurde antisemitische Volk spartet genannt. Die Parteispielerei wird immer komischer. Das meterlange, recht bunte Programm enthält u. A. nachstehende Forderungen: Die Ausscheidung alles Judenthums aus dem Staats-, Volks- und Geistes leben (als Kennzeichen des Judenthums ist die Rasse zu betrachten) Ausschließung der Juden und Judenmischlinge aus allen öffentliche? Aemtern, aus dem Rechtsanwalts-, Aerzte- und Lehrerftande, aus beitr Heere sowie aus der deutschen Presse; Verbot der Judeneinwanderung- Verbot von Halten weiblichen Personals arischen Stammes; Unterricht in besonderen Schulen; Verbot der Führung deutscher Namen um Firmen; Einrichtung einer Judenstatistik, Ausschließung der Juden voi. öffentlichen Lieferungen und Verpachtungen; Verbot des Schächten^ Abschaffung des Ordens- und Titelwesens; Trennung der Kirche vori Staat; Unterscheidung von berechtigtem und Gewalteigenthum, letztere ist zu verwerfen; allmählicher Ankauf der Großbetriebe in Land wirthschaft und Gewerbe durch Staat und Gemeinde; Unschädlich machung der gemeingefährlichen Hochstnanz re. w — Archiva Dr. Winter in Magdeburg, als hervorragendes Vorstandsmitglied des Abwehrvereins und durch seine Wirksamkeit in der Bekämpfung antisemitischer Bestrebungen weiten Kreisen bekannt, ist zum Mitglied dei dortigen Stadtverordnetenversammlung gewählt worden. — In Er gänzung der jüngst gebrachten Mittheilung aus München über di> Perles - Stiftung, an deren Spitze nunmehr Herr Rabbiner Dr. Werner steht, sei bemerkt, daß dieselbe bereits am 12. Mär; d. I. in einer von Herrn Rabbinatsverweser Dr. E. Meyer ein berufenen und geleiteten Versammlung ins Leben gerufen wurde. - In Kis-Szönto (Ungarn) ist der kleine Baron Alexander v. Königs warter, durch dessen Taufe in letzter Zeit der Anlaß zu einer Erb' streitigkeit in der Familie Königswarter gegeben worden war, gestorben. — In Kolomea erscheint wieder ein neues Journal, „Swiatio“ oder „Hamaor“ eine Monatsschrift, gewidmet den Angelegenheiten der Schulen der Baron Hirsch-Stiftung. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur ist Wilhelm Grünes. — In Fiume ist am 14. d. der langjährige Prä sident der israelitischen Kultusgemeinde, S. L, Mondolfo, im Alter von 62 Jahren zu Grabe getragen worden. Der Verblichene, der beinahe vier Dezennien in der Gemeinde fungirte, war zugleich Aufsichtsrath der Arbeiter-Bank, viele Jahre hindurch Präsident der dortigen Kaufmannschaft Vizepräsident der Filhaniionica-drammatica, erfreute sich des besten Rufes und stand im größten Ansehen in der ganzen Stadt — Der Bankier Sacerdoti ist vom König von Italien in den Grafenstand erhoben worden. Er führt den Namen v. Corobbio. — Am 8. d. M. starb in Paris als Opfer seines Berufes Dr. Heinrich Schafier im 49. Lebensjahre eines plötzlichen Todes. Mit ihm ist ein guter Mensch, ein wackerer Arzt, ein vielverdienter Jude aus dem Leben geschieden. Zu Kalisch in Russisch-Polen geboren, kanr er um die Mitte der siebziger Jahre als Jüngling nach Paris, um Medizin zu studiren. In verhältnißmäßig kurzer Zeit erreichte Schafier, dank der Förderung des Präsidenten der Miaute israelite, S. H. Goldschmiedt, das augestrebte Ziel, wurde Doktor der Medizin, Hausarzt des Herrn Goldschmiedt und erlangte binnen Kurzem eine reiche Klientel. — Die französische Beförderungsliste dieses Monats weist abermals im Heere einige Juden auf. Mr. Dennery, Bataillonschef, ist Oberstlieutenant, Kapitän Salomon Jules Levy ist Bataillonsches, die Lieutenants M. Weiß und L. E. Braun sind Kapitäns geworden. — Unter den Juden in Saloniki soll (Saloniki zählt etwa 60,000 Juden, meist spanischer Abstammung) beim Eintritt der Feiertage eine gereizte Stimmung bemerkbar gewesen sein. Es wurden verschiedene türkische Soldaten von herumziehenden Juden bedroht. (In Saloniki sind auch sämmtliche Lastträger, Bootsleute und sonstigen Arbeiter Israeliten.) Einem Gendarmen wurde ein Revolverj an den Kopf ^geworfen. Einem anderen brachte ein 14jähriger Bursche am .Hellen Tage auf dem Markte fünf tödtliche Wunden bei, an denen der Gendarm starb. Bestätigung dieser seltsamen Angaben bleibt abzuwarten. — Nach einer jetzt geschlossenen Uebereinkunft zwischen der jüdischen Gemeinde und dem Schulrath von Melbourne soll die konfessionelle jüdische Schule eingehen, dagegen in allen Staats- und Stadtschulen jüdischer Religionsunterricht ertheill werden. Die Kosten werden durch freiwillige Zeichnungen der Juden aufgebracht. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktton. Mar Bauchwitz in Berlin.